Angst vor Schweizer Ausverkauf

Syngenta, Kuoni, Sigg – Schweizer Firmen sind bei Käufern im Ausland begehrt. Doch während etwa Paris bei solchen Deals interveniert, bejubelt Bern diese. Gibt es da keine Grenzen?

Beziehungen wollen gepflegt sein, dann klappts auch wirtschaftlich: Vorbereitungen für den Besuch eines Bundesrates in China. (Archiv, Januar 2015)

Beziehungen wollen gepflegt sein, dann klappts auch wirtschaftlich: Vorbereitungen für den Besuch eines Bundesrates in China. (Archiv, Januar 2015) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Agrochemiekonzern Syngenta und der Flaschenhersteller Sigg nach China oder der Reiseanbieter Kuoni nach Schweden – gleich mehrere Schweizer Unternehmen wurden in den letzten Tagen von ausländischen Firmen gekauft. Das weckt Ängste.

Wenn ein Land die Kontrolle über die eigenen Vermögenswerte verliert, verliert ein Land zunehmend auch seine Unabhängigkeit, kritisiert der prominente Wirtschaftsanwalt Peter Nobel gestern in der «Schweiz am Sonntag». Werte wie Qualitätsdenken, Reputation und Innovationskraft sind für Nobel mit der Eigentümerschaft einer Firma verbunden. Wandert diese ins Ausland ab, drohen auch die Werte zu verschwinden.

Politik mischt sich nicht ein

Im Ausland meldet sich die Regierung kritisch zu Wort, wenn es um strategische Unternehmen geht. So hat beispielsweise die französische Regierung interveniert, als der französische Industriekonzern Alstom an das US-Unternehmen General Electric verkauft werden sollte. «Die Regierung bringt ihre patriotische Besorgnis und Wachsamkeit zum Ausdruck», sagte 2014 der französische Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg. In der Schweiz wirkte es hingegen eher so, als ob sich die Politik für die Übernahme erst interessierte, als der Stellenabbau an den Schweizer Standorten von Alstom bekannt gegeben wurde. Bundespräsident Johann Schneider-Ammann lobte den Verkauf von Syngenta an das chinesische Unternehmen Chemchina: «Das ist ein guter Deal.»

In der Schweiz gibt es nur wenige Regeln, die den Erwerb von Schweizer Unternehmen durch ausländische Käufer einschränken. Bei Immobiliengesellschaften gilt die umstrittene Lex Koller. Ein anderes Instrument, um die Kontrolle über ein Unternehmen zu halten, sind Namenaktien. Mit ihnen können Aktionäre eine Firma kontrollieren, auch wenn sie nur einen kleinen Teil der Firmenanteile besitzen.

Ein Blick auf das Aktionariat der grössten Schweizer Konzerne zeigt, dass sich diese zu einem Grossteil in ausländischer Hand befinden. Zu den wichtigsten Investoren zählen Vermögensverwalter aus den USA oder der norwegische Staatsfonds. Hinzu kommt: Firmen wie Syngenta oder Kuoni sind längst globale Firmen mit einer globalen Führungsetage. Dass sie ausländische Aktionäre haben, liegt auf der Hand. Andernorts hoffen Schweizer Aktionäre gar auf ausländische Käufer, denn in der Schweiz finden sich keine. Das jüngste Beispiel dafür ist der Verkauf der kantonalen Beteiligungen am Energiekonzern Axpo. Dort hoffen die Kantone gar auf ausländische Investoren, um ihre Aktien zu verkaufen.

Interesse an Schweizer Firmen wächst

Laut Martin Frey, Leiter Corporate Finance beim Beratungsunternehmen PWC, verhält sich die Schweiz sehr liberal. «Sobald der Verkauf eines Unternehmens nüchtern betrachtet wird, sind wirtschaftliche Argumente wichtiger als die emotionale Verbundenheit. Dies trifft insbesondere für Publikumsgesellschaften zu», sagt Frey. Er schränkt aber ein: «Firmen in Schweizer Privatbesitz sind oft sehr loyal zur Schweiz, und es herrscht entsprechend eine Verbundenheit.»

Diese werde oft stärker gewichtet als ein paar Franken mehr Gewinn. Darum werde eine Schweizer Firma meist auch nicht beim ersten guten Angebot aus dem Ausland dorthin verkauft, sondern oft erst nachdem auch nicht wirtschaftliche Erwägungen in die Beurteilung einbezogen wurden. Es ist davon auszugehen, dass dies künftig häufiger der Fall sein wird. Denn PWC berät derzeit vermehrt auch Unternehmen aus China oder Indien, die sich für Schweizer Unternehmen interessieren.

Umfrage

Vermehrt gehen Schweizer Firmen an ausländische Käufer. Was sagen Sie dazu?






(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.02.2016, 16:55 Uhr)

Artikel zum Thema

Wer will die heisse Kartoffel?

Die anderen Kantone haben am Erwerb der Zürcher Axpo-Anteile kein Interesse. Verscherbeln lassen sich diese allenfalls an ausländische Investoren. Mehr...

Syngenta-Standorte in der Schweiz gesichert

Die chinesische ChemChina tastet den Schweizer Hauptsitz und die hiesigen Standorte nicht an. Es gibt aber auch scharfe Kritik am Deal mit China. Mehr...

Schwedischer Investor will Reste von Kuoni kaufen

Die schwedische Investmentgesellschaft EQT kündigt ein Kaufangebot an. Der Reisekonzern empfiehlt seinen Aktionären, dieses anzunehmen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Kommentare

Blogs

Politblog Zu ehrgeizig
Blog Mag Konsum und Konformismus
Outdoor Die Begehung der Crema Catalana

Werbung

Die Welt in Bildern

Farbenfroh: Ein doppelter Regenbogen erstrahlt über Gryon im Kanton Waadt (27. Juli 2016).
(Bild: Anthony Anex) Mehr...