«Natürlich befasste ich mich mit dem Rücktritt»
Von Christian Brüngger, Feusisberg. Aktualisiert am 31.01.2012
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Simon Ammann sorgte gestern für die Schweizer Nordisch-Schlagzeile der Saison: Der Toggenburger (30) wird seine Karriere bis Olympia 2014 fortsetzen. Es werden die fünften Spiele des vierfachen Olympiasiegers. Seine Ankündigung kommt überraschend: Ammann hatte stets betont, sich erst Ende der Saison dazu zu äussern. Besser als im achten Rang war er diesen Winter nie klassiert. Er liegt damit (weit) hinter seinen Erwartungen zurück. Statt am letzten Wochenende in Sapporo zu springen, trainierte er. Beim Treffen ist er, wie man ihn kennt: locker, aufgestellt, eloquent.
Simon Ammann, Ihre Ankündigung, bis Sotschi zu springen, erfolgt in einer sportlichen Krise. Sie klingt darum erst einmal paradox.
Angesichts der Skisprungentwicklung muss ich in langen Zeiträumen denken. Ich entschied im Sommer, 2,5 kg zuzunehmen (damit er die maximale Skilänge springen darf), was sich auf die koordinativen Abläufe auswirkt. Ich hätte auch mit kürzeren Ski springen können, was mir mehr Sicherheit eingebracht hätte. Aber ich wählte den riskanten Weg – auch im Wissen, dass ich Zeit zur Adaption haben werde und mir darum keinen Druck aufbauen muss. Trotzdem muss ich sagen: Ich war überrascht, dass niemand meinen Plan antizipierte.
Das liegt daran, dass Sie fast alles erreicht haben, was es zu gewinnen gibt. Mit 30 Jahren gehören Sie zudem zu den älteren Athleten. Da schien ein Rücktritt logischer.
Natürlich befasste ich mich in den letzten zwei Jahren mit dem Thema Rücktritt, das will ich nicht bestreiten. Eure Ungewissheit aber war ertragbar. Ich bleibe ein bisschen ein Schlitzohr.
Wann war für Sie klar: Ich werde weiterspringen?
Im Frühling. Ich hatte Ferien und Abstand vom Sport. Dies erlaubte mir, genau spüren zu können, wie ich zum Skispringen stehe, was es für mich noch immer bedeutet. Ich habe das Thema unter verschiedenen Aspekten betrachtet und irgendwann gemerkt: Der Moment, zurückzutreten, ist noch nicht gekommen. Ich würde es zurzeit auch gar nicht schaffen, aufzuhören. Ich folge also meinem Herzen. Im Sommer teilte ich meinem sportlichen Umfeld mit, dass ich weiterspringen werde.
Warum haben Sie nicht schon im Sommer darüber gesprochen? So entstanden Spekulationen.
Die Entscheidung, sich noch einmal dem Skispringen hinzugeben, war ein Prozess. Ich musste sie wachsen lassen. Überhaupt müssen Dinge manchmal im Stillen reifen können. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, mich zu outen. Ansonsten würde sich das Thema in die Länge ziehen und zu stören beginnen.
Jetzt ist klar, warum Sie die Tourneeschlappe relativ gelassen hinnahmen – obschon in Ihrer Karriere bloss noch dieser Titel fehlt.
Ist es manchmal nicht schön, wenn man nicht immer weiss, wie die Dinge herauskommen (lacht)? Wenn ich weiterhin erfolgreich sein will, muss ich 100 Prozent zu meinem Sport stehen können. Also brauchte ich eine entsprechende Hingabe. Die Spiele in Sotschi sind der ideale Aufhänger dafür. Diese Hingabe vollumfänglich erreichen zu können, braucht Zeit. Dank meiner Routine wird der Effort aber geringer. Mein Level ist zudem viel höher als nach 2002. Ränge, wie ich sie zurzeit erreiche, sind folglich nicht mein Ziel. Darum ist die aktuelle Situation auch nicht immer einfach.
Die Spiele werden in der Heimat Ihrer russischen Frau Yana stattfinden. Besteht auch darin der Reiz?
Genau. Es ist für uns beide eine einmalige Chance, nach Russland an die Spiele zu gehen. Skispringen mag nicht gerade ein Nationalsport dort sein, aber Olympia ist für die Russen als Wintersportnation zentral. Als Skispringer und Einzelsportler steht die eigene Geschichte im Vordergrund. Auf diesem Weg unterstützt mich Yana sehr. Sotschi wird für beide schöne Seiten bieten. Ziel und Identifikation aber muss ich selber bestimmen können, Yana muss mir in dieser Hinsicht vertrauen.
Bei einem vierfachen Olympiasieger ist das Ziel klar: weiteres Gold.
Das stimmt. Wir werden kein Kulturreisli nach Russland unternehmen. Das Ziel muss ein grosses sein. Erst daran kann ich wachsen. Es ist auch kaum zufällig, dass ich jeweils an Grossanlässen top bin. Dieses Hochschaukeln für Ausnahmesituationen behagt mir, und natürlich gehören Medaillen dazu. Wie viele und welche Farben es sein sollen, will ich nicht sagen. Erst geht es darum, mich damit zu befassen.
2014 werden Sie mit 32 ein alter Springer sein.
Wie ich das Alter überliste? Das ist eine wichtige Frage. Ich muss die technischen Aspekte wieder auf einem Toplevel vereinen können. Entscheidend ist für mich aber die mentale Power, wie sehr ich mich in dieses Abenteuer werde reinhängen können. Dank meiner Gewichtszunahme bin ich athletischer geworden, habe meine Voraussetzungen verbessern können und meine Limiten verschoben. Jetzt wird es darum gehen, diesen Gewinn in weite Sprünge umzusetzen. Das bedingt exakte Arbeit und Verständnis, wie Skispringen funktioniert.
Fehlen wird dabei Andreas Küttel, Ihr langjähriger Partner, der Sie in den Trainings stets forderte. Die neue Generation ist nicht soweit. Wie versuchen Sie, diesen fehlenden internen Druck zu kompensieren?
Indem wir als Team zusammenstehen und jeder meiner Betreuer genau weiss, was er in seinem Bereich zu tun hat. Wir müssen viel diskutieren und einander vertrauen. Wichtig ist, dass die Equipe aus Konstanzgründen zusammenbleibt. Zuletzt hatten wir zwei zentrale Wechsel (im Service und der Teamspitze). Wir haben im Gegensatz zu grossen Skisprungnationen nicht noch ein Team an Experten um uns herum. Das Wissen muss bei uns in der Mannschaft vorhanden sein. Das ist Nachteil und Vorteil zugleich.
Haben Sie nie überlegt, bestimmte Aufbautrainings mit den dominanten Österreichern zu absolvieren?
Wir haben uns im letzten Sommer darüber unterhalten. Aber mir fehlte die Konstanz im Training. Ich hätte nur meine Gegner aufgebaut. Überhaupt muss die Stärke aus dem eigenen Team kommen. Wettkämpfe dienen dann als Vergleiche. Sie haben mir wegen des veränderten Aufbaus mit der Gewichtszunahme gefehlt. Diese Schiene werde ich wieder aufnehmen. Denn Skispringer sind sehr, sehr argwöhnische Leute. Man versteht sich, respektiert sich auch. Aber die Konkurrenzsituation ist zu gross, als dass man ruhig miteinander trainieren könnte. Man müsste sich eher ausserhalb des normalen Kontextes messen, beispielsweise beim Golfspielen. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass wir als Team unsere Energie in uns investieren sollten.
Ihr Leben besteht seit der Kindheit aus Skispringen. Hatten Sie nie den Wunsch, auszubrechen?
Das Leben als Skispringer ist vielfältig und kontrastreich. Überhaupt frage ich mich bei solch philosophischen Ansätzen: Habe ich den Sport gewählt – oder wählte der Sport mich? Ich merke, dass ich durch den Sport sowohl als Athlet wie als Person kompletter werde, mich entwickle. Dazu gehört das Älterwerden. In Salt Lake war ich 20, verspürte diese jugendliche Frechheit. Bis zu den Spielen acht Jahre später durchlief ich als Person einen Prozess, der lange dauerte und ideal aufging. Jetzt führt der Weg weiter, ohne dass ich ihn exakt kenne. Zentral ist dabei, dass ich meine Karriere nicht fortsetze, um mich vor etwas anderem bewahren zu wollen.
Sie flüchten nicht.
Genau. Ich habe das Gefühl, dass Skispringen meine Aufgabe ist. Ich muss sie beenden, bevor ich loslassen kann. Ansonsten fehlt in meinem Leben irgendetwas. Und zurück an die ETH oder auf die Bank (er wird von der Bank Bär gesponsert) kann ich später noch.
Was lehrte Sie das Skispringen?
Dass es eine grosse Rolle spielt, wie man sein Leben ausfüllt. Man kann herumsitzen oder versuchen, sich Leitplanken zu setzen – auch, damit man sich nicht im Leben verliert. Als Sportler musst du dir automatisch Leitplanken setzen. Du kommst aber nicht daran vorbei, sie durchbrechen zu wollen. Oft wirst du auch über diese Planken hinausgeworfen. Diesen Prozess zu verstehen, ist meine Aufgabe und mein grosses Glück. Kurz: Der Sport lehrte mich zu leben, authentisch zu sein – in Siegen wie in Niederlagen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 31.01.2012, 07:40 Uhr
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