Banken proben den Aufstand gegen den Plastikgeld-Platzhirsch

6 Millionen Mal gibt es die Maestro-Karte von Mastercard in der Schweiz. Nun verteilt Raiffeisen ab dem 1. Januar die V-Pay-Karte der Konkurrenz. Dahinter steckt ein alter Streit – und viel Geld.

Sicherheit: Die Raiffeisen bietet ihren Kunden eine neue Karte an, die besseren Schutz vor Betrug bieten soll.

Sicherheit: Die Raiffeisen bietet ihren Kunden eine neue Karte an, die besseren Schutz vor Betrug bieten soll. Bild: Christian Hartmann/Reuters

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Junge Raiffeisen-Kunden haben keine Wahl. Wer ab dem 1.  Januar sein erstes Plastikgeld von der Bank erhält, zahlt künftig nicht mit Maestro, sondern mit dem Konkurrenzsystem V-Pay. Die Maestro-Karte gibt es in der Schweiz fast 6  Millionen Mal, die Marke gehört zum Kreditkartenkonzern Mastercard. V-Pay ist das Produkt des Rivalen Visa – und in der Schweiz bislang nicht vertreten.

Jugendliche Raiffeisen-Kunden werden also die ersten Schweizer sein, die damit zahlen. Ausländer hingegen kaufen damit schon heute ein – auch in der Schweiz, wo die Karte an allen modernen Bezahlstationen und Automaten ­akzeptiert wird. In Europa gibt es bereits mehrere Banken, die mit V-Pay arbeiten. Zwischen 30'000 und 40'000 solcher Bankkarten wird Raiffeisen 2014 an Jugendliche verteilen. Allen anderen Kunden überlässt die Bank die Wahl. Als Entscheidungshilfe erlässt sie ihnen die Gebühr von 30 Franken im ersten Jahr.

Dass Raiffeisen das neue System unterstützt, hat zwei Gründe. Der eine ist finanzieller Natur. Die Bank verdient von der ersten V-Pay-Karte an mit. Um das Produkt für Banken attraktiv zu machen, verlangt Visa von Händlern wie Migros und Coop auf jeder Zahlung eine sogenannte Interchange-Gebühr – eine Art Provision, die sie dann den Banken überlässt. Es geht um bis zu 20  Rappen pro Transaktion. Benützen die Jugendlichen ihre Karte gleich oft wie der Durchschnittsschweizer, macht das für Raiffeisen 10 Franken pro Jahr und Karte – oder 300'000 Franken bei 30'000 Karten. Die Bank sagt dazu nur, die Einnahmen ­liessen sich schlecht abschätzen.

Ständig neue Gebühren

Der zweite Grund ist strategischer Natur: Mastercard verfügt mit Maestro faktisch über ein Monopol in der Schweiz (was der Konzern selbst bestreitet). Zwar existiert mit der Postcard ein zweites System, dieses ist aber den Postfinance-Kunden vorbehalten. In den letzten Jahren formierte sich gegen diese Dominanz Widerstand – nicht nur vonseiten der Banken, sondern vor allem vom Detailhandel. Dieser wirft Mastercard vor, die Branche mit immer neuen Gebühren zu gängeln – was der US-Konzern von sich weist. Darob ist ein erbitterter Streit entbrannt. Seither versucht die Schweizer Wirtschaft, ein Konkurrenzprodukt zu Maestro aufzubauen. Raiffeisen ist denn auch nicht die einzige Bank, die die Einführung von V-Pay plant. Auch die UBS arbeitet daran. «Wir wollen unseren Kunden V-Pay im Verlauf 2014 – circa im Herbst – anbieten», sagt Sprecherin Karin Aquilino.

Dass die UBS zum ersten Mal einen Zeitplan nennt, hat wohl einen einfachen Grund: Die Uhr tickt. Die Gebühr, die V-Pay für Banken attraktiv macht, fusst auf einer auf maximal drei Jahre befristeten Ausnahmeregelung der Wettbewerbskommission, die V-Pay den Markteintritt erleichtern soll. In der Schweiz sind solche Interchange-Gebühren auf Debitkarten eigentlich verboten. Für Mastercard kommt die Lancierung von V-Pay in der Schweiz zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Der Konzern macht sich gerade mit einer weiteren Gebühr bei der Branche unbeliebt, die er per 1.  Januar auf bestimmte Zahlungen mit Maestro und Mastercard einführen will. Die Wettbewerbskommission (Weko) hat deswegen vor kurzem eine Vorabklärung eröffnet, wie der verantwortliche Vizedirektor Olivier Schaller gegenüber dem TA erklärt. «Betroffen wären von dieser Gebühr insbesondere Hotels», sagt Schaller. Mastercard wollte zur laufenden Untersuchung keine Stellung nehmen.

Die neuerliche Auseinandersetzung um Gebühren dürfte dem Konkurrenzprodukt von Visa zusätzlichen Auftrieb verleihen. Zwar müssen die Detailhändler kurzfristig höhere Gebühren bezahlen, langfristig erhoffen sie sich durch die Konkurrenz aber sinkende Kosten.

Der Kunde zahlt immer

Ob und wie die Konsumenten profitieren, ist weniger offensichtlich. Die Gebühren, die bei Kartenzahlungen anfallen, nehmen sie nur in Ausnahmefällen wahr. Etwa wenn sie ein Flugticket übers Internet direkt bei der Airline buchen und diese für die Zahlung mit Kreditkarte einen Zuschlag verrechnet. Über die Kalkulation der Händler fallen allerdings auch die unsichtbaren Gebühren auf die Kunden zurück. Sie werden einfach als Teil des Preises überwälzt. Theoretisch müssten tiefere Gebühren über den gleichen Mechanismus indirekt ­wieder an Kunden fliessen.

Viel offensichtlicher indes sind die Nachteile. Zwar wirbt Raiffeisen damit, dass die V-Pay-Karte viel sicherer sei für den Kunden, weil die Kontodaten nur auf dem Chip und nicht mehr auf dem Magnetstreifen gespeichert sind. Faktisch führt das allerdings dazu, dass ­V-Pay nicht überall akzeptiert wird. Raiffeisen etwa preist die Karte bewusst als Produkt für das «Inland und ganz Europa» an. Denn ausserhalb Europas können viele Bancomaten und Zahlungssysteme den Chip nicht lesen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.12.2013, 06:32 Uhr)

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Weshalb V-Pay sicherer ist
Eine Eigenschaft streicht die Raiffeisen an der neuen V-Pay-Karte besonders hervor: «Skimming ist ausgeschlossen, und es besteht höchster Schutz gegen Missbrauch.» Beim sogenannten Skimming werden die wichtigen Daten einer Karte beim Einsatz am Bankomaten, am Zahlungsterminal oder beim Billettlösen kopiert, gleichzeitig wird mit einer Kamera oder einem anderen System der PIN-Code eines Kunden auf­gezeichnet. Mit diesen Angaben können die Verbrecher eine Maestro-Karte fälschen und damit von einem Bankomaten im Ausland das Konto leer räumen. Voraussetzung dafür ist, dass die relevanten Daten vom Magnetstreifen der Karte abgelesen werden können. Auch der betrügerische Bargeldbezug funktioniert nur an Automaten, die den Magnetstreifen lesen.

Die V-Pay-Karte von Visa hat zwar einen Magnet­streifen, die wichtigen Daten sind aber nur auf dem Chip hinterlegt. Und dieser gilt im Moment noch als sicher. Deshalb ist bislang auch kein einziger Skimming-Fall mit V-Pay bekannt. Allerdings ist die Zahl der Skimming-Fälle aufgrund zusätzlicher Sicherheitsmassnahmen in der Schweiz ohnehin stark rückläufig. Bis Ende September beträgt der Rückgang rund 50 Prozent.
(aba)

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