Abruptes Ende, vielsagender Blog

Er war einst das Wunderkind der Skispringer, nun bricht er die Saison ab: Gregor Schlierenzauer. Seine Aussagen dazu lassen tief blicken – und haben erschreckende Parallelen.

Für das einstige Wunderkind Schlierenzauer ist Fliegen inzwischen eine Qual.

Für das einstige Wunderkind Schlierenzauer ist Fliegen inzwischen eine Qual. Bild: Keystone

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So hatte er sich das nicht vorgestellt. Nicht er, einer der prägenden Skispringer der vergangenen Jahre. Während Rivalen wie Peter Prevc oder Severin Freund um den Sieg in der Vierschanzentournee sprangen, musste er, der Sieger von 2012 und 2013 und Gewinner von insgesamt neun Einzelbewerben, zusehen. Seine Trainer hatten ihn vor dem letzten Springen in Bischofshofen aus dem Wettbewerb genommen. Weil, so begründete Trainer Heinz Kuttin, «ich gemerkt habe, dass es für ihn eine Qual ist».

Schlierenzauer schluckte den Entscheid, wie er im Blog auf seiner Website schrieb: «Ich habe längst akzeptiert, dass ich hinterherspringe. Es passt so ganz und gar nichts zusammen, und mir fallen auch keine Antworten mehr ein.» Am Donnerstag nun gab der 26-jährige Tiroler bekannt, dass er auch die Skiflug-WM Mitte Januar auslassen und stattdessen gleich seine Saison beenden werde. Er erklärte: «Ich mache nach zehn Jahren im Spitzensport eine Pause auf unbestimmte Zeit, möchte raus aus dem Rampenlicht.»

Die beiläufige Aussage des Trainers

Diese Aussage lässt aufhorchen. Steckt das einstige Wunderkind, das letztmals im Dezember 2014 ein Weltcupspringen gewann, einfach in einem schweren sportlichen Tief? Oder steckt mehr dahinter? Schlierenzauer befinde sich in ärztlicher Betreuung, um seinen Erschöpfungszuständen auf den Grund zu gehen, zitierte die «Wiener Zeitung» Trainer Kuttin kurz vor Weihnachten eher beiläufig. Eine bemerkenswerte Aussage.

Nur ausser Form oder ist es mehr? Schlierenzauer nach dem Sprung in Innsbruck. (3. Januar 2016)

Leidet Kuttins Schützling also unter einem Burn-out, unter Depressionen gar, wie vereinzelte österreichische Medien in der Folge spekulierten? Schlierenzauer wehrt sich gegen diese Diagnose von aussen: «Es wurden Dinge verbreitet, die einfach nicht der Wahrheit entsprechen.» Bei einer Medienkonferenz vor der Vierschanzentournee sagte er explizit, eine Depression sei bei ihm nicht festgestellt worden.

«Es war Horror»

Erschöpfungssyndrome sind im Sport nicht selten, werden allerdings meist erst nach dem Karriereende öffentlich gemacht. Denn: «Für die Verbandsspitze ist Depression eine Schwäche. Das ist einer der Gründe, warum sie noch immer ein Tabuthema ist», sagt Alexander Pointner, Schlierenzauers einstiger Trainer, bei dem die Krankheit noch während seiner Tätigkeit als österreichischer Bundestrainer diagnostiziert wurde.

Auch der einstige Spitzenspringer Sven Hannawald litt unter Depressionen, wie er später in einer Biografie kundtat. «Skifliegen war das Beste, das es für mich gab – wenn es gut ging. Wenn es schlecht lief, war es Horror», sagte der Deutsche im «Spiegel». Immer aber spürte Hannawald den Druck der Öffentlichkeit, unter dem er stand, weil er 2002 als erster (und bis heute einziger) Springer sämtliche vier Springen der Tournee gewann.

Wie Hannawald es beschreibt

Und was Hannawald im Interview umschreibt, lässt vielleicht eben doch auf Schlierenzauer schliessen. Er sagte: «Ich habe den Erwartungsdruck gespürt. Da ist ein Punkt erreicht, der geht aufs Hirn oder ans Herz. Du merkst, obwohl du keinen Stress hast, werden auf einmal die Beine schwer. Du bist müde und willst nur deine Ruhe. Das sind Zeichen, wenn du dich komplett zurückziehst. Bis man irgendwann keinen Weg oder keine Lösung mehr hat, was man machen soll.»

Schlierenzauer schreibt zum Abschluss auf seinem Blog: «Das Wort Rücktritt nehme ich bewusst nicht in den Mund. Ich weiss hier und heute ganz einfach nicht, was die Zukunft bringt, will das Feuer neu entfachen und mir ohne Zeitdruck klar darüber werden, wie mein Weg weitergeht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.01.2016, 17:45 Uhr)

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