Aldi-Löhne provozieren Lehrlinge

4700 Franken erhalten Ungelernte beim Discounter in Zürich und Genf. «Sag mal, gehts noch?» ist die Reaktion eines Elektroinstallateurs mit 4-jähriger Lehre. Eine Debatte mit Sprengpotenzial.

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Ein gewisser Adi sagt es in einem Onlineforum geradeaus: «Über 4500 Franken für ein wenig Lebensmitteleinräumen? Sag mal, gehts noch? Ich bin Elektroinstallateur, habe eine vierjährige Lehre hinter mir und arbeite neun Stunden draussen auf der Baustelle. Lohn? 4200 Franken.»

Elektroinstallateure sind nicht die Einzigen, die nach einer Lehre weniger verdienen als Anfänger bei Aldi Suisse. Eine Drogistin erhält gemäss Empfehlung des Verbandes nach einer anspruchsvollen vierjährigen Lehre in Zürich im besten Fall 3900 Franken, für Floristen werden 3700 Franken empfohlen, bei den Coiffeuren gilt seit Oktober in der Schweiz ein Mindestlohn von 3600 Franken; ab September 2014 steigt er auf 3700 Franken, ein Jahr darauf auf 3800 Franken. Und selbst eine Fachangestellte Gesundheit, die in einem Zürcher Spital Schicht arbeitet und einen extrem belastenden Job ausübt, kommt mit Zulagen auch nur auf 4700 Franken, die Aldi nun zahlen wird.

Wie die Kommentare in Onlineforen zeigen, fragen sich viele: «Weshalb soll ich mir eine Lehre antun, wenn ich in Zürich bei Aldi ohne Ausbildung 4694 Franken verdiene?» Nach 24 Monaten im Betrieb sind es gar 5077 Franken, und zwar mal 13 – unabhängig davon, ob man eine Lehre absolviert hat oder nicht.

Floristen wollen Niveau von 4000 Franken erreichen

Urs Brunner vertritt als Geschäftsführer des Schweizerischen Floristenverbands eine jener Branchen, die Lehrabgänger mit weniger als 4000 Franken entschädigen. «Uns ist bewusst, dass die kürzlich erfolgte Erhöhung von 3550 auf 3700 Franken verglichen mit den Mindestlöhnen im Detailhandel noch immer zu wenig ist», sagt Brunner. In zwei bis drei Jahren wolle der Floristenverband ebenfalls ein Niveau von gegen 4000 Franken erreichen. «Die kleingewerbliche Struktur der Blumenfachgeschäfte in der Schweiz bedingt aber Erhöhungen in verkraftbaren Schritten, weshalb eine Etappierung unumgänglich ist. Der Beruf der Floristin beinhaltet zusätzlich Kreativität, Selbstentfaltung, Verbundenheit mit der Natur und Herzblut.»

Martin Bangerter, Geschäftsführer des Drogistenverbands, zweifelt an der Nachhaltigkeit des Lohnversprechens von Aldi Suisse. «Ich bin gespannt, wie lange Aldi diese hohen Löhne wirklich bezahlen wird. Für mich ist das eine Charmeoffensive, um in der Schweiz bei potenziellen Angestellten zu punkten.» Die Anfangslöhne von Lehrabgängern in seiner Branche verteidigt Bangerter. «In städtischen Regionen verdient eine Drogistin direkt nach der Lehre vielleicht gut 4000 Franken, aber mehr liegt im inhabergeführten Detailhandel nicht drin. Man zahlt die Löhne, die man zahlen kann.»

Aldi zahlt auch in Deutschland überdurchschnittlich

Aldi-Mitarbeiter bekommen allerdings auch in Deutschland überdurchschnittliche Löhne und Gehälter - egal, ob es sich um Regionalverkaufsleiter, Filialleiter, Verkäuferinnen oder Hilfskräfte handelt. Die Entlohnung wird gemäss dem deutschen Magazin «Spiegel» durch zwei Annahmen getragen: Zum einen sagte schon Aldi-Gründer Theo Albrecht: «Wenn ich 30 Prozent mehr bezahle, bekomme ich die doppelte Leistung.» Zum anderen funktioniert der hohe Verdienst auch als Druckmittel. Kaum einer der Beschäftigten muckt auf, weil jeder weiss, dass er bei einem Jobverlust keinen ähnlich gut bezahlten neuen Arbeitsplatz finden würde.

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation in Bern sieht die Berufslehre trotz der Lohnoffensive von Aldi oder Lidl nicht in Gefahr. «Wer eine Lehre absolviert, ist auf dem Arbeitsmarkt besser positioniert», sagt Jean-Pascal Lüthi, Leiter der Abteilung Berufsbildung und Höhere Berufsbildung. Bei 25- bis 64-Jährigen ohne nachobligatorischen Abschluss betrage die Erwerbsquote 68 Prozent, mit einer Lehre steige sie auf 83 Prozent. Fehlt ein Abschluss, ist auch die Arbeitslosigkeit im langjährigen Mittel bei Erwachsenen 2,6-mal höher als mit Abschluss. «Und schliesslich ist man nach einem Berufsabschluss generell mobiler und hat mehr Chancen auf eine erfolgreiche Karriere», sagt Lüthi weiter.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.12.2013, 11:26 Uhr)

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