«Meine Eltern mussten mir jeden Tag erklären, dass ich ihr Sohn bin»
Von Sascha Rhyner. Aktualisiert am 14.12.2009
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Die Bilder sind noch immer präsent. Daniel Albrecht habt beim Zielsprung auf der Streif in Kitzbühel unkontrolliert ab und knallt auf die harte Piste. Bewusstlos und unkontrolliert rutscht er weiter. Drei Wochen wurde er im künstlichen Koma gehalten. Als er wieder erwachte, fehlte ihm jegliches Erinnerungsvermögen. «Meine Eltern mussten mir jeden Tag aufs Neue erklären, dass ich ihr Sohn sei», erzählt Albrecht in einem Interview mit dem «Spiegel». «Ich wusste weder, wo ich bin, noch, warum ich dort bin. Ich konnte nicht sprechen, nichts schmecken und nicht riechen.»
Albrecht fehlen auch die Erinnerungen, wer genau er vor dem Unfall war. Den Sturz kann er mittlerweile zwar erklären und im Detail beschreiben, weil er «die Szene unzählige Male in Zeitlupe angeschaut» hat. Eine Beziehung dazu konnte er indes nicht entwickeln. «Es kam mir vor, als ob da eine Playmobil-Figur durch die Luft wirbelt.»
Die Freundin nicht erkannt
Gelitten haben nach dem Unfall seine Eltern nicht nur der ungewissen Zukunft des 26-Jährigen wegen. «Ich konnte so etwas wie Liebe nicht empfinden. Wie ein Kleinkind warf ich meinen Eltern, ohne es zu merken, Gemeinheiten an den Kopf.» Er habe keine Gefühle mehr empfinden können. Als ihm eines Morgens für den Nachmittag die Physiotherapeutin angekündigt worden sei, und kurz vor zwei Uhr tatsächlich eine Frau ins Zimmer trat, sei er unsicher geworden. «Sind Sie die Physiotherapeutin? Kann es sein, dass ich Sie schon mal gesehen habe? Es war meine Freundin.»
Laut den Ärzten ist das sogenannte prozedurale Gedächtnis noch vorhanden, was bedeutet, dass er Bewegungsabläufe wieder abrufen kann. Dagegen sei das episodische und semantische Gedächtnis blockiert. «Ich habe Tiernamen komplett vergessen», erklärt Albrecht. «Es kommt vor, dass ich auf einem Bild ein Tier sehe. Ich weiss dann, dass es in Afrika lebt. Aber die Bezeichnung Elefant fällt mir nicht ein. Oh Mann, jedes Kind erkennt einen Elefanten!»
«Gemütlich wedeln ist nicht mein Ding»
Seine schnelle Rückkehr in die Nationalmannschaft und ins Training, sieht er «als meine persönliche Therapie auf dem Weg zurück zu mir selbst». Er habe nicht einmal genau gewusst, was ein Skifahrer genau mache. «Man erzählte mir von meiner Karriere. Ich hörte staunend zu.» Laut seinen Ärzten sei die Chance, dass er es noch einmal an die Spitze schaffe «winzig klein». Zu gross seien die Auswirkungen der Kopfverletzungen.
Für Albrecht steht ausser Frage, dass er sich wieder die Streif hinunterstürzen wird. «Entweder ich komme ganz zurück oder gar nicht», so der Walliser im «Spiegel». Noch falle es ihm schwer, Geschwindigkeiten und persönliche Grenzen richtig einzuschätzen. Die Trainer sähen ihn auch lieber im Riesenslalom. «Immer nur gemütlich wedeln ist nicht mein Ding», entgegnete ihm Albrecht. «Sollte ich es schaffen und in zehn Jahren als Weltmeister und Olympiasieger aufhören, wird sich jeder an den Unfall erinnern. Ein Comeback katapultiert einen Sportler auf eine Ebene, die er auf normale Art und Weise nie erreichen würde. Die Frage ist nur, ob es das wirklich wert ist.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.12.2009, 10:25 Uhr

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