Die alten Wilden

Trumps Kabinett der Millionäre und Generäle ist fast komplett. Viele der Minister wollen die Behörden, die sie leiten, am liebsten abschaffen.



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Donald Trump wirkte in den vergangenen Tagen so, als würde er das alles geniessen. Der künftige Präsident der USA sass hoch oben in seinem Trump Tower, und die Welt lag ihm zu Füssen. Per Twitter liess er Aktienkurse von Unternehmen abstürzen, verprellte China, weil er mit Taiwan telefonierte, und führte Mitarbeitergespräche für sein Kabinett. «Vielleicht spürt er zum ersten Mal seine ganze Macht», stand neulich in der «New York Times».

Täglich lud er die einzelnen Kandidaten vor, viele Männer und ein paar Frauen, die am Journalistenpulk vorbei in den Lift eilten. Trump diktierte, wie schon im Wahlkampf, die gesamte Berichterstattung, streute Gerüchte, ass mit Mitt Romney, der als möglicher Aussenminister galt, in einem Gourmetrestaurant, damit es alle sehen konnten. Die ganze Inszenierung erinnerte an das Reality-Fernsehen, mit dem Donald Trump gross wurde: Statt Rosen, wie der Bachelor an seine Frauen, verteilte der designierte Präsident Kabinettsposten. Einmal sagte er: «Niemand weiss, wer mein neuer Verteidigungsminister sein wird. Bloss ich.» Da klang er wie der Moderator seiner eigenen Show.

Programm: Abrissbirne

Donald Trumps Kabinett ist nun beinahe vollständig, dabei fällt auf, dass er sich in vielen Fällen für Kandidaten aus dem Anti-Politik-Establishment entschied. Überraschend ist das nicht. Trump hatte im Wahlkampf seinen Anhängern versprochen, mit der Abrissbirne durch Washington zu ziehen und verkrustete Strukturen aufzubrechen. Es wird sich nun zeigen, was aus den Trümmern entsteht.

Infografik: Trumps Team mit Miliardären und Militärs Grafik vergrössern. Umsetzung: Isabella Ballarin und Vincenzo Capodici

«Vielleicht ist das ja ein gutes Mittel, um neu zu beginnen», mutmasste der Kolumnist Thomas L. Friedman und sprach von einem Hauch von Anarchie, der Trumps Nominierungen umwehe. Es könne sinnvoll sein, einen Aussenminister zu wählen, der mehr von Deals verstehe als von Diplomatie. Aber mit Scott Pruitt jemanden an die Spitze der Umweltbehörde zu setzen, der Zweifel am Klimawandel äussere, sei «prähistorisch». Pruitt ist längst nicht der einzige Behördengegner und Antikandidat in Trumps Kabinett. Das erklärte Ziel des neuen Gesundheitsministers Tom Price, 62, ist es, Obamacare zu ersetzen. Die Gesundheitsreform des scheidenden Präsidenten sei erfolglos «und vor allem unbezahlbar», so Price, der bekannt gab, «zunächst einmal alles ausmisten» zu wollen.

Carson gegen den Staat

Die Bildungsministerin Betsy deVos kritisierte das öffentliche Schulsystem und will Eltern durch Steuererleichterungen ermöglichen, ihre Kinder von staatlichen auf private Institutionen umzumelden. Der Arbeitsminister Andrew F. Puzder, aus der Fast-Food-Branche stammend, hat wenig für Gewerkschaften übrig und hält nichts von einer Erhöhung des Mindestlohnes. Schliesslich ist da noch Ben Carson, der gegen Donald Trump im Vorwahlkampf antrat und nun, als Neurochirurg, dem Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung vorsteht. Carson vertrat schon im Wahlkampf die Meinung, der Staat müsse aus allen Bereichen des sozialen Zusammenlebens zurückgedrängt werden. Den Kampf gegen Armut bezeichnete er beispielsweise als «Desaster».

Es ist in Amerika üblich, dass eine neue Präsidentschaft mit grossen Veränderungen einhergeht. Im Willen zur Erneuerung liegt eine der Stärken des Landes. Barack Obama kam als junger Senator ins Weisse Haus, der, wie Trump heute, vom Wandel sprach. Doch anders als Obama, der den Rat erfahrener Polithaudegen suchte und sich auf sie berief, kehrt Trump den Experten und Eliten den Rücken zu. «Die hohe Anzahl an Kabinettsmitgliedern, die am Sinn und Zweck der Behörden, die sie anführen, zweifeln, ist einmalig in der Geschichte des Landes», sagt Neera Tanden, Präsidentin des liberalen Thinktanks Center for American Progress. Sie geht davon aus, dass es innerhalb der Departemente zu Spannungen kommen wird, zwischen den langjährigen Mitarbeitern und der disruptiven Energie ihrer Chefs.

Sie alle eint das Gefühl, Politik sei ein einfaches Geschäft.

Schon jetzt weigern sich erste Klimaspezialisten, mit ihrem Vorgesetzten, dem Klimaskeptiker Scott Pruitt, zusammenzuarbeiten. Es ist ein Merkmal, das viele von Trumps Kabinettsmitglieder teilen, die grosse Erfolge im Privatsektor erzielten, Milliardenunternehmen führten oder als Chirurg anspruchsvolle Operationen meisterten: Sie alle eint das Gefühl, Politik sei ein einfaches Geschäft. Nach ihren Karrieren im Markt halten sie es für ein Leichtes, auch im öffentlichen Sektor zu reüssieren. Doch da herrschen andere Regeln.

Trumps Wahl des Wirtschaftsbosses Rex Tillerson zum Aussenminister ist deshalb nur folgerichtig: Der Immobilienspekulant, der in rund einem Monat ins Weisse Haus einziehen wird, hält wenig von politischer Erfahrung. Mitt Romney, von dem Trump noch vor Tagen behauptete, er sei ein Anwärter aufs Amt des Chefdiplomaten, wurde nie ernsthaft in Erwägung gezogen, heisst es nun. Trump wollte Romney nur vorführen und in der Öffentlichkeit demütigen, weil der es gewagt hatte, ihn im Wahlkampf zu kritisieren. Ob das wirklich stimmt, weiss man nicht, doch Trump, mit allen Regeln der Show vertraut, wäre es zuzutrauen. Dabei hätte Mitt Romney ins Kabinett von Trump gepasst. Er ist weiss und männlich, wie die meisten, vor allem aber ist er steinreich. Das Familienvermögen von Betsy DeVos etwa, Erziehungsministerin, beträgt gemäss «Forbes» 5,1 Milliarden Dollar. Handelsminister Wilbur Ross ist ebenfalls Milliardär.

Realitätsferne Superreiche

«Das Team Trump besteht aus Superreichen, die von den Sorgen des Mittelstandes keine Ahnung haben», kommentierte Senator Bernie Sanders. Dazu kämen mit den Generälen James Mattis (Verteidigung) und John Kelly (Heimatschutz) Männer aus dem Militär, die einen Grossteil ihres Lebens in einer «anderen Welt verbrachten».

Reichtum sei kein Hinderungsgrund, im öffentlichen Dienst einen guten Job zu machen, so Sanders. Doch Trump habe seine Kandidatur darauf aufgebaut, sich für den «kleinen Mann» einzusetzen. «Vielleicht war das ja die grösste Lüge in einem von Lügen und Machtspielen geprägten Wahlkampf.» Weiss, männlich, reich und mehrheitlich ohne politische Erfahrung: Es scheint, als hätte sich Trump ein Kabinett nach seinem Ebenbild geschaffen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2016, 21:34 Uhr

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