Hätte der «D-air Ski» Daniel Albrecht geholfen?

Der Airbag im Skisport wird ab heute in Gröden getestet. Doch nicht von den Schweizern – und die sind erbost.

Und plötzlich bläst sich um den Körper etwas auf: Werner Heel testete den «D-air Ski» bereits im «Trockenen».
Video: Youtube / Dainese

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«Das ist eine Revolution im Skisport.» Der Österreicher Hannes Reichelt, Kitzbühel-Sieger vom Januar, gerät geradezu in Euphorie beim «D-air Ski», von allen im Weltcupzirkus «Airbag» genannt. Seit der Erfindung des Helms, sagt Reichelt, sei nichts Vergleichbares mehr im ­Bereich Sicherheit gelungen.

Vor drei Jahren wurde in Gröden der Airbag für Skifahrer von der italienischen Firma Dainese erstmals vorgestellt. Er orientiert sich stark an den Vorbildern aus dem Motorradsport, wo dieser Schutz seit Jahren zum unverzicht­baren Standard gehört. Nicht zuletzt auf­geschreckt durch Stürze wie von Daniel Albrecht oder Hans Grugger (Ö), beide auf der Streif, wurde das Thema ­Sicherheit immer heftiger diskutiert.

Schwere Stürze wie der von Daniel Albrecht 2009 in Kitzbühel lancieren die Diskussionen um die Reduzierung der Risiken im Skisport immer wieder neu. Foto: Harald Schneider

«Das ist eine Katastrophe»

Jetzt ist der «D-air Ski» so weit bereit, dass er dem Reglement der FIS entspricht, der maximalen Dicke von 4,5 Zentimetern, wie sie auch für die klassischen Rückenprotektoren gilt. Am Lauberhorn in Wengen im Januar soll er erstmals in einem Rennen eingesetzt werden dürfen. In Gröden und in Santa Catarina (28. Dezember) wird er von zwölf Athleten im Training getestet, darunter fünf Österreicher – aber kein Schweizer. «Es ist eine Katastrophe», schimpft Abfahrtstrainer Sepp Brunner, «wir haben schon im Oktober nach Prototypen gefragt, aber bis heute keine bekommen.» Dainese ist nicht Mitglied im Ausrüsterpool von Swiss-Ski, deshalb müssten die Athleten oder der Verband die etwa 1500 Franken pro Airbag selbst bezahlen. Bei der FIS heisst es, das müsse der Verband mit Dainese klären, das laufe nicht anders als mit anderen Ausrüstungsgegenständen. Für Dainese ist Swiss-Ski in ­diesem Fall ein Kunde wie jeder andere.

Vermutlich deshalb teilen die Schweizer Athleten die Euphorie von Reichelt nicht unbedingt. «Ich muss erst mehr ­Informationen haben», sagt Beat Feuz. «Wie funktioniert das Ganze überhaupt? Wie gross ist die Gefahr, dass der Airbag ohne Grund ausgelöst wird?» Ein Beispiel war jüngst der spektakuläre Abflug von Patrick Küng in Beaver Creek, bei dem er sich mirakulös rettete und einem Sturz entkam. Wäre der Airbag dabei ­aktiviert worden, mit einem enormen Knall? «Nein», sagt FIS-Renndirektor Markus Waldner, «die Sensorik ist so ­intelligent, dass sie in diesem Fall eben genau nicht ausgelöst hätte.» Das würden Beispiele aus dem Motorradsport zeigen.

Nur der Beginn

Karlheinz Waibel war lange Cheftrainer des deutschen Männerteams und ist seit ­Jahren ein anerkannter Material- und ­Sicherheitsexperte. Für ihn ist der Airbag ein wichtiger Schritt, aber nicht der entscheidende Entwicklungssprung zu deutlich mehr Sicherheit im Skisport. Er sagt: «Es ist von grosser Bedeutung, dass die Firma Dainese einen Algorithmus entwickelt hat, der erkennt, wann ein Fahrer einen Sturz nicht mehr vermeiden kann.» Dann bläst sich der Airbag innerhalb von maximal 100 Millisekunden auf, und Rücken, Nacken, Schulter sowie Schlüsselbeine sind deutlich ­besser geschützt.

Bloss sind diese Körperteile nicht am häufigsten betroffen im Skisport. Das ist in der Regel das Knie, wegen der Hebelwirkung der Ski. Das Prinzip der Bindungsauslösung habe sich seit den 70er-Jahren nicht mehr stark verändert, sagt Waibel, «hier warten wir sehnsüchtig darauf, dass sich etwas tut». Aber wer soll dafür Geld investieren? Die Ski­firmen, wäre die logische Antwort, doch die haben allesamt seit Jahren zu grosse wirtschaftliche Sorgen.

So funktioniert der Airbag bei einem Motorradsturz. Video: Youtube

Deshalb sind eigentlich alle froh, dass Dainese den ersten Schritt getan hat, um den Algorithmus für den Airbag zu entwickeln. «Hier müssen wir weiterarbeiten», fordert Waibel, für den es eher der Beginn einer Revolution ist. «Denn wenn der Fahrer in der Situation ist, dass sich der Airbag auslöst, ist er auch froh, wenn er die Ski los ist.» Für ein derartiges System im Lawinenschutz, wo ebenfalls mit Airbags gearbeitet wird, ist in Deutschland zwar ein Patent eingereicht, laut Auskunft im Fach­handel ist es aber noch nicht für die praktische Umsetzung verfügbar.

Argwohn gegen die Österreicher

Vittorio Cafaggi ist in diesen Tagen recht kurz angebunden, der Entwicklungschef von Dainese ist im Stress. «Wir haben wirklich bis Anfang Woche am ‹D-air› ­gearbeitet», sagt er. Das Hauptproblem war die Verkleinerung der Elektronik und der Gaskartuschen, welche die Luftkammern aufblasen auf das zulässige Mass. Nun geht es um letzte Tests. Etwa um die Frage: Bilden die Luftkammern, in die schliesslich die Luft gejagt werden soll, vorher schon einen aerodynamischen Vorteil? Diese Frage stellt man sich im Weltcup vor allem seit diesem Winter, seit nämlich Dainese Aufnahme in den Ausrüsterpool des österreichischen Verbandes fand. «Der ÖSV weckt bei den anderen Nationen immer Argwohn», wie Waibel mit einem Lächeln sagt. Die Fähigkeit der Österreicher, das Reglement bis zum allerletzten Millimeter auszunutzen, ist nicht nur im alpinen Bereich hinlänglich bekannt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.12.2014, 15:15 Uhr)

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Die Neuentwicklung gegen Skisport-Verletzungen: Der Airbag «D-air Ski».

Im Motorradsport ist der Airbag bereits im Einsatz. Foto: Dainese

Huhn, Kamelbuckel – und Abfahrt erstmals am Freitag

Markus Waldner sorgte für grosses Gelächter in der ersten Mannschaftsführersitzung vor den Speedrennen auf der Saslong in Gröden. Der FIS-Renndirektor zeigte ein Dia von der Strecke am 3. Dezember: Alles grün, der einzige weisse Fleck war ein Huhn, das ungeniert über die Strecke stolzierte. «Es ist ein Wunder, dass wir nun am Wochenende zwei Rennen haben», sagte Waldner und lobte seine Südtiroler Landsleute, die quasi in letzter Minute mit Kunstschnee die Piste bauen konnten; geschneit hat es nie.

Doch die Schneedecke ist dünn und damit fragil. Deshalb wird erstmals die Abfahrt vom Samstag auf den Freitag vorgezogen. «Nach den Trainingsläufen wäre es zu heikel, die Strecke für den Super-G umzubauen und dann am Samstag wieder für die Abfahrt zu präparieren», sagte Waldner.

Wenn heute das erste Training stattfindet, soll das Wetter nach dem Regen der vergangenen Tage wieder besser sein, aufgeklart, das verspricht wenigstens für die Nächte Minus­temperaturen. Und wenn die Fahrer dann die Saslong hinunterrasen, werden sie sogar die Kamelbuckel und die tückischen Wellen auf den Ciaslat-Wiesen vorfinden. Weil sämtliche Hügel auf der Saslong mit Schnee modelliert werden müssen, hatte Waldner noch vor zwei Wochen befürchtet, dass es diese klassischen Stellen diesmal nicht geben werde. «Aber wir haben genügend Kunstschnee», sagte er nun, «es wird das gleiche Spektakel wie immer.» (can.)

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