«Jetzt bin ich da, wo ich hinwollte»
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Simon Ammann, nach den zwei Olympia-Goldmedaillen und dem Weltcup gewannen Sie auch noch WM-Gold im Skifliegen. Hätten Sie so etwas für möglich gehalten?
Schon ein Fazit zu ziehen, ist schwierig. Die Ereignisse haben sich überschlagen. Es fiel mir immer schwerer, die Dinge einzuordnen. Darum habe ich auch viele Eindrücke vergessen. Ich stand mental ziemlich an. Acht Siege in Serie – das hat vor mir noch fast niemand geschafft. So etwas lässt sich nicht planen. Man kann nur in der Vorbereitung alles geben, und wenn man unterwegs ist, auch daran glauben. Wir haben auf einem sensationellen Niveau gearbeitet.
Sie sagten vor der Skiflug-WM, dass Ihnen der Weltrekord mehr bedeuten würde als der Titel. Es fehlten schliesslich nur 2,5 Meter.
Der Abschluss ist für mich auch ohne Weltrekord als Krönung perfekt. Als Weltmeister die Gratulation von Walter Steiner entgegennehmen zu dürfen, war eine grosse Ehre. Ich genoss es sehr. Walter Steiner (Weltmeister 1972 und 1977) ist immer noch der grösste Skiflieger aller Zeiten, da können wir noch so lange über die modernen Schanzen springen. In seiner Zeit war alles viel schwieriger. Ohne Helm, ohne Anlaufspur, ohne Spurkühlung, ohne Windmessung – wie müssen die sich gefühlt haben? Das waren echte Pioniere.
Sie wurden 2002 in Salt Lake City Doppel-Olympiasieger, ohne zuvor im Weltcup gewonnen zu haben. Nun entschieden Sie ausgerechnet an der WM erstmals ein Skifliegen für sich. Sehen Sie Parallelen?
Die beiden Winter kann man grundsätzlich nicht miteinander vergleichen. In Salt Lake war nicht nur alles super eingefädelt, wir hatten auch viel Glück, waren bereit und packten die Gelegenheit beim Schopf. Jetzt bin ich da, wo ich schon vor vielen Jahren hinkommen wollte: ein kompletter Skispringer und Skiflieger, der es richtig geniessen und immer wieder abrufen kann. Das fiel mir früher viel schwerer, ist aber das Höchste der Gefühle. Diese Saison ist schöner als in jedem Drehbuch gelaufen, ich kann einfach nur glücklich sein.
Können Sie diese Glücksgefühle festhalten oder sogar speichern?
Ich versuche es mit Gesten wie in Whistler oder in Lillehammer, wo ich mir den Gesamtweltcup sicherte. Wenn ich jetzt auch noch Weltrekord aufgestellt hätte, wäre ich wieder in die Knie gegangen, wie beim Ritterschlag. Ich hoffe, dass es in nächster Zeit Momente der Ruhe geben wird, obwohl ich schon diese Woche wieder ein volles Programm habe. Ich möchte mir mit ein bisschen Distanz zwischendurch Bilder und Videos zu Gemüte führen. Vor acht Jahren hatte ich mich noch eher dagegen gewehrt und das Gefühl gehabt, gleich wieder nach vorne schauen zu müssen. Dabei ist der Ausklang sehr wichtig. Es sind schliesslich einzigartige Momente, die ich immer in Erinnerung behalten will. Das kann man nicht einfach wieder haben.
Braucht man nach einem solchen Winter mehr Abstand als nach einem schlechten?
Ich bin realistisch: Ich werde weniger Abstand schaffen können, weil all die Erfolge immer wieder ein Thema sein werden. Ich habe den Rahmen schon bei den ersten Interviews in Whistler erspürt, das hat mir geholfen. Vielleicht ist es jetzt meine Pflicht, endgültig erwachsen zu werden. Ich trage auch eine riesige Verantwortung, das merke ich. Dabei ist man als Skispringer gerne frei wie ein Vogel. Ich hoffe, dass es diesen Bonus auch künftig gibt, bezogen auf meine Privatsphäre zum Beispiel. Dass ich das Leben geniessen kann, ohne immer nach links und rechts schauen zu müssen.
Der Erwartungsdruck wird in den nächsten Monaten gross sein.
Das hat auch eine gute Seite: Die Erfolge ermöglichen es mir, von der Vermarktung her in einer einzigartigen Position zu sein. In der Schweiz müssen Erfolge immer auf eine besondere Art bestätigt werden. Mögliche Partner wollen sicher sein, dass vom Image und den Leistungen her alles bis zum Ende hinhält. Ich freue mich darauf, in einer aussergewöhnlichen Liga gute Sachen machen zu können.
Im Verhältnis zu Ihren Erfolgen waren Sie auf dem Werbemarkt bisher nicht sehr präsent.
Wenn man nicht nur in allen grossen Filialen Autogrammstunden geben, sondern den Sprung in die Werbung schaffen will, ist eine Erfolgsserie, wie ich sie hingelegt habe, Voraussetzung. Ich war aber nicht traurig, dass ich im letzten Jahr weniger zu tun hatte. So konnte ich tun und lassen, was ich wollte. Das war für diese Saison extrem wichtig. Geholfen hat auch, dass im Skiverband verschiedene Athleten den Erfolg getragen und wir uns so gegenseitig den Druck genommen haben. Das ist eine sehr schöne Entwicklung. (fal/si)
Erstellt: 22.03.2010, 09:57 Uhr

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