«Sieg Heil! Heil Trump!»

Donald Trump wird von Rechtsextremen umgarnt. Sie deuten es als Zeichen für ein Wiedererstarken des weissen Amerikas.

Hitlergruss zu Trumps Sieg: Die alternative Rechte an einer Konferenz in Washington. (19. November 2016)

Hitlergruss zu Trumps Sieg: Die alternative Rechte an einer Konferenz in Washington. (19. November 2016) Bild: Screenshot «The Atlantic»

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Mitten in Washington DC, keine zehn Minuten vom Weissen Haus entfernt, trafen sich am Wochenende rund 300 ultrarechte Nationalisten, um «ihren Sieg» zu feiern. Den Sieg Donald Trumps. Der zukünftige Präsident werde sich endlich für die weisse Rasse einsetzen, hiess es während der Veranstaltung. Richard Spencer, der Anführer einer Gruppe, die sich alt-right-Bewegung nennt, schrie am Ende seiner Rede ins Mikrofon: «Sieg Heil! Sieg Trump!», während einige Zuschauer aufstanden und mit dem Hitlergruss salutierten.

Es sind verstörende Bilder, die Journalisten der Monatszeitschrift «The Atlantic» ins Netz stellten, besonders für europäische Augen. Anders als in der Schweiz, wird in Amerika unter freier Meinungsäusserung auch Hetze verstanden. «Amerika war immer ein weisses Land», sagte Spencer. Der Direktor des National Policy Institutes, einem nationalistischen Think-Tank, rief zur «Säuberung» auf: «Wir haben das Land geschaffen. Es gehört uns.» Er forderte eine Abschiebung der elf Millionen papierlosen Immigranten und einen 50 Jahre andauernden Aufnahmestopp weiterer Flüchtlinge. Weisse Europäer ausgenommen.

Die verstörende Rede des bekannten Nationalisten Richard Spencer: «Sieg Heil! Heil Trump!» (Video: Tamedia/AFP)

Bürgerrechtsbewegungen forderten Anfang Woche von Donald Trump, dass er sich von rassistischen und antisemitischen Gruppierungen wie Spencers alt-right-Bewegung deutlicher distanziere. «Ich kann nicht glauben, dass er Musical-Zuschauer, die seinen Vizepräsidenten Pence auspfeifen, verurteilt — bei Menschen wie Spencer aber ruhig bleibt», sagte etwa Heidi Beirich vom Southern Poverty Law Center. Andere Kommentatoren verstehen Trumps Zurückhaltung. Würde er auf Spencers Kommentare eingehen, würde er ihnen nur eine grösseres Gewicht verleihen, sagte Hope Hicks, eine Sprecherin Trumps.

Drei Tage wartete Donald Trump letztlich ab, um sich von Spencers alt-right-Bewegung zu distanzieren. Der «New York Times» sagte er am Dienstag, er wollte mit dieser Gruppe nichts zu tun haben. Schon in der Vergangenheit hielt es Donald Trump nicht für dringlich, sich von rechten Nationalisten klar und deutlich abzugrenzen. Im Wahlkampf etwa sagte David Duke, ein ehemaliges Ku-Klux-Klan-Mitglied, er werde Trump unterstützen, worauf sich Trump erst nach Tagen, und nur halbherzig, von ihm distanzierte. Damals wie heute brachte ihm seine Zurückhaltung heftige Kritik ein und der Vorwurf wurde laut, er würde Ultrarechte umgarnen.

Richard Spencer spricht an der Konferenz der alt-right-Bewegung zu Reportern (Bild: Keystone/Linda Davidson, 18. November 2016).

Jonathan Greenblatt, Direktor der Anti-Defamation-League, sagte, der designierte Präsident Trump könne nicht für jeden Hetzkommentar im Land verantwortlich gemacht werden. Er wünschte sich aber, dass Trump eine «rote Linie» markieren würde. «Ich vermisse eine Stellungnahme, dass er den Rassismus und Antisemitismus solcher Gruppen nicht toleriert.»

Spencers alt-right-Bewegung, auch andere rechtsextreme Organisationen wie die amerikanischen Nationalsozialisten (NSM), sind eine Minderheit in den USA. Auch wenn viele Mitglieder nicht müde werden zu behaupten, ihre Gruppen würden jährlich wachsen, ist es nur eine verschwindend kleine Anzahl von Menschen, die sich üblicherweise in ländlichen Gebieten zu Versammlungen treffen.

«Wir fühlen uns endlich repräsentiert.»Ein Teilnehmer der Veranstaltung

Die Symbolik von Spencers Auftritt in der Hauptstadt der USA aber war bewusst gewählt. Der Sieg Trumps zeige, dass das Land aufwache, sagte Spencer, der auch Stephen Bannon lobte, den neuen Chefstrategen im Weissen Haus. Bannon war, bevor er bei Trump anheuerte, zuständig für die Webseite Breitbart, einem medialen Sammelbecken für rechte Nationalisten, von der es seit Jahren heisst, sie würde rassistische und antisemitische Hetze betreiben. Gemäss Donald Trump allerdings ist Breitbart «eine Publikation wie jede andere», die allerdings auf konservative Inhalte fokussiere, so sagte er es im Interview mit der Times.

Patriotisch, gegen Muslime: Headlines der Breitbart-Newsseite (Bild: Screenshot breitbart.com).

Über die anderen beiden Kabinettsentscheide von Trump schienen die Anhänger von Spencer am Samstag ebenfalls hocherfreut. Der pensionierte Drei-Sterne-General Michael Flynn, Trumps neuer Sicherheitsberater, ist wiederholt durch feindselige Äusserungen gegen Muslime aufgefallen. Jeff Sessions aus Alabama, neuer Justizminister, wurde bekannt durch seine kompromisslose Linie im Thema illegale Einwanderung. «Wir fühlen uns endlich repräsentiert», sagte ein Teilnehmer der Veranstaltung.

2042 ist das Jahr, vor dem es Menschen wie Spencer und wohl auch Bannon graut. In 26 Jahren werden die USA laut Zensus kein weisses Land mehr sein. In Staaten wie Kalifornien sind sie heute schon eine Minderheit. «Es ist nicht mehr das Land der weissen Angelsachsen», schrieb der Autor Robert P. Jones in seinem Buch über den Bedeutungsverlust des Protestantismus in den USA. Der Wahlsieg Trumps sei für diese Menschen die erste gute Nachricht aus Washington seit geraumer Zeit.

Die alt-right-Bewegung sieht sich als Bollwerk in diesem «Krieg gegen das weisse Amerika», wie es Spencers Think-Tank formuliert. Die Überlegenheit der Weissen wird dabei mit einer Pseudo-Wissenschaftlichkeit untermauert. So spricht man in ihren Kreisen von «Rassenrealismus» und zitiert dafür zahlreiche «wissenschaftliche» Arbeiten, die die Unterlegenheit anderer Rassen belegen sollen. In ähnlicher Weise verfährt die alt-right auch mit Gender- und Sexualthemen. Homosexuelle werden als «degenerates», als «Entartete» bezeichnet, klassische Familienbilder propagiert, Feminismus als schrecklich verschrien.

Bald im Weissen Haus: Steve Bannon (rechts) verlässt den Trump Tower (Bild: Keystone/Evan Vucci, 11. November 2016).

Die Anfänge der Bewegung lassen sich auf das Chatportal 8Chan zurückführen, die selbstproklamierte «letzte Bastion der Redefreiheit». Auf der ultralibertären Plattform wird jegliche Einschränkung der Meinungsäusserung rundheraus abgelehnt, politische Korrektheit gilt als von Staat und Gesellschaft verordneter Maulkorb. Das heisst auch, dass auf der Webseite neben Rassismus, Homophobie und Frauenhass auch Kinderpornografie geduldet wurde.

Über soziale Medien, Videoplattformen und Pseudo-Nachrichtenseiten verbreitete sich das Gedankengut der alt-right in den letzten Jahren im Netz, bis entsprechende Beiträge während des Präsidentschaftswahlkampfs teilweise sogar mehr Reichweite erzielten, als traditionelle Leitmedien wie CNN, Fox News oder die «New York Times». Mit Bannon als Topberater von Donald Trump hat die alternative Rechte nun einen direkten Draht zum nächsten US-Präsidenten. «Wir sind die Plattform für alt-right», schrieb der Breitbart-Chef im August. In der Bewegung selber ist Bannon aber umstritten. Er sei «alt-lite», zu wenig extrem also.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2016, 21:26 Uhr

Dann halt auf die witzige Tour: #trumpiscomingchallenge lässt die Gegner des gewählten US-Präsidenten in allen Himmelsrichtungen davonrennen.

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