Bankenchefs unterstützen Eingriffe gegen Blasen

Die Chefs von internationalen Konzernen unterstützen in einem Statement ausdrücklich Regulierungen zur Systemstabilität. Ziel ist auch, in einer entscheidenden Debatte die eigenen Vorstellungen einzubringen.

So sieht eine geplatzte Immobilienblase aus: Bauparzellen in Phoenix, USA, die nie bebaut wurden. Foto: Justin Sullivan (Getty Images)

So sieht eine geplatzte Immobilienblase aus: Bauparzellen in Phoenix, USA, die nie bebaut wurden. Foto: Justin Sullivan (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Trotz des leichten Anstiegs der letzten Tage: Das Zinsniveau befindet sich weltweit auf einem Tiefstand. In vielen Ländern sind die Sätze in Kaufkraft gemessen sogar im negativen Bereich. Das gilt auch für die Schweiz. Das wird sich nicht so schnell ändern: Ökonomen rechnen damit, dass das Zinsniveau auch in Zukunft deutlich unter dem historischen Durchschnitt bleiben wird.

Tiefe Zinsen verleiten dazu, auf den Kapital- und Immobilienmärkten höhere Risiken einzugehen – was letztlich das ganze Finanzsystem gefährden kann. Regulierungsmassnahmen, um einer solchen Entwicklung vorzubeugen, laufen unter dem Begriff makroprudenzielle Massnahmen. Dieser komplizierte Ausdruck dominiert zunehmend die wirtschaftspolitischen Debatten.

In einem heute publizierten Statement bekennt sich eine Reihe führender Vertreter europäischer Banken und Versicherer sowie aus der Wissenschaft im Grundsatz klar zu dieser Aufgabe der Aufsichtsbehörden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass die Vertreter dieser Branche sich bisher gegenüber strengeren Regulierungen nicht allzu aufgeschlossen gezeigt haben. Zu den Unterzeichnern des Statements zählen unter anderem die Präsidenten der Grossbanken UBS und HSBC, Axel Weber und Douglas Flint, und Swiss-Re-Chef Michel Liès.

Eine Initiative des WEF

Organisiert hat die Verlautbarung das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Zusammenarbeit mit dem Managementberatungsunternehmen Oliver Wyman. Wie Matthew Blake vom Financial-Forum-Team des WEF erklärt, ist dem Statement eine dreijährige Phase der Zusammenarbeit mit den Unterzeichnern vorausgegangen. Das Statement hält fest, dass die Finanzstabilität ein entscheidendes öffentliches Gut sei, das der ganzen Gesellschaft nütze. Denn wenn makroprudenzielle Massnahmen eine nachhaltige Kreditversorgung sicherstellten und Fehlentwicklungen vermieden, verringerten sie die Wahrscheinlichkeit künftiger Finanzkrisen.

Statt einzelne Finanzinstitute zu regulieren, liegt der Fokus bei makroprudenziellen Massnahmen auf sogenannten Systemrisiken. Selbst wenn ein einzelnes Finanzinstitut gut aufgestellt ist, können sich aus dem Zusammenwirken aller Institute grosse Gefahren ergeben: etwa durch eine zu expansive Kreditvergabe bei sehr tiefen Zinsen. Das hat sich vor allem im Immobilienbereich gezeigt. Billige Hypotheken führen zu einer hohen Nachfrage nach Wohneigentum und damit zu rasch steigenden Immobilienpreisen.

Im schlimmsten Fall platzt die Blase, die Haushalte sind hoch verschuldeten oder bankrott, und den Banken drohen gefährlich hohe Abschreiber. Notverkäufe und die Sorge um die Stabilität der Banken führen zu einer Spirale nach unten: Die Bankgläubiger wollen ihr Geld zurück, Kreditkanäle werden eingefroren, die Nachfrage bricht ein. Nach diesem Drehbuch liefen unter anderem die Finanzkrise von 2008 und die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre ab.

Die langen Nachwirkungen einer Finanzkrise

Finanzkrisen führen zu weit schlimmeren und länger anhaltenden Wirtschaftseinbrüchen als gewöhnliche Konjunkturkrisen. Das zeigen die Arbeit der US-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart sowie verschiedene Studien der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Und die jüngste Erfahrung: Selbst 7 Jahre nach der Finanzkrise von 2008 hat die Weltwirtschaft deren Folgen noch nicht verwunden.

«Jeder in der Finanzindustrie unterstützt Massnahmen, die das System stabiler machen», sagt darum Douglas Flint. So begründet der Präsident der Grossbank HSBC gegenüber dem TA sein Engagement für die gemeinsame Erklärung. Flint bemängelt aber auch, dass zu diesem Thema noch kein kohärentes Gesamtbild bestehe. Seine Unterstützung hängt also auch von den Details ab.

Tatsächlich verliert das Statement kein Wort darüber, welche konkreten Massnahmen die Unterzeichner befürworten und welche nicht. Hingegen wird das Anliegen der Finanzindustrie deutlich, bei deren Ausarbeitung ein Wörtchen mitzureden. Die Zusammenarbeit mit der Politik sei ein wichtiges Motiv für die Unterzeichnenden, sagt denn auch Matthew Blake vom WEF. Es sei ihnen stets um die Frage gegangen: Wie können wir unser Expertenwissen unterstützend einbringen?

Eine Warnung schwingt mit

Das bestätigt auch Michel Liès, Chef des weltweit grössten Rückversicherers Swiss Re: Sein Hauptanliegen sei «eine klare Positionierung der Finanzindustrie». Die Botschaft an die Politik: «Geht weiter auf diesem Weg, aber seid vorsichtig.» Laut Liès werde der Finanzsektor oft nicht richtig verstanden. Für ihn als Vertreter der Versicherungsbranche steht zudem die Gefahr im Vordergrund «dass die Regulierungsmodelle, die für Banken angewandt werden, gleichzeitig auch für Versicherungen verlangt werden». Liès geht sogar noch weiter: Er befürchtet, regulatorische Massnahmen könnten sogar kontraproduktiv sein.

Als Beispiel nennt er Anlageregeln, die ihn dazu zwingen, stark in Staatsanleihen zu investieren. Solche Regeln sind für den Chef von Swiss Re ein Beispiel für eine finanzielle Repression, «weil sie dazu führen, dass Investoren in Anlagen investieren, in die sie sonst nicht unbedingt investiert hätten. Dadurch entsteht eine Akkumulation von Risiken, die für die Finanzstabilität nicht unbedingt hilfreich sind.» Finanzielle Repression definiert Liès als «eine subtile Art, Geld von den Sparern zu nehmen und es den Schuldnern zu geben».

Auch bei Axel Weber, Verwaltungsratspräsident der UBS und Mitunterzeichner, klingt eine Warnung an die Regulierungsbehörden durch: «Makroprudenzielle Massnahmen können eine wichtige Rolle dabei spielen, die Finanzstabilität in Zukunft zu sichern, wenn sie richtig eingesetzt werden und die potenziellen Begleiterscheinungen angemessen berücksichtigt werden.» Die Aussage ist dem Statement angehängt. Für den TA war Weber nicht zu einer Stellungnahme zu gewinnen.

Diese Aussagen machen klar, dass das Statement keine Kehrtwende darstellt. Die Vertreter der Finanzbranche sind gegenüber Regulierungen nicht plötzlich deutlich offener geworden. Tatsächlich ist es trotz der wachsenden Prominenz des Themas bisher noch alles andere als geklärt, was im Detail als makroprudenzielle Massnahme gilt, welche Wirkung die Massnahmen entfalten, oder nur schon, wer dafür zuständig sein soll. Die Debatte darüber wird äusserst intensiv, aber auch kontrovers geführt. Ihr sind internationale Konferenzen gewidmet und ebenso eine wachsende wissenschaftliche Literatur. Die generelle Aussage überall: Man steht in diesem Bereich noch ganz am Anfang, und es fehlt an Erfahrungen.

Kapitalpuffer und Tragbarkeit

Im Vordergrund der in einzelnen Ländern bereits eingeführten Massnahmen stehen bisher etwa flexibel festzulegende Obergrenzen für Kredite oder Hypotheken im Verhältnis zum Wert der damit erworbenen Objekte und Obergrenzen für Kredite im Verhältnis zum Einkommen der Schuldner. Beide Massnahmen bezwecken eine höhere Trag­fähigkeit von Schulden.

Weiter werden Kapitalpuffer für Banken dazu gezählt, wobei hier vor allem zyklische Anpassungen dieser Quoten an die Risikolage im Vordergrund stehen. Auch Beschränkungen im grenzüberschreitenden Kapitalverkehr fallen zuweilen darunter – vor allem in Schwellenländern. Denn kurzfristige Kapitalzu- und darauf folgende -abflüsse haben immer wieder zu Boomphasen und nachfolgenden schweren Krisen geführt.

All diese Massnahmen können einem Finanzinstitut lukrative Geschäfte vermiesen, selbst wenn das Finanzsystem dadurch insgesamt stabilisiert wird. Wie viel das Bekenntnis der Finanzbranche zu makroprudenziellen Massnahmen am Ende wert ist, wird sich erst zeigen, wenn die Debatte um konkrete Vorstösse geführt wird, das heisst, wenn die ­Folgen für die Institute deutlich werden.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.05.2015, 23:31 Uhr)

Die Doppelrolle der Notenbanken

Die wichtigste Auseinandersetzung im Zusammenhang mit makroprudenziellen Massnahmen ist die Frage, in welchem Verhältnis sie zur Geldpolitik der Notenbanken stehen sollen. Die Stabilität des Finanzsektors wird immer mehr als dritte Aufgabe der Notenbanken verstanden – neben der Gewährleistung einer stabilen Preisentwicklung und dem konjunkturellen Ausgleich.

Einerseits sind Notenbanken auf ein stabiles Finanzsystem angewiesen, damit sich ihre Geldpolitik auf die Realwirtschaft überträgt, andererseits führen Finanzkrisen zu besonders heftigen Verwerfungen sowohl bei der Konjunkturlage wie oft auch beim Preisniveau. Als einer der grössten Mängel der makroökonomischen Lehre in den Jahrzehnten vor der Finanzkrise gilt dann auch, dass die Entwicklungen im Finanzsektor zu wenig beachtet wurden.

Doch diese zusätzliche Aufgabe für die Notenbanken ist nicht unproblematisch, wie sich das aktuell besonders deutlich zeigt. Dass die Zinsen derart tief liegen, ist auch das Ergebnis einer gezielten Tiefzinspolitik. Sie wollen damit der wirtschaftlichen Schwäche entgegenwirken und die Inflation zum Zielwert von rund 2 Prozent zurückführen.

Ein gefährlicher Zielkonflikt

Ist eine Notenbank neben ihren bisherigen Aufgaben zusätzlich für makroprudenzielle Massnahmen verantwortlich, gerät sie in einen potenziellen Zielkonflikt. Denn diese Aufgabe verpflichtet sie, gegen jene übertriebene Kreditvergabe vorzugehen, die sie mit ihrer Tiefzinspolitik fördert. Unter Ökonomen findet daher eine intensive Auseinandersetzung zur Frage statt, ob sich mit ­makroprudenziellen Massnahmen allein die Risiken der tiefen Zinsen beheben lassen respektive ob zur Stabilisierung der Finanzbranche höhere Zinsen erwogen werden sollten, selbst wenn sich die Konjunkturlage so verschlechtert.

Ein weiteres Problem ist die fehlende demokratische Legitimation der Notenbanker. Solange sie als reine Technokraten ein eng umrissenes Ziel – die Preisstabilität – mit einem einzigen Instrument – dem Leitzins – zu erreichen hatten, wurde ihre Unabhängigkeit weitum akzeptiert. Bereits die weit über diese klassische Beschränkung hinausgehenden Massnahmen der letzten Jahre ­haben diese Akzeptanz arg strapaziert. Mit der Verantwortung für makroprudenzielle Massnahmen entscheiden Notenbanken sehr viel direkter für oder ­gegen Interessen von Teilen der Bevölkerung: etwa wenn sie nach eigenem Ermessen Verschuldungsgrenzen für Private oder höhere Kapitalpolster bei den Banken einführen oder im Extremfall ­sogar den Kapitalverkehr einschränken.

Solche Bedenken haben bisher dazu geführt, dass kaum in einem Land die gleichen Organe einer Notenbank, die die Geldpolitik festlegen, auch für makroprudenzielle Massnahmen zuständig sind. Zuweilen sind es gesonderte Instanzen innerhalb der Notenbank (wie in Grossbritannien), oder die Notenbank kann (wie in der Schweiz) an die Regierung Anträge für Massnahmen wie eine höhere Kapitalquote stellen, oder dann sind eine Vielzahl von Instanzen für solche Massnahmen zuständig. Wie bei den konkreten Massnahmen zur Systemstabilität ist auch bei der konkreten Ausgestaltung der Zuständigkeit dafür das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Das Statement

Wer sich wozu verpflichtet hat

Neben Michel Liès (Swiss Re), Axel Weber (UBS) und Douglas Flint (HSBC) haben auch Topmanager wie Martin Senn (Zurich), Reto Francioni (Deutsche Börse), Mario Greco (Generali), Laurence Fink (Black Rock), Kevin Lynch (BMO) oder Marcello Sala (Intesa Sanpaolo) ihren Namen unter die gemeinsame Erklärung setzen lassen. Insgesamt haben 18 Vertreter – alles Männer – mit­gewirkt. Der Text entstand im Rahmen der europäischen Zeitungsallianz Leading European Newspaper Alliance (Lena). Der Wortlaut und die vollständige Liste der Unterzeichner sind hier abrufbar.

Zum Vergrössern auf die Grafik klicken.

Artikel zum Thema

Finma verteidigt Mehraufwand für Banken

Zwar brauche das revidierte Geldwäschereigesetz mehr Ressourcen der Finanzinstitute. Doch die Finanzmarktaufsicht sieht langfristig einen höheren Nutzen der Regulierung. Mehr...

Bankermoral vs. Bankerregulierung

Never Mind the Markets Dass Banken ein Problem mit ihrer Kultur haben, zeigt nun auch eine Studie. Setzt eine strengere Regulierung etwa durch Kapitalvorschriften am falschen Ende an? Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wenn der Säbel juckt: Als Wikinger verkleidet kämpfen australische Teilnehmer des St. Ives-Mittelalter-Festival in Sydney gegeneinander. (24. September 2016)
(Bild: Dan Himbrechts) Mehr...