«Sterben für Red Bull?»

Extremsportler setzen sich immer grösseren Gefahren aus. Nach einem schweren Unfall formiert sich erstmals Widerstand.

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Es sind atemberaubende Bilder: Brandon Semenuk rast auf einer engen Piste durch den Canyon von Virgin, Utah, fliegt mit waghalsigen Stunts durch die Höhe, nur Zentimeter trennen den Mountainbiker vom Abgrund. Unter Beifall überquert der Kanadier die Ziellinie, später hält er stolz seine Trophäe in die Luft: Er ist der verdiente Sieger der Red Bull Rampage 2016 – der Beste unter den Mutigen.

Gefährliches Spektakel: Die Red Bull Rampage. Video: Tamedia/Reuters.

Das ist die Welt von Red Bull, wie sie der österreichische Getränkehersteller dem Publikum gerne präsentiert: Er sponsert Randsportler, die Spektakel versprechen, für die es keine Grenzen zu geben scheint – und ermöglicht ihnen so ein Leben, das ohne Red Bull unvorstellbar wäre: eine Karriere als Vollprofi. Diese Marketingstrategie ist in diesem Ausmass weltweit einzigartig und mit ein Grund dafür, dass Red Bulls Umsatz stetig wächst. 2015 verkaufte der Brausehersteller in 169 Ländern rund 6 Milliarden Dosen. Der Umsatz stieg um 15 Prozent auf 6,5 Milliarden Franken.

Es gibt aber auch noch die dunkle Seite dieses Engagements, die zeigt: Auch Extremsportler verkennen manchmal ihre Grenzen. Nicht jeder Unfall endet so glimpflich wie diejenigen auf Red Bulls Youtube-Kanal «Top 5 Crashes». Sondern auch mal tödlich.

Immer höher, immer weiter, immer gefährlicher: Während von Red Bull organisierten Anlässen starben in den vergangenen sieben Jahren sieben Menschen. Am 11. November 2009 sprang beispielsweise der Schweizer Basejumper Ueli Gegenschatz anlässlich eines Werbeauftritts für Red Bull vom 88 Meter hohen Sunrise Tower in Zürich, prallte gegen eine Kante des 25 Meter hohen Sockelbaus der Türme und schlug danach auf dem Boden auf. Der Appenzeller erlag zwei Tage später im Universitätsspital seinen Verletzungen, er wurde 38-jährig.

Nicht alle Unfälle im Zusammenhang mit Red-Bull-Events waren derart medienwirksam. 2013 stahlte die ARD den Dokumentarfilm «Die dunkle Seite von Red Bull» aus, erzählte unter anderem auch vom Tod des Motocrossfahrers Eigo Sato. Der Japaner verunglückte am 28. Februar 2013 während eines Rennens schwer und starb im Spital. Sieben Wochen nach dem Unfall war Sato auf der deutschen Website von Red Bull immer noch als «Red Bull X-Fighter» aufzufinden – heute ist immerhin eine kleine Meldung über Sato zu finden, datiert vom 1. März 2013.

In einer kürzlich erschienenen Reportage schrieb der «Spiegel»: «Es wäre nicht korrekt, wenn man sagen würde, dass sie wegen Red Bull starben. Man kann auch nicht sagen, dass sie ohne Red Bull noch am Leben wären. Was wäre die richtige Formulierung? Dass sie für Red Bull starben?» Das letzte bekannte Todesopfer hiess Michel Leusch: Der 34-Jährige starb Ende August 2016 während einer Flugshow in China.

Eine begehrte Trophäe

Als Beispiel für die aktuellen Mechanismen der Marketingmaschinerie nimmt das Nachrichtenmagazin den erst 18-jährigen Luc Ackermann. Der deutsche Freestyle-Motocrossfahrer ist Profi-Actionsportler, dank Red Bull. Im Alter von 16 Jahren wurde Ackermann entdeckt und bekam in der O2-Arena von Hamburg den Red-Bull-Helm überreicht. «Wer das Logo der Firma, zwei rote Stiere, auf seinem Helm trägt, gehört zu denen, die es geschafft haben», beschreibt der «Spiegel» die Bedeutung dieses Moments. Der Helm diene auch als Eintrittskarte in ein Reich, in dem Dinge möglich sind, die unmöglich erscheinen. Formel-1-Pilot Sebastian Vettel oder Felix Baumgartner, der aus der Stratosphäre hinab zur Erde sprang, sind zwei klingende Beispiele.

Eine begehrte Trophäe. So begehrt, dass die Konkurrenz Schlange steht und sich die Sportler keine Fehltritte erlauben dürfen. Schon gar nicht kommunikativ, weshalb am stetig wachsenden Druck – der Actionsport lebt vom Adrenalinkick seiner Zuschauer – keine Kritik geäussert wird. «Es ist ein Privileg, Red-Bull-Athlet zu sein», sagt Ackermann.

Um sich den Traum zu erfüllen, müssen die Athleten grosse Schmerzen in Kauf nehmen. So ist Ackermann derzeit zu einer Pause gezwungen. Im September brach bei einem Trainingsunfall der Oberschenkel. Travis Pastrana, eine Ikone des Extremsports, erlitt in den zwei Jahrzehnten seiner Karriere alleine am rechten Fuss 40 einzelne Brüche. Dazu brach sein linker Fuss, das linke Schienbein, beide Knöchel, das linke Wadenbein, der Kopf des Wadenbeins, das rechte Knie, das Steissbein, mehrfach die Hüfte, die Handgelenke, der linke Daumen und die Schlüsselbeine. Ausserdem riss sein vorderes Kreuzband am rechten Knie viermal, am linken Knie zweimal.

Selber schuld? Sicher, andererseits sind die lukrativen Sponsoringverträge so rar, dass sie in der Regel nicht ausgehandelt, sondern den Besten fertig vergeben werden.

Cam Zink ist einer der wenigen, die aus dieser gefährlichen Welt ausbrachen. Und der 30-Jährige liess während der Red Bull Rampage 2015 via soziale Medien verlauten, was er mittlerweile von dem spektakulären Treiben hält: «#fuckrampage»

Anlass war der Unfall seines Freundes Paul Basagoitia, der während des Rennens fiel und eine Klippe hinabstürzte. Dabei erlitt der US-Amerikaner einen Brustwirbelbruch, Nervenstränge wurden abgetrennt. Neun Stunden dauerte gemäss dem «Spiegel» die Operation: «Der Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben wird für Basagoitia lange dauern.» 2015 landeten 7 von den 42 eingeladenen Fahrern im Spital.

Höhere Preisgelder

Was Zink endgültig zur Weissglut brachte, war das Vorgehen der Organisatoren unmittelbar nach Basagoitias Unfall. Gemäss Zink hätte sein Freund auf einem Geländefahrzeug ins weit entfernte Spital gebracht werden sollen – erst der vehemente Widerstand einer Ärztin habe dafür gesorgt, dass Basagoitia mit einem Helikopter ausgeflogen wurde. Weil kein Notfallhelikopter mehr vor Ort war, hätte das Rennen unterbrochen werden sollen, so Zink weiter: «Weiss der Himmel, was passiert wäre, wenn sich kurz nach Paul ein zweiter Fahrer schwer verletzt hätte.»

Mit seinem öffentlich ausgedrückten Ärger hatte Zink einen wunden Punkt getroffen. Andere Fahrer schlossen sich, wenn auch meist anonym, dem Widerstand an und verlangten vor allem höhere Preisgelder. Zink selber hatte 2014 für seinen sechsten Rang 3000 Dollar erhalten. Damit deckte er knapp die Kosten für Unterkunft und Verpflegung seines Teams.

Und diese Bewegung trug erste Früchte: Red Bull erhöhte das Preisgeld von total 100'000 Dollar auf 150'000 Dollar, ausserdem wurde die Zahl der Fahrer halbiert, und jeder Teilnehmer erhält neu 5000 Dollar für die Spesen. Zink gedenkt nun eine Gewerkschaft für Mountainbike-Fahrer zu gründen: «Es ist ein erster Erfolg. Skateboarder können deutlich mehr verdienen, von Golfern erst gar nicht zu sprechen, und deren Risiko ist wirklich gering.»

Alleine mit höheren Zahlungen wird aber noch kein schlimmer Unfall verhindert. Ob Zink auch in Sachen Sicherheit etwas bewegen kann oder nur das Schmerzensgeld für die Sportler erhöht, wird sich erst noch zeigen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2017, 15:24 Uhr

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