«Wer andere Winterspiele will, soll auch kandidieren»

IOK-Präsident Thomas Bach lud am Amtssitz in Lausanne zum Gespräch. Neben viel Ungefährem sprach er von Reformen.

IOK-Chef Thomas Bach. Foto: Keystone

IOK-Chef Thomas Bach. Foto: Keystone

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Das IOK-Präsidium ist kein Amt für ­Reisemüde. Sieben Monate hat Thomas Bach nun das höchste Sportamt inne; die vergangene Woche war die erste, die der Deutsche komplett an seinem neuen Wohn- und Arbeitsort verbrachte, in ­Lausanne. Er besuchte am Samstag den Markt, entdeckte das eine oder andere Restaurant … Alles Neuland für Bach, der zwar in den 20 Jahren als IOK-Abgeordneter regelmässig an den Hauptsitz in der Westschweiz gereist war. Sich aber eben nur da und im angrenzenden Olympiamuseum, aufgehalten hatte – oder im Hotel.

Der 58-Jährige hat ein intensives erstes präsidiales Halbjahr hinter sich. Im Februar war er bei den Winterspielen in Sotschi, leitete seinen ersten Kongress, stiess die Agenda 2020 an, die für Reformen in vielerlei Bereichen sorgen soll.

Bach entschuldigt sich höflich, dass er die Schweizer Medien nicht schon eher habe empfangen können. In diesen Tagen kümmert er sich um alle möglichen Schweizer Institutionen: Er empfing den Präsidenten des Roten Kreuzes, traf sich mit den Oberen der Stadt Lausanne, mit jenen des Kantons Waadt und mit dem Bundespräsidenten. Mit diesem sprach er über die Abstimmung «Gegen Masseneinwanderung», Bach befürchtet Folgen für sein internationales Personal. Er fügt aber an: «Das ist die Demokratie, man muss das respektieren.»

Die Sätze in Watte

Der Satz ist zentral im IOK-Kontext. Zuletzt wandten sich gerade die westeuropäischen Demokratien von der Idee der Olympischen Spiele ab. In der Schweiz, in Deutschland, in Österreich oder in Schweden fanden Kandidaturen keine Volksmehrheiten. Das Aus droht nach letzten Meldungen auch der Bewerbung für die ­Winterspiele 2022 von Oslo. Derzeit in der Favoritenrolle: Almaty in ­Kasachstan, nicht eben als demokratisch regiert bekannt. «Wer andere Winterspiele will, soll auch kandidieren. Alles andere ist nicht konstruktiv», sagt Bach keck. Es bleibt eine von wenigen fassbaren Aussagen während des einstündigen Besuchs.

Ansonsten wirken seine Sätze wie in Wattebäuschen – egal, in welcher Sprache er spricht. Für sein Französisch entschuldigt er sich ganz zu Beginn, obwohl es tadellos ist. Wenn ihm ein Wort fehlt, findet er es auf Englisch. Das passiert ihm auch, wenn er auf Deutsch antwortet. Das Ungefähre bleibt auch hier, manchmal macht es fast den Eindruck, irgendwo zwischen den Tausenden von Kongressen, Reisen und Nächten in ­Hotels rund um den Globus sei ihm selbst die Muttersprache fremd geworden.

Der Plan eingebetteter Spiele

Fremd ist ihm auch noch die Rolle als ­Repräsentant. Nach einigen routinierten Begrüssungsworten fragt Bach seine Gäste: «Möchten Sie sich mein Büro ­anschauen?» Letzteres wird dann um­gesetzt, es wird eine kleine Führung mit Anmerkungen des Präsidenten zur Olympiakunst, die an den Wänden hängt. Während die Gänge das Ambiente eines Luxushotels verströmen, wirkt der Vorraum zum Büro wie jener einer Arztpraxis, sympathisch unprätentiös. Gleiches gilt fürs Büro. In der Steckdose am Boden wird das Handy aufgeladen.

Später folgen dann doch noch ein paar ernstere Antworten. Wenn er von der Agenda 2020 spricht, sind von ihm neue Ansichten zu hören. «In der Vergangenheit – und das hatte damals so seine Richtigkeit – wurden Kandidaturen wie die Expansion einer Franchise gehandhabt. ‹Es brauchte so viele Stadien, mit so vielen Plätzen›, und so weiter. Das wollen wir anders gestalten. Wir möchten die Kandidaten auffordern, mehr nachzudenken, kreativer zu sein. Uns zu zeigen, wie sich Olympische Spiele in ihr soziales, ökologisches, ökonomisches Umfeld einfügen lassen.» Zudem erwähnt Bach, künftig würden temporäre Bauten bevorzugt, der Nachhaltigkeit wegen. Also keine Olympiaruinen mehr? In diesen Monaten treffen sich die Arbeitsgruppen der Agenda 2020 erstmals. Was davon tatsächlich umgesetzt wird? Ihr Name sagt es: In spätestens sechs Jahren wissen wir es.

Rio? – «Weiter zuversichtlich»

Noch eine Frage, Herr Präsident: Wie steht es um die nächsten Spiele in Rio? Es ist von grossen Rückständen bei den Bauten zu hören. Bach lobt den Einsatz der lokalen Organisation, die Dynamik des Bürgermeisters, «nur die Verzahnung mit der Regierung in Brasilia muss noch besser werden» – was auch immer das heissen mag. Dann schliesst Bach mit: «Wir sind immer noch zuversichtlich.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.05.2014, 23:50 Uhr)

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