Die WM darf nichts beschönigen

Die Schweizer hatten in St. Moritz ihr Skifest – im Weltcup aber sieht es trister aus.

Vieles, wenn nicht alles, hängt im Riesenslalom von Justin Murisier ab, der sich nach drei schweren Verletzungen im rechten Knie langsam der Spitze ­nähert.

Vieles, wenn nicht alles, hängt im Riesenslalom von Justin Murisier ab, der sich nach drei schweren Verletzungen im rechten Knie langsam der Spitze ­nähert. Bild: Alessandro Trovati/Keystone

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Die Strahlkraft der WM in St. Moritz ist noch immer gross. Das ist gut so. Vor allem für das Schweizer Team. Es war ein Skifest im Engadin, sieben Medaillen holten die Einheimischen, davon drei goldene. Mehr, als sich die Verantwortlichen von Swiss-Ski erträumt hatten. Die Schweiz: so gut wie seit 28 Jahren nicht mehr und eben doch eine ganz grosse Skination – erst recht, da Lara Gut, die Ausnahmefahrerin, nach Bronze im Super-G verletzt ausfiel.

Dass vier dieser sieben Medaillen in der Kombination geholt wurden, in dem Rennformat also, das im Weltcup seit Jahren ein kümmerliches Dasein fristet, darüber konnte grosszügig hinweggeschaut werden. Doch nüchtern betrachtet bleiben nur drei Podestplätze in im Weltcup fest verankerten Disziplinen übrig. Das spiegelt gut wider, wo sich die Schweiz noch immer bewegt: ziemlich weit hinter der Spitze.

Top nur in Sonderdisziplinen

Das gilt insbesondere für die Männer. Einen einzigen Sieg haben sie in 36 Rennen gefeiert: Niels Hintermann nutzte seine Chance bei der Wetterlotterie in Wengen und gewann aus dem Nichts die Kombination. Einen 2. Platz gab es: In der Sonderdisziplin Parallel-Riesenslalom durch Carlo Janka. Und sonst? Noch fünf 3. Plätze. Ergibt Rang 5 im Nationenranking der Männer. Das ist viel zu wenig für einen Verband, der finanzielle Mittel und eine Infrastruktur hat wie kaum ein anderer.

Ein Sieg und ein 2. Platz bei den Männern – das ist viel zu wenig für einen Verband mit ­diesen Mitteln.

Im Slalom warten die Schweizer seit über sieben Jahren auf einen Top-3-Platz. Die Athleten sind zwar noch ziemlich jung, sie können sich allmählich aber nicht mehr hinter ihrem Alter verstecken. Daniel Yule (24), der Leader, beendete gestern bereits seine vierte volle Weltcupsaison. Ebenso wie Luca Aerni (23), der Mann, der mit seinem schnellen Schwung in der WM-Kombination begeisterte. Es fehlt ihnen nicht viel zu einem Podestplatz, aber noch immer der letzte Schritt.

Deutlich trister sieht es im Riesenslalom aus. Vieles, wenn nicht alles, hängt von Justin Murisier ab, der sich nach drei schweren Verletzungen im rechten Knie langsam der Spitze ­nähert. Gino Caviezel, der 24-jährige Bündner, ist deutlich weiter von den Top-Plätzen weg als auch schon. Dasselbe gilt erst recht für Janka. Ihm bleibt die Hoffnung, dass es in seiner einstigen Paradedisziplin kommende Saison besser läuft, wenn die Radien der Ski wieder kleiner werden.

17- und 18-Jährige verblüfften

Im Speed gehörte der 30-Jährige aber auch in diesem Winter zu den Stützen. Überhaupt ist es noch immer die alte Garde um Janka, Abfahrtsweltmeister Beat Feuz (30) und Patrick Küng (33), die es richten muss. Wenigstens ist mit Mauro Caviezel einer dazugekommen, der konstant nach vorne fahren kann. Aber auch er ist schon 28.

Dahinter klafft weiterhin eine grosse Lücke – was Resultate und Alter ­betrifft. Nils Manis (24) 9. Rang in der Abfahrt von Gröden blieb ein einmaliger Ausreisser nach oben. Hintermann (21), Urs Kryenbühl (23) und Ralph Weber (23) brauchen noch Zeit, um sich auf höchster Stufe zu etablieren.

Einen Schritt voraus sind die Frauen. Das Slalomteam hat mit Wendy Holdener eine Athletin, die endgültig in der Weltspitze angekommen ist. In neun Rennen schaffte sie es sechsmal aufs Podest. Dann gibt es Michelle Gisin, die mittlerweile auch in Speeddisziplinen für Aufmerksamkeit sorgt. Mélanie Meillard, die 18-jährige Neuenburgerin, die in ihrer ersten Weltcupsaison viermal in die Top 10 fuhr. Und die talentierte Charlotte Chable (22), die sich nach einem Kreuzbandriss derzeit zurückkämpft.

Viel zu viel hängt von Lara Gut ab

Im Riesenslalom hat Meillard ebenso überzeugt wie die ebenfalls jungen Camille Rast (17) und Simone Wild (23). Und im Speed sprang die zweite Garde um Jasmine Flury, Priska Nufer und Joana Hählen ein, wenn mit Fabienne und Corinne Suter die arrivierten Fahrerinnen schwächelten.

Doch: Auch wenn die Breite grösser ist als in den letzten Jahren, hängt noch (zu) viel von ihr ab: von Lara Gut. Die Tessinerin gehört in vier Disziplinen zu den Besten, wenn sie gesund ist. Von 16 Podestplätzen holte die 25-Jährige 9, Holdener 6 und Gisin einen. Sämtliche fünf Siege gehen auf das Konto der letztjährigen Gesamtweltcupsiegerin.

Es gibt also auch bei den Frauen noch viel zu tun. Nächsten Winter, in der Olympiasaison, wird die Strahlkraft der WM längst verblasst sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 23:22 Uhr

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