Flinke Freaks am Kasten

Töggele kennt jeder, kann jeder. Wirklich? In Luzern demonstrieren Könner die Kunst des Tischfussballs. Und sie halten ein Plädoyer.

Wer Töggele für einen Beizenspass hält, war nie bei einem Turnier wie am Wochenende in Luzern. 12 Stunden Training pro Woche sind nötig, damit der «Snake-Shot» perfekt sitzt. Foto: Doris Fanconi

Wer Töggele für einen Beizenspass hält, war nie bei einem Turnier wie am Wochenende in Luzern. 12 Stunden Training pro Woche sind nötig, damit der «Snake-Shot» perfekt sitzt. Foto: Doris Fanconi

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Der junge Mann entschuldigt sich, er muss los, «an Tisch 6!», ruft der Speaker. Peter Felder stellt sich vor den Kasten, präpariert zwei Griffe mit Bändern wie ein Tennisracket. Er presst zwei Stöpsel in die Ohren und taucht nach dem ­Münzenwurf, der über das Anspiel entscheidet, in eine Welt ab, in der er sich nicht stören lässt. Nicht von der Musik aus den mächtigen Boxen, nicht vom ­Gedränge im Raum. Die Taktik hat er mit seinem Partner Adrian Schuler abgesprochen, die Kommunikation zwischen den beiden funktioniert fortan wortlos.

Feuriger Einsatz in allen Belangen und viel Pflege der Details gehören zur hohen Schule des Tischfussballs. Foto: Doris Fanconi

Felder (27) legt sich im Angriff den Ball zurecht, schaut Richtung Tor, baut Spannung auf, und dann geht es blitzschnell, das Auge wird überfordert. Dafür liefert dieser Ton, der Aufprall des Balls auf das blecherne Gehäuse, die ­Bestätigung: Tor! Er hat die Stange mit dem Unterarm gegen sich gezogen und den Verteidiger mit einem «Snake-Shot» ­düpiert. Felder zeigt keine Emotionen. Routinearbeit halt. Nach einem glück­haften Treffer klopft er mit der Faust auf die Tischkante, um den Kontrahenten zu signalisieren: «Sorry.» Die Vor­rundenpartie der Kategorie «Offenes Doppel» endet standesgemäss mit einem Sieg.

Mindestens 12 Stunden Training

Im Luzerner Jugendkulturzentrum Treibhaus treffen sich Freaks wie ­Felder, um ein Wochenende mit Tischfussball zu verbringen. Die Töggeler-­Gemeinde eröffnet ihr Jahr mit einem Turnier des Tischfussballclubs Luzern. Felder, ein angehender Sekundarlehrer, ist der Präsident des Vereins und begeistert über den Ansturm. Über 170 Spielerinnen und Spieler reisen an, auch aus dem Wallis und Bern, aus dem Simmental und der Ostschweiz, aus Deutschland, Österreich und Liechtenstein. Sie be­zahlen ein Startgeld zwischen 15 und 25 Franken und demonstrieren die Kunst des richtigen Töggele.

Auf engem Raum bestreiten 82 Teams das Turnier im Luzerner Treibhaus. Foto: Doris Fanconi

Mindestens zwölf Stunden pro Woche übt etwa Peter Felder, und wer das ­seriös macht, trägt nicht Jeans, sondern Trainingsanzug und Turnschuhe, so ist es im 22-seitigen Regelwerk verankert. «Viele Leute haben ein falsches Bild vom Töggele», sagt Felder, «sie glauben, dass man mit einem Bier am Kasten und einer Zigarette im Mund spielen kann.» Oft trainiert er im Clublokal allein, Tricks wie der «Snake-Shot» und der «Push-Shot» sollen sitzen. Disziplin, Ehrgeiz und mentale Fitness hält er für Grundvoraussetzungen, um auf höherem Niveau zu bestehen. Er beobachtet Gegner, seziert ihren Stil und unterscheidet sich als Techniker von jenen, die kräftig holzen: «Der Ball soll das machen, was ich will.»

Nadal und Swiss Olympic

In der Schweiz sind 2000 Lizenzierte ­registriert, Nationalteams existieren auch. Hannes Wallimann ist einer von ihnen, ein 24-jähriger Volkswirtschaftsstudent aus Obwalden, und wenn er mit seinen Kollegen an eine WM reist, muss er für Reise- und Übernachtungskosten selber aufkommen. «Manchmal kehre ich mit 300 Franken mehr im Porte­monnaie von einem Turnier heim», sagt er, «Tischfussball ist nicht sehr lukrativ, macht dafür riesigen Spass.» Kurz vor einem Einsatz zieht er ein Tupperware aus dem Rucksack, es ist sein Reservoir an Traubenzucker. Zum Ritual gehört normalerweise, dass er während einer Partie zwei Getränkeflaschen in seiner Nähe postiert hat, «so, wie das Rafael Nadal im Tennis macht», sagt er. Geregelt ist auch der Ablauf: Zuerst trinkt er Cola, dann Wasser.

«Es braucht Reaktion, Koordination, physische und psychische Ausdauer, dazu technische Raffinesse». Foto: Doris Fanconi

Im Luzerner Treibhaus stehen 15 Tische, Stückpreis 1500 Franken. Und von der Empore schaut Bernard Sallin begeistert hinunter, mit welcher Hingabe die Teilnehmer in 82 Teams auf ­engem Raum das Turnier bestreiten. «Genial!», findet er das, «super!» Der 60-Jährige ist Präsident des schweizerischen Verbandes mit 20 Clubs, vor 37 Jahren war er nationaler Meister. Jetzt kämpft er dafür, dass das Töggele von Swiss Olympic als Sportart anerkannt wird. Und mit welchen Argumenten? «Es braucht Reaktion, Koordination, physische und psychische Ausdauer, dazu technische Raffinesse», sagt der Berner, «bis in drei Jahren wollen wir unser Ziel erreicht haben.» Der Idealist investiert bis zu 15 Stunden wöchentlich in die Verbandsarbeit und spielt selber noch leidenschaftlich. ­Natürlich würde er sich den Support von Sponsoren ­wünschen, aber gleichzeitig hat es sein Gutes, dass nicht zu viel Preisgeld aus­geschüttet werden kann: «Es würde sonst nur zu hektisch.»

480 Franken für den Triumph

Die besonders flinken Handgelenke sind in Luzern auch zu später Stunde noch im Einsatz. Um 0.30 Uhr begegnen sich die Finalisten im offenen Doppel, gut eine Stunde dauert das Spiel – und ­endet mit dem Triumph von Felder/Schuler. Der Präsident des Veranstalters und sein Kollege erhalten 480 Franken. Sie stossen mit einem «Schnäpsli» auf den Sieg an und sind nach vier Stunden Schlaf wieder im Treibhaus, die ­Einzel-Bewerbe stehen an. Und Freaks dürfen da natürlich nicht fehlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2017, 20:05 Uhr

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