Womöglich kennt nicht einmal die Weltmeisterin selbst ihr wahres Geschlecht
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 20.08.2009
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Nein, man kann wirklich nicht sagen, dass es an diesen Leichtathletik-Titelkämpfen nicht an bizarren Begleiterscheinungen fehle. Die grosse Doping-Diskussion über die Jamaikaner, die provozierenden Aussagen des Deutschen Diskus-Weltmeisters Robert Harting, die clownhaften Auftritte von Tausendsassa Usain Bolt, die Kritik um die teuren Ticketpreise – und jetzt noch das: Eine 18-jährige Frau aus dem Süden Afrikas läuft aus dem Nichts kommend ihre Gegnerinnen in Grund und Boden und sichert sich den Titel. Doch nicht nur die Konkurrenz fragt sich: Hat sich Caster Semenya beim falschen Geschlecht für den Wettbewerb angemeldet?
Semenya, die tatsächlich äusserlich sogenannte männliche Züge aufweist, muss sich medizinischen Tests unterziehen, ob sie überhaupt weiblichen Geschlechts ist. Dem Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) sind natürlich solche Untersuchungen peinlich, dennoch geht man mit Vorsicht mit dem Fall um. «Das ist ein sehr sensibles Thema. Wir haben keine abschliessenden Beweise. Und es gab deshalb keinen Grund, ihren Start zu verbieten», erklärt IAAF-Sprecher Nick Davies. Er könne auch nicht sagen, was passieren würde, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass Semenya unwissentlich ein Mann sei.
Keine vorgeplanten Schritte
Davies stellt aber sofort klar, dass dies nicht mit einem Dopingvergehen vergleichbar sei. «Es gibt keine vorgeplanten Schritte. Wir gehen diskret mit dem Fall um. Es handelt sich um ein medizinisches Thema.» Die Untersuchungen der Läuferin, die in der Jahresweltbestzeit von 1:55,45 Minuten durchs Ziel stürmte, hätten bereits vor Kurzem begonnen. «Mindestens vier Experten sind daran beteiligt», fügt Davies zu.
Die Beispiele aus Atlanta
Man hüte sich, den Teenager aus Südafrika vorschnell zu verurteilen. Das Internationale Olympische Komitee hatte 1968 eine umstrittende «gender verification» (Geschlechtstest) als verbindlich eingeführt. Vor den Sommerspielen in Sydney im Jahr 2000 wurde diese obligatorische Kontrolle wieder abgeschafft. Untersuchungen sind nur in strittigen Fällen vorgesehen, so auch bei der IAAF.
Normalerweise weisen Frauen zwei X-Chromosomen (XX) in ihren Zellen auf, Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Manche mit einem Y-Chromosom geborenen Menschen entwickeln alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau – ausgenommen der inneren Sexual-Organe. Sie leiden unter dem Androgen Insuffizienz Syndrom (AIS).
Diese Frauen sind XY, allerdings kein Mann, weil ihr Körper nicht auf das produzierte Testosteron reagiert. Deshalb dürften sie auch bei den Frauen starten. Sieben der acht Frauen, die 1996 bei Olympia in Atlanta positiv auf Y-Chromosomen getestet wurden, hatten AIS und durften teilnehmen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.08.2009, 12:08 Uhr




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