Amazon prangert klauende Mitarbeiter an

Vor jedem Schichtbeginn werden Arbeiter von Amazon gewarnt: Auf Screens sehen sie Ex-Kollegen, die gestohlen haben. Zahlen zeigen: Auch hierzulande sind Angestellte oft die Diebe.

Lagerhaus von Amazon: Den Überblick zu behalten, ist schwierig.

Lagerhaus von Amazon: Den Überblick zu behalten, ist schwierig. Bild: Neil Hall/Reuters

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Es sind schon beinahe mittelalterliche Methoden. Bevor Amazon-Mitarbeiter in den USA jeweils ihre Schicht beginnen, werden sie zuerst einmal gewarnt, nichts zu stehlen. Als Instrument dafür dient dem amerikanischen Internethändler das schwarze Brett – oder in moderneren Lagerhäusern Flachbildschirme.

Darauf erscheinen die Silhouetten ehemaliger Kollegen, die geklaut haben. Auf den Mitarbeiterbildern steht «gefeuert». Unter einigen Silhouetten steht auch das Wort «verhaftet». Ergänzt sind die Bilder mit Informationen, wann die Mitarbeiter was gestohlen haben. Wie sie erwischt wurden und wie viel Wert die Ware hatte.

Wir beobachten euch

Die «Diebstahlstorys» seien in US-Lagerhäusern des Internetriesen weitverbreitet, sagten ehemalige Amazon-Manager zu «Bloomberg Businessweek». Das US-Magazin hat mit verschiedenen Amazon-Mitarbeitern gesprochen. Es ginge einfach darum, den Amazon-Mitarbeitern zu sagen: «Wir beobachten euch», sagte demnach ein ehemaliger Lagerhausmitarbeiter, der im Februar gekündigt hatte.

Die Bildschirme seien aber kaum zu ignorieren. Alle Kollegen wollten schauen, wen es diesmal erwischt habe, so der Mitarbeiter weiter. Ein weiterer ehemaliger Amazon-Angestellter sagt, die Amazon-Praktik erinnere an ein Gefängnis. Der Bildschirmpranger sei eine irre Art, die Angestellten einzuschüchtern.

Diebesgut in die Socke gestopft

Gestohlen werden DVDs, iPads und Videospiele, Schmuck, Schminksachen, ja sogar Mikrowellengeräte. Auch die Art und Weise, wie Mitarbeiter vorgingen, sei variantenreich, berichten die Amazon-Angestellten. Es gibt Diebe, die sich die Ware einfach in die Socke stopften, andere änderten die Adressen, damit Pakete an Komplizen verschickt würden.

Amazons aggressive Art der Diebstahlprävention löst Kopfschütteln auf. Sind die Gründe für das harte Vorgehen weitgehend hausgemacht? Fakt ist, Amazons Lagerhäuser sind voll mit kleinen Gegenständen, Übersicht darüber hat nur der Computer. Die Arbeit eines Packers ist ein Knochenjob, der schlecht bezahlt ist. Lange hält es da kaum jemand aus. Die Mitarbeiterfluktuation ist deshalb hoch.

Gemäss «Bloomberg Businessweek» hat Amazon zu entsprechenden Fragen keine Stellung genommen. Auch Amazon in Deutschland wollte sich gemäss Medienberichten dazu nicht äussern.

Digitec will sensibilisieren

Beim Schweizer Internethändler Digitec sind Diebstähle auch ein Thema. «Wir sehen klar davon ab, erwischte Mitarbeitende als Mahnmal an den Pranger zu stellen und setzen bei allfälligen Vergehen auf transparente Aufklärungsarbeit», sagt eine Sprecherin. Man versuche, die Mitarbeitenden aktiv darauf zu sensibilisieren, dass Diebstähle keine Lappalien sind und weitreichende Konsequenzen mit sich ziehen. «Diese beginnen bei einer fristlosen Kündigung, je nach Ausmass des Diebstahls zieht ein solches Vergehen natürlich auch unterschiedliche Dimensionen von rechtlichen Konsequenzen mit sich», so die Sprecherin weiter.

Über die Diebstahlprävention spricht kein Händler gerne – aus Sicherheitsgründen, sagen sie. «Wichtig sind eine gute Schulung des Personals sowie eine zuverlässige Ladenüberwachung durch Detektive; die meisten Verkaufsstellen sind zudem videoüberwacht», heisst es etwa bei Coop. Und auch die Migros ergreift sowohl «technische als auch personelle und organisatorische Massnahmen», um den Langfingern das Leben so schwer wie möglich zu machen. Wobei eine Migros-Sprecherin betont, dass der weitaus grösste Teil der Diebstähle «Kunden» anzulasten sei.

Denner strebt eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei an, um dem Tatbestand auf den Grund zu gehen, wie eine Sprecherin sagt. «Wir stellen eine Verlagerung zu teurerem Diebesgut fest, wie hochwertige Spirituosen und Fleisch-Edelstücke.» Der Schaden sei in den letzten Jahren stetig gestiegen.

Gemäss den aktuellsten Zahlen verschwinden im Schweizer Detailhandel jährlich Waren im Wert von um die 790 Millionen Franken. Das zeigt eine weltweite Studie zum Warenschwund im Detailhandel des Datendienstleisters The Smart Cube. Der Studie zufolge gehen 41 Prozent aller Verluste hierzulande auf das Konto von unehrlichen Mitarbeitern. Den Rest der Verluste verursachten diebische Lieferanten, oder es sind Fehler ohne kriminelle Absicht.

Diebstähle auch in der Industrie

Gestohlen wird nicht nur im Detailhandel. Auch Industrieunternehmen sind nicht dagegen gefeit, bestohlen zu werden. Die Schadenssumme liegt hier oft viel höher. So beispielsweise beim Technologiekonzern ABB. Ein ehemaliger Mitarbeiter wurde Ende Februar vom Bundesstrafgericht verurteilt, weil er Werkteile gestohlen und weiterverkauft hatte. Er musste dem Konzern mehr als 2 Millionen Franken zurückbezahlen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.03.2016, 12:29 Uhr)

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