TA+
Killer von New York: Interview mit Kriminalist
Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 15.04.2011
Artikel zum Thema
«Ich setze mich wissenschaftlich mit Kriminalfällen auseinander»: Stephan Harbort. (Bild: Droste)
Kriminalist und Buchautor
Stephan Harbort (46) ist Kriminalist und Buchautor. In Deutschland ist er durch mehrere Buchveröffentlichungen und Medienauftritte als Serienmordexperte bekannt. Er sprach mit vielen Serienmördern, entwickelte Fahndungsmethoden und ist auch als Berater für Fernsehbeiträge tätig. TV-Auftritte hatte er u. a. bei Johannes B. Kerner, Frank Elstner und Günther Jauch.
Der Fall Long Island
Auf der Suche nach einer seit dem letzten Mai verschwundenen 24-jährigen Prostituierten war die Polizei im Dezember nahe der Ortschaft Oak Beach auf Long Island auf die Leichen von vier Prostituierten gestossen. Ende März wurden vier weitere weibliche Leichen gefunden. Am Montag nun fanden Suchmannschaften an zwei Stellen im dichten Gebüsch entlang eines abgelegenen Strandes weitere Leichenteile. Die Fahnder stehen angesichts der Angst der Bevölkerung und des enormen Medieninteresses zunehmend unter Erfolgsdruck, bislang gibt es aber keine heisse Spur.
«Das Phantom von Grunewald»
In seinem neusten Buch «In 100 Prozent tot – Das Phantom von Grunewald» (Droste/2010), beschreibt Stephan Harbort den Fall eines sadistischen Serienmörders, der in den 80er-Jahren in Berlin mehrere Menschen ermordete. Vor der Mordtat hatte er seine Opfer über Stunden gequält. Später wurde er gefasst und verurteilt. Heute sitzt er in einer gesicherten psychiatrischen Klinik.
Harbort hatte die Gelegenheit, Dutzende Stunden mit dem Täter zu sprechen. Er schreibt in seinem Buch über die Kindheit des Täters, der schon im Alter von eineinhalb Jahren nach einer Hirnhautentzündung stark verhaltensauffällig wurde. Harbort kommt zum Schluss, dass, obwohl der Täter bis zwei Jahre vor seinen ersten Taten ununterbrochen therapeutisch begleitet wurde, «niemand die fatale Entwicklung dieses Menschen erkannte». Trotz der grausigen Geschichte dieses Täters beschreibt er ihn als «ehrlichen Gesprächspartner».
Weiter von Harbort erschienen sind:
- Das Hannibal-Syndrom: Phänomen Serienmord (Piper/2003)
- Das Serienmörder-Prinzip: Was zwingt Menschen zum Bösen? (Piper/2008)
- Wenn Frauen morden: Spektakuläre Kriminalfälle (Piper/2010)
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Herr Harbort, beim Fall in Long Island scheint es sich um einen Serientäter zu handeln. Fällt Ihnen dabei etwas Spezielles auf?
Wir stellen einen Trend fest, dass sich Täter immer mehr auch der modernen Kommunikationsmedien bedienen. Opfer werden im Internet spezifisch ausgesucht und an einen bestimmten Ort gelockt. In diesem Fall handelt es sich den Erkenntnissen zufolge um Prostituierte. Hier bietet sich dieses Vorgehen, die Opfer-Selektion, erst recht an. Man muss davon ausgehen, dass die Frauen sich übers Internet angeboten und dabei Informationen über sich preisgegeben haben, die der Täter für seine Tatplanung benutzen konnte.
Spielt es eine Rolle, wie der Täter auf sein Opfer stösst?
Oft haben Täter eine recht klare Vorstellung davon, wie ihr Opfer zu sein hat und zu welcher Gelegenheit die Tat passieren soll. In den Long-Island-Fällen konnte der Täter die Opfer wie in einem Kaufhauskatalog auswählen und sie an einen Ort seiner Wahl bestellen – ideale Voraussetzungen für einen Serienmörder.
Welche Probleme stellen sich dabei für die Ermittlung?
Meist besteht keine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer. Das macht es besonders schwer. Auch das für die Ermittlungen enorm wichtige Motiv der Taten ist nicht erkennbar.
In Long Island wurden vier Frauenleichen gefunden, die man in Zusammenhang mit ein und demselben Täter bringt. Wie kommt man darauf?
In diesem Fall scheint es relativ offensichtlich. Räumliche sowie zeitliche Komponenten spielen hier eine Rolle. Also, die Leichen wurden relativ nahe beieinander gefunden und das in kurzen zeitlichen Abständen. Da ist die Wahrscheinlichkeit einer Serientäterschaft enorm hoch.
Wann kommt der sogenannte Profiler, der Kriminalpsychologe, ins Spiel?
Wenn die Polizei nicht weiter weiss und keine Ermittlungsansätze vorhanden sind. Dann wird versucht, über kriminalpsycholgisch geprägte Methoden neue Ansätze herauszuarbeiten, den Fall aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Und Long Island ist jetzt so ein Fall?
Ganz bestimmt. Bis jetzt scheinen die Untersuchungsbehörden noch nicht sehr weit gekommen zu sein.
Verfolgen Sie solche und ähnliche Fälle weltweit?
Natürlich. Es ist interessant zu beobachten, ob neue Tatbegehungsweisen oder neue Tatmotive vorliegen. Jeder Fall hat Komponenten, die wir vielleicht auch schon in Erfahrung gebracht haben, aber doch irgendwie anders sind. Ich gebe nur ein Beispiel: Vor etwa 30 Jahren gab es nur sehr wenige weibliche Täter, heute sind es bereits etwa 25 Prozent.
Welche Tätertypen können Sie beschreiben?
Wenn man auf die Tatbegehungsweise abstellt, kann man zwei Prototypen unterscheiden, den eher spontanen und den planend vorgehenden Täter. Bei der spontanen Tat gehen wir in der Regel davon aus, dass ein Täter zwar sein Revier abgesteckt hat, sich aber auf zufällige Ereignisse einlässt. Im Fall von Long Island haben wir es sicher mit dem zweiten Typ zu tun. Er überlegt sich ganz genau, wie hoch ist das Risiko erwischt zu werden, wie kann ich das Opfer wieder loswerden und so weiter.
Gibt es weltweit unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Ermittlung in solchen Fällen?
In den USA ist das Polizeisystem wesentlich föderalistischer organisiert. Das führt im Vergleich zu Deutschland auch zu anderen Ermittlungsphilosophien. Bei uns werden bei Tötungsdelikten gewöhnlich Kommissionen von 15 bis 20 Ermittlern gebildet. In den USA organisiert man sich doch etwas anders.
Was genau ist Ihre Aufgabe?
Ich setze mich wissenschaftlich mit Kriminalfällen auseinander. Ich entwickle unter anderem Fahndungsmethoden und neue Modelle, um Kriminalfälle zu lösen. Beispielsweise habe ich mit Experten der Universität Liverpool das Datenbanksystem «Dragnet» entwickelt. Diese Software ist in der Lage, bei einer Mordserie den wahrscheinlichsten Aufenthaltsort des Täters geografisch einzugrenzen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.04.2011, 20:09 Uhr
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!










