Zürcher Nixen im Olympia-Rausch

Das Synchronduett Sophie Giger und Sascia Kraus strebt vor Olympia nach der totalen Perfektion und leidet dafür jeden Tag bis zu sieben Stunden.

Synchron bis in die Fingerspitzen: Sophie Giger und Sascia Kraus während des Trainings im Hallenbad Oerlikon. (Video: Lea Blum, Sebastian Rieder)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In hohem Bogen spritzt das Wasser über das Becken, zwei junge Frauen stechen heraus, wie aufgeschreckte Frösche schiessen sie aus dem Bassin, für einen Augenblick ragt der Oberkörper samt Hüfte heraus – die Arme weit ausgestreckt –, bis zur maximalen Entfaltung biegen sich die gespreizten Finger über dem Kopf. Ein breites Grinsen begleitet die atemberaubende Akrobatik und überspielt die Anstrengung.

Der Ausdruck im Gesicht, die Spannung im Körper, die Eleganz der Ausführung sowie das Tempo, der Rhythmus und die einheitliche Umsetzung sind die zentralen Elemente im Synchronschwimmen. Eine Leidenschaft, die für Sophie Giger und Sascia Kraus bei aller Freude auch viel Leiden schafft. «Die Trainings sind lang und hart, oft haben wir Muskelkater, und wenn wir abends nach Hause kommen, brauchen wir Ruhe und wollen dann eigentlich nur noch schlafen», sagt Kraus und findet Zustimmung bei Giger. «Wir leben unseren Traum, aber die hohe Kadenz der Trainings macht uns manchmal müde im Kopf.»

Mehr als 35 Stunden pro Woche feilen Kraus und Giger an ihrer Form. Jeden Tag trifft sich das Duo morgens um halb sieben zum Training. Für gewöhnlich ist das im Hallenbad Oerlikon, seit vorletztem Montag und noch bis heute im Centro sportivo in Tenero. Fünf Stunden tauchen und strampeln bis zur Mittagspause. Hundertfach werden dabei die einzelnen Übungselemente perfektioniert. «Knochenarbeit» nennt das Coach Olga Pylypchuk. Die 44-jährige Österreicherin mit ukrainischen Wurzeln erfüllt das Klischee einer ehemaligen Spitzenathletin aus der damaligen UdSSR. 2011 ging die frühere Synchronschwimmerin mit Weltklasseformat in Zürich das Engagement als Cheftrainerin bei den Limmat-Nixen ein und führte gleichzeitig die Schweizer Nationalmannschaft.

Konsequenz und harte Arbeit

Seit zwei Jahren leitet sie als Headcoach das Olympiaprojekt von Giger und Kraus. «Ohne Olga geht es nicht», findet Kraus. «Sie hält uns ständig den Spiegel vor», sagt Giger. Disziplin und Beharrlichkeit haben für Pylypchuk höchste Priorität, es sind die Schlagworte auf dem Weg nach Rio. «Sascia und Sophie arbeiten mit viel Freude, aber sie haben auch verstanden, dass es viel Überwindung und Selbstdisziplin braucht», sagt Pylypchuk und freut sich über deren Fortschritte und Opferbereitschaft. «Sie haben mit Konsequenz und harter Arbeit innerhalb von einem Jahr einen riesigen Sprung gemacht.»

Es scheint, als habe die Verpflichtung von Pylypchuk als Vollzeittrainerin die mehrfachen Schweizer Meisterinnen aus einer Blase der Bequemlichkeit befreit und sie wie aus dem Nichts international etabliert. An der EM 2014 tauchten Giger/Kraus plötzlich auf Rang 8 auf, an der diesjährigen EM folgte der Sprung auf Rang 6. Für Wirbel sorgten die jungen Frauen diese Saison am German und Japan Open, wo sie zweimal mit Platz 2 den Sieg nur knapp verpassten. «Aus den Erfolgen schöpfen sie die Kraft für die harten Trainings», sagt Pylypchuk. «Um der Konkurrenz die Stirn zu bieten, müssen wir jeden Tag nutzen.»

Finanzielle Flaute

Ausbezahlt haben sich der Aufwand und die positiven Resultate bisher nicht, denn Preisgeld gibt es auch an grossen Wettkämpfen nicht. Die finanzielle Flaute wird zur Hälfte mit einem Förderbeitrag von Swiss Olympic und Swiss Swimming überbrückt. Die andere Hälfte wird vom Projektteam generiert, nötig ist auch ein grosszügiger Griff in die Schatztruhe der Limmat-Nixen, um die jährlichen Kosten von weit über 100 000 Franken zu decken.

Viele kleine Sponsoren helfen dabei, auch die kleinen Spesen zu decken. Ein offizieller Erfolgsbeitrag winkt dem Synchronduett in Rio aber erst beim Erreichen eines olympischen Diploms, zwischen 4000 und 16 000 Franken werden von Rang 8 bis 4 ausbezahlt. Für Gold gibt es 60 000 Franken. «Geld ist nicht unser Ziel, wir wollen einen Platz in den Top 12. Das wäre für uns wie der Gewinn einer Goldmedaille», sagt Sascia Kraus. «Ich habe schon als kleines Kind davon geträumt, an Olympia teilzunehmen. Jetzt haben wir tatsächlich die Möglichkeit, die Schweiz zu vertreten», sagt die 23-jährige Floristin aus Thalwil.

Grosse Augen macht beim Gedanken an Rio auch die zwei Jahre jüngere Sophie aus Uster, die nach der Matur in Zürich nicht nur intellektuell ihre Grenzen sucht. «Wir wollen immer unser Maximum rausholen und streben jeden Tag nach Perfektion», sagt Giger. Unverzichtbar ist dabei das Feedback der Trainerin. «Erst wenn Olga nach der Kür zufrieden ist, sind wir auch glücklich.»

Erst fluchen, dann Kaffee trinken

Das Problem auf dem Weg zur Perfektion ist nur, dass Coach Olga selten zufrieden ist. So ist das auch an diesem Montag, der auch ein Mittwoch sein könnte. Die Tage im Hallenbad unterscheiden sich nur durch das Datum. Während der Übung schallt aus einem kleinen Lautsprecher am Beckenrad wilde Perkussion übers Wasser, ein harter Soundteppich aus Techno und Rock gibt den Rhythmus vor, unter Wasser sorgt ein zusätzlicher Klangkörper für akustische Orientierung. Immer wieder stoppt die Trainerin die Musik.

Die letzten Feinheiten bei der Umsetzung der Figuren bringen viel Repetition und Reibung mit sich. Kopfüber verschwinden Kraus und Giger wieder im Wasser, aus der Tiefe schrauben sich plötzlich nur die Beine an die Oberfläche, kerzengerade ragen die Füsse heraus, während sich ein Knie langsam beugt. «Das ist totale Sch... Seid ihr noch am Schlafen?», schimpft Pylypchuk und verschwindet. «Sie braucht nur einen Kaffee», sagt Giger und grinst.

Anerkennung von der Konkurrenz

«Tak-tak-tak», tönt es wenig später aufs Neue, die Trainerin hat das Mikro wieder in der Hand, setzt sich auf den Plastikstuhl und nippt am Kaffee, bevor sie den Takt vorgibt. «Fünf-sechs-siebenacht» – für jede Figur wird bis acht gezählt, wieder drehen sich Giger/Kraus kopfüber dem Boden entgegen, während das rechte Knie über Wasser plötzlich einen Winkel bildet und sich der grosse Zeh erneut am anderen Bein entlang bis zur Leiste vorarbeitet. «Bravo, schon besser», stellt Pylypchuk fest.

Den Feinschliff für Rio holen sich Giger und Kraus ab heute in Florida, wo sie in Miami einer Einladung vom kanadischen Nationalteam nachkommen, um sich dort mit zwei Anwärterinnen für olympisches Edelmetall zu messen. «Das ist eine sehr schöne Anerkennung für uns», sagt Kraus. «Wir sind in dieser Saison wahrgenommen worden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.07.2016, 08:34 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Blogs

History Reloaded Kampf gegen die Einheitswelt

Sweet Home Das tut einer Männerwohnung gut

Die Welt in Bildern

Abgetaucht: In Zürich geniesst man die sommerlichen Temperaturen mit einem Bad im See. (26. Mai 2017)
(Bild: Walter Bieri) Mehr...