Wegen Facebook-Video ausgebremst

Skifahrer Justin Murisier lud seine Fahrt von Adelboden in die sozialen Medien – und wurde zur Löschung gezwungen. Da stellt sich die Frage: Welche Rechte besitzt ein Sportler?

Immer im Fokus der Kameras: Eric Guay wird am Lauberhorn von einer Drohne verfolgt. Foto: Olivier Morin (AFP)

Immer im Fokus der Kameras: Eric Guay wird am Lauberhorn von einer Drohne verfolgt. Foto: Olivier Morin (AFP)

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Am Anfang dieser Geschichte steht ein leidenschaftlicher Streit. Justin Murisier hat nach dem Riesenslalom in Adelboden ein Video seiner Fahrt auf Facebook gepostet. Damit machte er einen Fehler, ja etwas Verbotenes. Denn die Rechte an den Videobildern gehören nicht Murisier, sondern den TV-Stationen.

Also gingen diese via Swiss-Ski mit einem Löschbefehl auf den Romands zu – ohne Erfolg. Murisier weigerte sich ­vehement: «Die können mit mir machen, was sie wollen, aber das Video wird nicht von meiner Facebook-Seite verschwinden», sagte er dem «Blick» und verwies darauf, dass der Skisport wegen des schwachen Marketings des Weltskiverbandes FIS bei jungen Leuten ein Imageproblem habe. «Mit spektakulären Wettkampfvideos mache ich ja Werbung für die TV-Übertragungen.»

Seine Chefs hatten dafür Verständnis, blieben aber in der Sache hart, der ­Athlet habe kein Recht an bewegten Bildern. «Die Rechtesituation ist so, dass die Verwertung von Rennbildern den TV-Anstalten vorbehalten ist, welche diese Rechte erworben haben», sagt Swiss-Ski-Direktor Markus Wolf. Man arbeite aber daran, dass es künftig für die Athleten bei den sozialen Medien Ausnahmen gebe.

Das Video ist nun verschwunden, ­Murisier blieb ungestraft. Alles gut also? Eben nicht. Der Fall Murisier ist ein weiteres Beispiel in der Frage: Wie weit darf sich ein Skifahrer vermarkten? Welche Rechte muss er abgeben? Und welche darf er behalten?

Als Kristoffersen boykottierte

Bereits im November verzichtete Norwegens Slalomstar Henrik Kristoffersen aus Protest auf einen Start in Levi. Grund war ebenfalls ein Streit – es ging um den Kopfsponsor, der in Norwegen vom Verband bestimmt wird. Kristoffersen hingegen wollte ihn selbst bestimmen, weil er einerseits damit mehr verdienen konnte und weil anderseits seinem Kollegen Aksel Svindal ebenfalls eine Ausnahmeregelung gewährt worden war.

Der norwegische Verband aber pochte auf die Athletenvereinbarung, einen Vertrag zwischen Sportler und Verband. Kristoffersen hatte diese im Sommer unterschrieben und damit seine Rechte für Bild und Werbung abgegeben – doch er soll dies nur zähneknirschend und nach längerem Zögern gemacht ­haben. Ähnliches war vor 6 Jahren Lara Gut widerfahren, auch sie wollte die Vereinbarung erst nicht unterzeichnen. Einen Tag vor Saisonstart in Sölden sagte ihr der Verband sinngemäss: «Entweder du unterschreibst oder fährst morgen nicht.» Sie unterschrieb.

Guisep Fry ist Manager von Fahrern wie Janka oder Feuz (nicht aber Gut), für die Athletenvereinbarungen hat er ein gewisses Verständnis, allerdings schränken diese die Möglichkeiten der Vermarktung einzelner Skifahrer «ganz extrem» ein: «Für gewisse Athleten ist das ein Riesenproblem – es kann ihre finanzielle Existenz gefährden.»

Swiss-Ski wiederum argumentiert, dass es die Athleten finanziert und gefördert habe, als sie noch kein Geld verdient hatten. Ausserdem koste ein Skifahrer den Verband wegen Ausrüstung und Betreuung jährlich rund 300 000 Franken – dieser Betrag müsse erst eingespielt werden. Fry findet diese Summe mehr als grosszügig geschätzt und findet eine Anpassung der Athletenvereinbarungen «dringend notwendig».

Der FC Basel ist nicht Toyota

Unterstützung erhält Fry vom Kartellrechtsexperten Mark-E. Orth, der in Chur und München doziert. Orth vermutet bei den Skiverbänden ein kartellrechtliches Vergehen: «Kristoffersen hat gar keine andere Wahl, als nicht zu unterzeichnen.» Deshalb sei die Vereinbarung unwirksam. «Die Verbände missbrauchen ihre marktbeherrschende Stellung. Das beginnt ganz oben bei der FIS», sagt Orth.

Marktbeherrschend heisst, dass die FIS keinen Konkurrenzverband hat und es nur eine professionelle alpine Renn­serie gibt. Wenn man so will, hat die FIS ein Monopol auf alpine Skiwettkämpfe. Hier muss man anfügen, dass der Sport eine Sonderform von Kartellen darstellt. Der FC Basel wäre ungleich zum Autobauer Toyota allein nicht überlebens­fähig. Er braucht eine Liga, die Spiele organisiert und Teams zusammenführt. Es bleibt aber die Frage, ob Liga oder Verband die eigene Macht missbrauchen.

Orth stört sich besonders am FIS-­Reglement «Internationale Skiwettkampfordnung», dort steht geschrieben, wie sich Fahrer und Verbände zu verhalten haben. Unter Punkt 204.1.4 ist etwa zu lesen: Ein nationaler Skiverband dürfe einem Fahrer keine Rennlizenz ausstellen, «wenn er die individuelle Ausnützung seines Namens, Titels oder Bildes für Werbung erlaubt hat». Sprich: Wer sich im Alleingang vermarktet, darf nicht fahren. Ausgenommen von der ­Regelung sind Werbeverträge, die der nationale Skiverband (nicht aber der Athlet) abschliesst. Die FIS wollte keine Stellung zum konkreten Vorwurf beziehen.

Wer zieht vor Gericht?

Gemäss Orth hätte ein Vorstoss bei der Europäischen Kommission für Kartellrecht gute Chancen. Dafür bräuchte es aber viel Geld, viel Zeit und einen Athleten, der bereit ist, diesen Weg zu gehen.

Nicht so weit gehen will Helmut Dietl, Ökonomieprofessor an der Universität Zürich. «Es braucht hier keinen kartellrechtlichen Eingriff, weil der Sport eindrucksvoll nachgewiesen hat, dass er selbst in der Lage ist, ein sinnvolles Gleichgewicht herzustellen.» Dietl denkt ans Tennis oder die NHL. Dort haben sich die Athleten selbst organisiert, um ihre Interessen besser durchzusetzen.

Im Skisport scheint das schwieriger zu sein, die Solidarität unter Athleten ist beschränkt. Denn die Verbände hofieren Topathleten wie Hirscher oder Svindal und erlauben ihnen Sonderregelungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2017, 23:22 Uhr

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