Der Mann, der niemals altert

Medaillensammler des Wochenendes: Biathlet Ole Einar Björndalen schnappt sich mit 42 die 42. WM-Medaille.

Der phänomenale Norweger: Für Ole Einar Björndalen ist Sport wie eine Sucht.

Der phänomenale Norweger: Für Ole Einar Björndalen ist Sport wie eine Sucht.

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Sportler wollen siegen. Was aber treibt einen wie Biathlet Ole Einar Björndalen an, der an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften zusammen 53 Medaillen gewonnen hat – und darum von seinen Gegnern ehrfürchtig als «Medaillenfresser» bezeichnet wird? Der Norweger will weitere Titel, auch mit 42 Jahren, auch an der laufenden WM in Oslo. Darum ging er im Sommer über glühende Kohlen, im wahren Sinn, wohlverstanden. Schliesslich wird ein Normalo nicht der erfolgreichste Winterolympionike der Geschichte und 95-facher Weltcupsieger. Dafür bedarf es eines – gelinde ausgedrückt – speziellen Charakters.

Also legte Björndalen in der Holmenkollen-Arena, wo die Heim-WM stattfindet, Holz aus, zündete es an – und marschierte mit dem Gewehr auf dem Rücken über das glühende Kohlebeet. Dann rannte er zum Schiessplatz, feuerte liegend fünf Schüsse auf eine Zielscheibe, marschierte ein zweites Mal über die Kohle, rannte wieder zum Schiessplatz und schoss stehend fünf Mal auf die Scheibe.

Ein Volltreffer war diese eher bizarre Einstimmung des Seriensiegers. Gleich beim ersten Einzelrennen im Sprint erkämpfte er sich vorgestern Silber, in der Verfolgung doppelte er gestern mit einem weiteren zweiten Platz nach – und ergatterte sich somit seine 42. WM-Medaille. Die norwegischen Fans konnten sich vor Freude kaum mehr erholen. Zehntausende huldigten ihrem «Superveteranen» («Verdens Gang») nach diesem «Kanonenrennen» («Aftenposten») bei der Siegerehrung im Zentrum von Oslo.

Weltcup-Debüt im Clinton-Jahr

Zur bewegten Geschichte des Bauernbuben aus einfachsten Verhältnissen passt seine Vorbereitung: Im Sommer fiel er fast drei Wochen krank aus, gewann zum Saisonstart trotzdem und erstmals wieder nach vier Jahren – ehe er im Januar in eine Krise schlitterte, weil er mies schoss. Dabei hatte er seine Kugeln einst fast so schnell und treffsicher wie Lucky Luke abfeuern können und mit der Geschwindigkeit am Schiessstand für einen der vielen Standards in seinem Sport gesorgt.

Denn seine Karriere auf Elitestufe umfasst bereits 24 Jahre. Was die Welt damals beschäftigte? Der Bosnienkrieg beispielsweise – oder die Wahl von Bill Clinton zum 42. US-Präsidenten. Beides ist Geschichte, Ole Einar Björndalen aber rauscht noch immer über die Loipen mit seinem Gewehr auf dem Rücken.

Natürlich ist eine so lange Laufbahn auch von Zäsuren geprägt. Vor fünf Jahren verletzte er sich beim Holztragen schwer am Rücken und bangte lange um eine erfolgreiche Rückkehr, zumal er sich damals schon in einem fortgeschrittenen Athletenalter befand. Doch Björndalen rappelte sich auf, weil er seine Leidenschaft nie als Arbeit empfand, ja er kokettiert, selbst an trainingsfreien Tagen nicht ohne eine kleine Einheit auszukommen.

Ende Winter das Ende?

Seine Systematik – in fast jedem Aspekt seines Sportlerdaseins – half ihm dabei. So hat er etwa jedes Training der letzten 25 Jahre gespeichert. Was ihm guttut oder ihm schadet, weiss er schwarz auf weiss. Um ja nicht zu stagnieren, ändert er sein Vorbereitungsprogramm auf jede neue Saison hin um exakt zehn Prozent. Selbst der ewige Biathlet aber denkt ans Aufhören, das er schon einmal ankündigte und dann doch hinausschob. Nun will Ole Einar Björndalen, der sein Sporttreiben als «Sucht» bezeichnet, nach diesem Winter das Medaillensammeln lassen. Ob ers wirklich kann? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.03.2016, 11:22 Uhr)

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