«Sorry, ich bin Schiedsrichter und nicht euer Trainer»

Ein Griff in die Trickkiste und ein Schlupfloch im Regelbuch – wie Italien fast die Rugby-Grösse England übertölpelt hätte.

Schiedsrichter Romain Poite spricht Klartext – und die TV-Kommentatoren wundern sich. Video: ITV

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Wie Schulbuben standen sie vor dem Schiedsrichter. Ahnungslos, ratlos und wenig vorteilhaft eingefangen von der Kamera am Kragen des Schiedsrichters. «Was sollen wir denn jetzt tun?», fragte Dylan Hartley, was ziemlich seltsam wirkte, hat er in seiner Karriere doch ­immerhin 81 Länderspiele bestritten und – so müsste man meinen – gesehen, was es im Rugby-Sport zu sehen gibt. Wegen mehrerer Vergehen war er im Lauf seiner Karriere 60 Wochen gesperrt gewesen.

Im dritten Spiel der diesjährigen Six-Nations-Meisterschaft gegen Italien stiess Hartley nun wieder an die Grenzen seiner Regelkenntnisse. Die Azzurri, seit Jahren regelmässig das schwächste Team der Kontinentalmeisterschaft, hatten im Auswärtsspiel im legendären Twickenham-Stadion eine höchst ungewöhnliche Taktik angewandt und so für Konfusion bei den Engländer gesorgt. Nicht nur die Spieler waren irritiert, auch das Heimpublikum reagierte immer heftiger mit Buhrufen und Pfiffen.

Englands Captain Dylan Hartley (rechts) und Teamkollege James Haskell im Dialog mit Schiedsrichter Romain Poite. Bild: Reuters

Dabei war alles legal – Italien hatte bloss eine Lücke in den Spielregeln ausgenützt. So gab das Team in den sogenannten Ruck-Situationen die Verteidigungsarbeit auf. In diesem Gedränge unterstützen die Angreifer den am Boden liegenden Ballträger und sind dabei durch Offside von gegnerischen Attacken geschützt – sofern sich Verteidiger dem Gerangel am Boden anschliessen. Ohne direkt beteiligte Gegenspieler jedoch kein Ruck, dies besagt Paragraf 16 des Regelbuchs. Und ohne Ruck kein Offside. Die Italiener konnten die Engländer daraufhin also ungestraft attackieren.

Die Engländer wussten nicht, wie mit der Taktik umzugehen, waren in der ersten Halbzeit komplett überfordert und gerieten gar zweimal in Rückstand. Die erste Niederlage gegen den notorischen Aussenseiter überhaupt drohte. «Es herrscht das nackte Chaos», bemerkte Nick Mullins, Kommentator des Senders ITV, halbwegs belustigt.

«Ich kann den Frust verstehen»

Wieder und wieder besprachen sich die Engländer bei Unterbrüchen. Und als sich nach gut einer halben Stunde Hartley zusammen mit James Haskell bei Schiedsrichter Romain Poite erkundigte, ob er dem komischen Treiben nicht doch endlich ein Ende bereiten könnte, kam es zu einem Dialog, der in die englische Sportgeschichte eingehen dürfte. «Ich hätte gerne eine Klarstellung in dieser Ruck-Sache», bat Haskell.

«Ich kann den Frust verstehen, aber so sind die Regeln», sagte der kleingewachsene Franzose, der – so verlangt es das Rugby-Protokoll – erst einverstanden sein musste, dass ihn mit Haskell ein Spieler anspricht, der nicht Captain ist. Und als ihn die beiden Spieler gar fragten, wie sie sich gegen die Taktik wehren könnten, entgegnete Poite gelassen: «Sorry, aber ich bin Schiedsrichter, nicht euer Trainer. Ihr müsst versuchen, selbst ein Lösung zu finden.»

Harsche Worte des Experten

Haskell fragte sogar noch nach: «Was genau besagt die Regel?» Worauf Poite sie auf den zweiten Unterparagrafen genau benannte – und einer der ITV-Experten fand: «So etwas habe ich bei einem internationalen Spiel noch nicht erlebt. Entschuldigung, aber auf diesem Niveau musst du die Spielregeln kennen.»

Obschon sich England aus der miss­lichen Lage befreien konnte und die Italiener dank einer klaren Leistungssteigerung nach der Pause schliesslich 36:15 schlug, blieb vorab Ärger zurück. Nationaltrainer Eddie Jones verlangte noch am selben Abend eine Änderung der ­Regeln, er zeterte: «So spielt man heutzutage nicht mehr Rugby. Wer soll schon Geld dafür zahlen, so etwas zu sehen?» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.02.2017, 18:32 Uhr

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