Die Angst des Draufgängers

Simon Ammann ist seit dem Sturz vor einem Jahr ein anderer Athlet. Heute springt er am Unfallort Bischofshofen.

Der verhängnisvolle Sturz: Simon Ammann Anfang 2015 in Bischofshofen. Quelle: Youtube


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Simon Ammann donnert im ­Düsenjet durch die Alpen. Simon Ammann fliegt auf dem Flügel eines Propellerflugzeugs stehend übers Mittelland. ­Simon Ammann saust als Skispringer mit 110 km/h über den Anlauf von Flugschanzen und rauscht dann bis 240 m weit – bei ­einem Luftstand von mehreren Metern und ­einem Tempo von bis zu 130 km/h. Was Durchschnittsmenschen schon beim ­Beschreiben zum Schwitzen bringen kann, verbindet der Toggenburger mit Spass und Adrenalinrausch, natürlich auch mit Respekt.

Seit Ammann allerdings vor einem Jahr bei der letzten Station der Vierschanzentournee in Bischofshofen nach der Landung schwer stürzte, das Bewusstsein verlor und mehrere Tage im Spital verbrachte, ist beim Draufgänger ein neues, stetes Gefühl hinzugekommen: die Angst. In der vergangenen Saison sprach ­Ammann in der Öffentlichkeit nicht über seine ­Gefühle, blockte ab, sobald man ihn auf das sensitive Thema ansprach. Mittlerweile hat sich der 34-Jährige ein ­bisschen geöffnet und in sein Innenleben so viel Einblick ­gewährt, dass man weiss: ­Sobald er über eine Weltcupschanze muss, fürchtet er sich vor dem ersten Sprung. ­Jedes Mal.

Herzrasen und Gedankenkino

Bloss auf seiner Heimschanze in Einsiedeln überkommt ihn dieses Gefühl nicht, kann er stressfrei und unbeschwert arbeiten. Denn die Bewältigung seiner Angst – oder besser das Aushalten seiner Angst – ist nur eine Aufgabe, die er zurzeit lösen muss. Sie hängt mit der zweiten Aufgabe zusammen: Weil er sich seit seinem Unfall die Telemark-Landung mit dem linken Standbein nicht mehr zutraut, versucht er nun, das rechte zum Führungsbein zu machen. Obschon er diesem fundamentalen Wechsel in den letzten Wochen näher gekommen ist, fliege die Angst bei ihm sichtbar mit, sagen die Experten.

Die frühere österreichische Skisprung-Grösse Toni Innauer erkennt wie der Schweizer Skisprung-Chef Berni Schödler, dass Ammann den zweiten Flugteil nicht ausreizt. Wo er gegenüber der Konkurrenz früher entscheidende Meter herausholte, verliert er sie nun. Der Grund für seine Unsicherheit: ­Ammann versucht sich schon in der Luft ein bisschen mehr Zeit für die Landung zu verschaffen – statt ganz auf die Kraft des automatischen Handelns zu setzen.

Flieg Simi, flieg! Foto: Eibner Europa, Imago

Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann, der Ammann seit dessen Anfängen begleitet, sagt: «Wer zuversichtlich an seinen Sport herangeht, vertraut den hundertfach trainierten Abläufen. Aufs Skispringen übertragen, heisst das: Es springt mit einem.» Weil aber auch ­Gubelmann aufgefallen ist, dass Ammann zurzeit nicht «gesprungen wird», urteilt er: Dessen kognitive Angst hat seit dem Sturz zugenommen. Gubelmann meint damit die Bewertung der ­eigenen Ängstlichkeit, die bei Ammann in folgende Frage mündet: Traue ich mich, über die Schanze zu springen? Hinzu kommt der somatische Aspekt der Angst, der körperliche Reaktionen wie Herzrasen umfasst.

«Lernen, es auszuhalten»

Als Ammann nach seinem Sturz auf die Anlagen zurückkehrte, trommelte sein Herz wild. Hätte er diese Körper­signale falsch interpretiert, nämlich als sonderbar und auffällig, hätte er umgehend den kognitiven Aspekt der Angst aktiviert – und schon den Teufelskreis zum Drehen gebracht. Dank Erfolgs­erlebnissen, und mögen sie noch so klein sein, vermochte er diese schwierige Phase zu meistern. Ammann führte sie herbei, indem er erst auf Kinderschanzen trainierte, dann auf grösseren ­Anlagen, aber nur bei ­perfekter Präparierung, ohne Wind und mit wenig ­Anlauf.

Toni Innauer, der nach seiner ­Karriere Philosophie studierte, sagte der «Zeit» zum Thema: «Man kann die Angst besiegen, aber nur schrittweise und mit wachsender Bewältigungsüberzeugung. Man muss sich dafür immer neue, kleine Ziele setzen.» Hanspeter Gubelmann formuliert es zurückhaltender, ­indem er sagt: «Als Skispringer muss man lernen, Angst auszuhalten und sie zuzulassen. Schliesslich ist dieses Gefühl auch für einen Skispringer normal. ­Zudem kann Angst einen Sportler gar beflügeln, ­sofern er mit ihr ­umzugehen weiss.»

Wenn Simon Ammann heute Abend in Bischofshofen auf dem Balken sitzt, wird sein Herz rasen und er sich daran erinnern, dass er sein Selbstvertrauen in den letzten Monaten wieder sukzessive aufgebaut hat, er also stärker als seine Angst ist. Zumal er sich auch für einen «Sicherheitssprung» mit weniger Risiko entscheiden kann. Dass er sich befähigt fühlt, Bischofshofen schadlos zu überstehen, belegt sein Umgang mit seiner Familie. Frau Yana und Söhnchen Théodore waren letztes Jahr in Bischofs­hofen dabei, sie sind es auch heute. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.01.2016, 00:15 Uhr)

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