Wie ich auf den Hund kam

Er schläft, wo er will, und macht auch sonst nicht, was er soll. Aber nach einem Jahr mit Beagle Newton ist klar: Ein Familienleben ohne Hund ist unvorstellbar geworden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich wollte kein Haustier, schon gar keinen Hund. Der Geruch von nassem Fell, der Dreck, der Schlabber. Als Kind sah ich zwei Hunde meiner Eltern kommen und gehen. Manchmal ärgerte ich sie. Ich zog sie am Schwanz oder spritzte sie mit dem Gartenschlauch ab, solche Sachen. Als mein Kind vor einem Jahr einen Hund forderte, schmetterte ich das Anliegen ab. Auch die Hundezeichnungen des Kleinen, die in der Wohnung metastasierten, liessen mich kalt. Der Druck nahm zu, als meine Frau sich in die Debatte einmischte. Wir hätten doch ein Einzelkind, und ich sei nach der Arbeit weder gesprächig noch unternehmungslustig. Immer gamen! Mails checken! TV-Serien streamen! Das sei keine Familie, sondern eine WLAN-Party.

Kurz, ich hatte keine Chance. Als Erstes einigten sie sich auf einen Beagle. Dann schleppte meine Frau Hundespielzeug an, und unser Sohn suchte wochenlang nach einem Namen, wovon in ­seinem Zimmer eine Kreidetafel mit durchgestrichenen Kandidaten zeugte. Die Wahl fiel auf «Newton». Weil er ­wegen der Schwerkraft so kurze Beine hat?, spottete ich. Mein Sohn sah mich an, als ob die Hundequälerin Cruella aus «101 Dalmatiner» vor ihm stünde.

Elmex für das Hundegebiss

Fünf Wochen später landete Newton in Zürich-Kloten. Er kam aus Polen, wo meine polnische Frau ihn bei einem bekannten Beagle-Züchter für 600 Franken gekauft und in einer Tasche exportiert hatte. Aus dieser sprang der dreimonatige Welpe heraus und schleckte mein Gesicht ab. Zu Hause pinkelte er als Erstes aufs Sofa, dann unbemerkt auf die Mosaikplatten, wobei die Urinsäure unentfernbare Flecken hinterliess. Also brach ich die hart erkämpfte Vereinbarung, dass ich nie mit Newton spazieren gehen müsse, bereits am nächsten Tag.

Gibt es etwas Demütigenderes, als den warmen Kot eines Hundes in ein Säcklein zu packen? Wahrscheinlich nicht, aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, weil mich ein Hündeler ansprach. Der Mann hatte gesehen, wie ich das Säcklein aus Angst vor Fäkalienkontakt nicht verknotet in den Abfalleimer eingeworfen hatte, und wies mich darauf hin. Ich hatte schon eine schnippische Antwort parat, als ich sah, dass sein Hund einen Maulkorb trug. Weil das Tier treuherzig aussah, fragte ich, was der Maulkorb soll. Der sei zur Sicherheit. Gegen vergiftete Köder. Ich lächelte höflich, in der Annahme, das sei ein Hündelerwitz. Ausserdem würde das Gebiss geschont, fuhr der Mann fort. Er putze dem Hund auch jeden Tag die Zähne mit Elmex.

So darfst du nie werden, sagte ich zu mir. Die Gefahr erschien mir allerdings gering, zumal Newton noch am selben Abend meinen Kindle-Reader zerbiss. Auch die legendäre Störrigkeit von Beagles nahm mich nicht gerade für ihn ein. Zwar lernte er ziemlich schnell ein paar Tricks. Aber er tat es nur gegen eine Belohnung, in freier Wildbahn scherte er sich keinen Pfifferling um Sitzen oder die Pfotegeben. Frau und Sohn durchschauten sein kalkulierendes Wesen natürlich nicht, für sie war Newton der lernbegierigste, liebste Hund der Welt. Als solcher durfte er auch ab und zu mit ihnen das Bett teilen. Ich war entsetzt.

Zwei Monate später wurde Newton von einem Kampfhund angegriffen. «Er will nur spielen», beruhigte mich die Besitzerin, als er Newton knurrend beschnupperte. Plötzlich fletschte er die Zähne, und Newton warf sich auf den Rücken, doch der Kampfhund ging ihm trotzdem an die Kehle. Schreiend, aber erfolglos versuchte Frauchen einzugreifen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es ging um Leben und Tod. Jedenfalls packte ich den Aggressor, von Adrenalin durchflutet, an seinem Trapez und schleuderte ihn fünf Meter durch die Luft. Dazu schrie ich «du Souhund». Der Hund landete in der Wiese und sah mich perplex an, seine Besitzerin rang um Fassung, Newton winselte.

Danach sah ich Newton nicht mehr als Nervensäge, sondern als schutz­bedürftige Kreatur. Ich begann, mich für seinen Alltag zu interessieren. Ich googelte «Beagle», begab mich auf Internetforen. Was isst er? Wieso heult er manchmal so seltsam? Ich begleitete ihn in die Hundeschule und entfernte eine Zecke aus einem seiner riesigen Ohren. Es ist wohl wie mit der Liebe zu Kindern: Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist noch stärker, als jemanden zu brauchen. Tatsächlich habe ich Newton auch schon einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Manchmal rede ich ihn aus Versehen mit dem Namen meines Sohnes an – und umgekehrt. Konnte es sein, dass ich Newton wirklich liebte? Oder bin ich ob der Kampfhundattacke in eine Art ­temporären Liebesrausch verfallen? Liegt es an seiner äusseren Schönheit? Profihündeler loben die Form seiner Pfoten, den Muskeltonus oder den Glanz des Fells. Seine Eltern, sagt meine Frau, waren Zuchtchampions. Als ich wieder einmal auf Newton angesprochen wurde, erkundigte ich mich, wie teuer ein solcher Super-Beagle in der Schweiz sei. Antwort: 5000 Franken! Vielleicht sollte ich einen Familiennachzug in Betracht ziehen – Newton hat in Polen zehn Brüder und Schwestern.

Eines Tages studierte er mich aufmerksam, als ich nackt im Badezimmer stand. Was er jetzt denken mag, fragte ich mich mit einem schamvollen Gefühl, das absurd ist: Hunde interessieren sich nicht ernsthaft für Menschen. Sie sind bei uns, weil wir ihnen Kost und Logis bieten. Die Gegenleistung ist Hingebung und Überschwang – es ist ein bisschen wie im Sexgewerbe. Doch sagen Sie das mal meinem Sohn! Für ihn hat Newton selbstverständlich dieselben Gefühle wie wir. Er tröstet ihn, weil Newton keinen besten Freund hat, und lässt ihn dann auf dem Sofa schlafen. Und natürlich geht es den meisten Hundehaltern so, mich eingeschlossen. Ist diese Vermenschlichung problematisch? Berühren ausgesetzte Hunde deshalb viele Menschen mehr als Waisenkinder? ­Vielleicht. Doch nach einem Jahr mit Hund denke ich, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. «Hunde sind nicht unser ganzes Leben», heisst es im Buch «Dog People», «aber sie machen unser Leben ganz.»

Zugegeben, Newton ist ein seltsamer Hund. Er lässt sich nicht gern streicheln, schläft auf dem Rücken mit allen vieren in die Luft gestreckt, isst ungern Hundefutter, dafür Salat. Wann immer möglich, versucht er, aus der WC-Schüssel seifiges Wasser zu trinken. Und er gehorcht immer noch nicht. Aber auch er ist, wie wahrscheinlich jeder Hund, ein Therapiehund. Für meinen Sohn ist Newton wie das Geschwister, das er nicht hat. Und meiner Frau ist er ein Compagnon, der nicht multitaskend Serien guckt. Übrigens steht es um diese Unsitte inzwischen viel besser – auch dank Newton. Bin ich mit ihm unterwegs, sind News und Mails weit entfernt. Ein Spaziergang ist maximale Entschleunigung, weil reiner Selbstzweck: Eine Familie und ein Hund laufen durch die Landschaft. Tümpel glänzen, Vögel landen auf Ästen. Newton trabt, trottet, rennt, beisst in die Leine, tut, was Hunde tun. Er ist einfach da.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2016, 17:04 Uhr

Collection

Die Lösung

Die Lösung

Artikel zum Thema

Das Herz gehört dem Hund

In einer Ausstellung in Paris präsentiert sich der Autor Michel Houellebecq als Künstler: Mit Fotos, Filmausschnitten und Objekten. Die innigste Liebe galt seinem Corgi Clément. Mehr...

Sweepee Rambo ist der «hässlichste Hund der Welt»

Jahr für Jahr wird im kalifornischen Petaluma ein kurioser Wettbewerb ausgetragen. Gewonnen hat dieses Jahr ein Hund mit Sommersprossen und Irokesenschnitt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Besser als schlechte Nachrichten

Was halten Sie von konstruktivem Journalismus? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil. Mehr...

Umweltfreundlich Wein trinken

Infografik Die Ökobilanz von Schweizer Weinen ist schlecht. Neue Studien zeigen Verbesserungsmöglichkeiten. Mehr...

Wo selbst der Tod seinen Schrecken verliert

Mit dem Alter kommt Gelassenheit. Das zeigen die Bewohner des Alterszentrums Sydefädeli. Mehr...