Was Klitschkos Niederlage fürs Boxen bedeutet

Anthony Joshua und Wladimir Klitschko liefern beste Werbung für ihren Sport – der Löwe besiegt die Legende durch Technischen K. o.

«Beim Boxen geht es um Charakter»: Anthony Joshua nach seinem Sieg über Wladimir Klitschko in London. Foto: Richard Heathcote (Getty Images)

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Es gab die grossen Kämpfe von Muhammad Ali gegen Sonny Liston und Joe Frazier, es gab seinen «Rumble in the Jungle» gegen George Foreman in Kinshasa, wo die Menschen ihm zuriefen: «Ali, boma ye!», Ali, töte ihn. Es gab diese unerreichten Jahre des Schwergewichtsboxens in den 60er- und 70er-Jahren, ferne Zeiten.

Am Samstag kehren sie zurück, wenigstens für einen Abend, für 10 Runden und 2:25 Minuten. Anthony Joshua und Wladimir Klitschko, die 110-Kilo-Hünen, bieten den 90 000 Zuschauern im Londoner Wembley ein Spektakel. Der Rahmen stimmt, die Show erst recht. Das ist so anders als vor zwei Jahren, als die Weltergewichtler Floyd Mayweather und Manny Pacquiao in Las Vegas zwar rund 500 Millionen Dollar einspielen, aber einen müden Kampf abliefern. Jo­shua und Klitschko dagegen, der Löwe und die Legende, liefern sich ein Duell, das alles hat, um als Klassiker in die Geschichte des Boxens einzugehen.

Klitschko, schon zweimal Weltmeister und bis 2015 während zehn Jahren Regent des Schwergewichts, läuft zu «Can’t Stop» von Red Hot Chili Peppers ein. In den ersten Zeilen heisst es. «Kann nicht aufhören, bin abhängig vom Rummel / Cop Top sagt, du wirst gross gewinnen.» Joshua mag es schrill, er lässt sich auf eine Bühne heben, links und rechts brennen seine Initialen, hinter ihm schiessen Flammen hoch.

Klitschkos fehlender Instinkt

In der 5. Runde öffnet sich ein Riss über Klitschkos linkem Auge. Joshua riecht Blut und schickt Klitschko mit einem Unwetter zu Boden, was einem Kämpfer zuvor letztmals 2005 gelang.

In die 6. Runde startet Klitschko, als hätte es die 5. nicht gegeben und als wäre kein Cut über dem Auge. Eine rechte Gerade findet das Ziel, Joshua erlebt, was er in den 18 Kämpfen zuvor nie erlebt hat: Er muss zu Boden. Kämpft sich hoch. Und wirkt angeschlagen. «Aber er schaffte es, sich zu erholen», berichtete Klitschko. Das hat auch mit ihm zu tun, mit seinem fehlenden Instinkt. Er erkennt die Chance nicht, die sich ihm in diesem Moment bietet, er setzt nicht nach, obschon er spürt, dass Joshua nachlässt und unkonzentriert wird. Er lässt ihn atmen. Und wieso? Weil er sich so sicher ist, dass das sein Abend ist. Weil er sich darum noch etwas Zeit nimmt. Später sagt er: «Ich hätte nach dem Niederschlag mehr machen können. Das ist bitter.»

Der Kampf verliert zwei, drei Runden lang an Tempo. Beide leiden. Joshua macht auf Ali und beginnt auf Klitschko einzureden: «Wladimir, in der nächsten Runde versohle ich dir den Hintern.»

Nach 10 Runden und Punkten steht es unentschieden. In der 11. trifft Joshua mit einem fürchterlichen Aufwärtshaken das Kinn Klitschkos, 7 Sekunden später bringt er ihn mit einer linken Geraden auf die Knie. 17 Sekunden später liegt Klitschko auf dem Rücken, nach einer wuchtigen Kombination des Gegners. 40 Sekunden schaut der Ringrichter danach noch zu, bis er den Kampf nach einer nächsten Serie von Schlägen an Klitschkos Kopf und Körper abbricht.

«Fury! Tyson Fury! Wo bist du?»

Mit 18 begann Joshua zu boxen, mit 23 wurde er Olympiasieger, mit 27 Jahren und 7 Monaten ist er das, was das Boxen gebraucht hat: ein neues Gesicht. Er sagt: «Beim Boxen geht es um den Charakter: Wenn es wirklich dreckig wird, dann lernst du, wer du wirklich bist.»

Joshua ist emotional, sagt er selbst. Und er sagt: «Auf so eine Schlägerei musst du vorbereitet sein.» Und schreit auf einmal ins Mikrofon, das er dem Reporter von Sky aus der Hand genommen hat: «Fury! Tyson Fury! Wo bist du?»

Fury ist das Schreckgespenst des Boxens, manisch-depressiv, wie er bekennt, gedopt und darum aller WM-Gürtel entledigt, die er im November 2015 von Klitschko erobert hatte. Joshua gegen Fury – «das wollt ihr doch alle sehen!», ruft Joshua. Und er selbst möchte das auch: «Einen wirklichen Bösewicht» vor den Fäusten haben.

Bei Klitschko gegen Joshua war nichts von Gut gegen Böse zu sehen. Klitschko redet vom Kampf zwischen «zwei Gentlemen». Joshua nennt Klitschko «ein Vorbild für jeden» und reisst zum Zeichen der Anerkennung dessen rechten Arm hoch. Der Ukrainer sagt: «Auch wenn die Gürtel beim Gegner sind: Ich habe weder meinen Namen noch mein Gesicht verloren.»

Die Frage jetzt ist für den 41-Jährigen: Wie weiter? Mit Joshua ist ein Rückkampf zwar vereinbart. Aber ist das sinnvoll, nach diesem Abend, in seinem Alter? Er will ein paar Tage Zeit, um zu überlegen. Joshua dagegen hat nach dem Kampf nur einen Wunsch: Er möchte wieder einmal bis Mittag schlafen. Es wird 16.30, bis er am Sonntag aufsteht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2017, 23:40 Uhr

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