Credit Suisse ersetzt Schweizer durch Inder

Die Grossbank beschäftigt viele IT-Mitarbeitende aus dem Ausland, auch aus Drittstaaten wie Indien.

Obwohl die IT-Mitarbeiter der CS – im Bild der Uetlihof – ihre indischen Kollegen schätzen, sollen viele Ja gesagt haben zur Zuwanderungsinitiative. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Obwohl die IT-Mitarbeiter der CS – im Bild der Uetlihof – ihre indischen Kollegen schätzen, sollen viele Ja gesagt haben zur Zuwanderungsinitiative. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Da ist die Rede von einem ehemaligen IT-Mitarbeiter der Credit Suisse, der heute als Tramführer unterwegs ist. Laufend stelle die Grossbank Schweizer auf die Strasse, schicke sie in die Frühpension und ersetze sie durch Ausländer, namentlich durch Inder. Deshalb, meint ein CS-Informatiker, habe er am 9. Februar ein Ja für die Masseneinwanderungsinitiative der SVP eingelegt.

Es kommt sehr darauf an, mit wem man über die Situation und Stimmung innerhalb der Informatikabteilungen bei der Bank spricht. Mario Crameri, IT-Chef der Region Schweiz, zeichnet ein völlig anderes Bild als einzelne seiner Untergebenen, die ihren Arbeitsplatz in Zürich, im Uetlihof oder im CS-Tower in Oerlikon, haben.

Das ist die Darstellung der Kritiker: Die Credit Suisse ersetze kontinuierlich Schweizer Informatiker durch Ausländer, besonders durch kostengünstigere Angehörige sogenannter Drittstaaten. Das sind Länder ausserhalb der EU-/- Efta-Region, zum Beispiel Indien. Mitarbeiter würden entlassen oder frühpensioniert. An ihre Stelle träten in der Regel Inder. Geschätzt seien im Uetlihof und in Oerlikon inzwischen 20 bis 40 Prozent der IT-Mitarbeiter aus Indien, in einzelnen Stockwerken sitze nur noch an jedem zweiten Arbeitsplatz ein Schweizer.

Keiner der Informanten sagt ein schlechtes Wort gegen die indischen Arbeitskollegen. Es gebe keinerlei zwischenmenschliche Probleme. Die Programmiersprache beherrschten sie. Sie hätten aber in der Regel wenig Berufserfahrung und kein bankfachliches Wissen. Deshalb bräuchten sie Unterstützung durch die Schweizer, was diese von ihrer Arbeit abhalte. Dieser Mehraufwand werde in der Regel nicht speziell ausgewiesen. Eine saubere Kostenverrechnung fehle somit.

In den Pausen ein Dauerthema

Die meisten Inder sind nicht von der Credit Suisse selbst angestellt, sondern von aussenstehenden Geschäftspartnern, sogenannten Service Providern der Bank. Die wichtigsten sind Accenture, Cognizant, Wipro und TCS, eine Tochter des indischen Mischkonzerns Tata. Schweizer IT-Mitarbeiter werden zum Teil zu diesen Partnerunternehmen verschoben. Sie sind damit nicht mehr von der CS angestellt. In diesen Fällen werden ihnen gemäss Credit Suisse zwei Jahre lang die gleichen Leistungen garantiert. CS-Mitarbeiter berichten aber auch von Fällen mit sofortigen Leistungskürzungen.

All das schlägt auf die Stimmung durch. Das schlechte Klima sei in der Mittagspause ein Dauerthema. «In den Pausen wird sehr viel über die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust gesprochen», sagt ein Betroffener. «Und», fügt er bei, «über das Abzocken des oberen Managements.» Dem Vernehmen nach haben bei der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative viele IT-Leute der Bank ein Ja eingelegt – auch solche, die normalerweise nicht den Parolen der SVP folgen.

Szenenwechsel: Hauptgebäude der Credit Suisse am Paradeplatz. Mario Crameri, seit 2011 Leiter der IT-Region Schweiz, skizziert die Philosophie der Grossbank im Bereich Informationstechnologie. Länger als Unternehmen der Pharmabranche, länger auch als Konkurrenten, habe die CS in der IT die Strategie einer extrem langen internen Wertschöpfungskette verfolgt. So habe man bis vor kurzem Anwendungssoftware selber entwickelt. Noch bis 2008 habe die CS den IT-Bereich ausgebaut. Inzwischen sei man aber zur Erkenntnis gelangt, dass andere Firmen das besser machen könnten. Dennoch gehöre die Credit Suisse noch immer zu den grössten IT-Arbeitgeberinnen der Schweiz.

Die von seinen Untergebenen genannten Ausländerzahlen bestreitet Crameri. Rund drei Viertel der IT-Mitarbeiter in der Schweiz seien Schweizer. Von den Ausländern stammten fast 95 Prozent aus europäischen Staaten, vor allem aus Deutschland und Grossbritannien. Nur gut 5 Prozent kämen aus Drittstaaten wie Indien. Diese Zahlen berücksichtigen allerdings jene Informatiker nicht, die zwar bei der Bank tätig sind, aber von Service-Providern gestellt werden.

Keine Transparenz der Bank

Crameri sieht Frühpensionierungen in der Regel als gute Lösung für die Betroffenen. Nicht jeder wolle den Sprung in neue Technologien schaffen. Die Verlagerung der Wertschöpfungskette sei Teil der Strategie. Crameri räumt ein, «dass der Transformationsprozess für Einzelne schmerzhaft ist und man möglicherweise diese Leute besser abholen könne».

Die beiden Darstellungen der gleichen Situation klaffen weit auseinander. Man käme der Wahrheit ein gutes Stück näher, wenn die CS Zahlen zur Entwicklung der Mitarbeitenden im Bereich IT Schweiz ausweisen würde. Das tut sie aber auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht. Weder will sie aufzeigen, wie sich die Gesamtzahl der IT-Mitarbeitenden in den letzten Jahren verändert hat, noch macht sie präzise Angaben zum Verhältnis zwischen Schweizern, Europäern und Drittstaaten-Angehörigen. Die CS sagt nur, dass sie weltweit mehr als 10 000 IT-Spezialisten zähle, rund ein Drittel davon in der Schweiz. Die Zahl in der Schweiz sei wegen der laufenden Kosten- und Effizienzmassnahmen rückläufig. Der Ausländeranteil in der Schweiz habe sich nicht verändert. Auch die UBS weigert sich, entsprechende Zahlen vorzulegen.

Das Thema ist heikel, insbesondere nach dem Ja zur Masseneinwanderungs-initiative. «Das Thema muss uns interessieren», sagt Crameri. Es sei nicht Strategie der CS, in der Schweiz IT-Arbeitsplätze zu vernichten.

Inder in Spanien «parkiert»

Das Gesetz sieht für die Anstellung von Personen aus Drittstaaten einen Inländervorrang vor. Arbeitgeber müssen den Nachweis erbringen, dass sie für die Besetzung der Stelle keine geeignete Person aus dem Inland oder einem Staat, mit dem ein Freizügigkeitsabkommen abgeschlossen worden ist, finden. Nur, das Gesetz lässt diverse Hintertürchen offen. Irene Tschopp, Sprecherin des Zürcher Amts für Wirtschaft und Arbeit, sagt: «Der Inländervorrang ist nicht relevant, wenn es sich um Entsendungen und nicht um Lokalanstellungen handelt.» Wenn also Cognizant von der Credit Suisse den Auftrag für die Entwicklung einer neuen Applikation erhält, ist entscheidend, wo die Firma die Spezialisten für das Projekt rekrutiert. Sucht der Cognizant-Ableger in Zürich die Mitarbeiter, muss die Firma den Inländervorrang beachten. Schickt der Cognizant-Standort in Bangalore die Leute für die Umsetzung des CS-Projekts, macht das Gesetz keine Einschränkungen. Cognizant kann Inder schicken.

CS-Mitarbeitende berichten auch, dass die Bank indische IT-Fachleute vorübergehend in Spanien «parkiert», um sie anschliessend unter Umgehung des Kontingents für Drittstaatenangehörige in die Schweiz zu bringen. Das sei grundsätzlich möglich, bestätigt Tschopp, sofern diese Inder mindestens ein Jahr im betreffenden EU-Land angestellt gewesen seien.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.03.2014, 00:16 Uhr)

Wie Arbeitgeber den Inländervorrang umgehen

Stellenbewerber von ausserhalb der EU erhalten in der Schweiz normalerweise nur eine Arbeitsbewilligung, wenn ihre Stelle zuvor hier und EU-weit vergeblich ausgeschrieben wurde. TA-Recherchen zeigen nun, dass es zwei legale – wenn auch unerwartete – Möglichkeiten gibt, den Inländervorrang für Bürger von ausserhalb der EU zu umgehen. Erstens können Inder dank der Personenfreizügigkeit mit der EU in die Schweiz kommen. Dies unter der Voraussetzung, dass sie hier maximal 90 Tage arbeiten und zuvor ein Jahr lang in einem EU-Land tätig waren (Entsendegesetz).

Zweitens können Inder als «Spezialisten» direkt in die Schweiz kommen, wenn sie «im Rahmen eines definierten Projekts» von ihrer Firma entsandt wurden. «Bei dieser Konstellation gilt der Vorrang nicht», bestätigt die Sprecherin des Bundesamts für Migration (BFM), Sibylle Siegwart. Die betreffenden Leute müssen «die Projekte vor Ort, beispielsweise in Indien, entwickelt haben, um diese nachfolgend in der Schweiz zu implementieren».

«Das ist besorgniserregend»

Der Verband der kaufmännischen Angestellten, KV Schweiz, zeigt sich überrascht von diesen Varianten. «Der Trend zum Outsourcing von Schweizer Arbeitsplätzen ins Ausland macht uns Sorgen. Dass Arbeiten selbst im Inland ersetzt werden, ist besorgniserregend», sagt Manuel Keller, Leiter Beratung. «Wir werden den Vorgang als Sozialpartner im Dialog mit den Banken aufgreifen.»

Laut BFM sind Indern von 2010 bis 2013 jährlich rund 1700 Bewilligungen erteilt worden (B-Ausweis). Diese gelten bis zu drei Jahren. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Kurzaufenthaltsbewilligungen (L-Ausweis). Die Zahl der Inder, die dank des EU-Entsendewesens hier arbeiten, wird nicht erhoben. Der CS-Mitarbeiter sagte, viele Berufskollegen hätten «Angst, dass solche Vorgänge zu fremdenfeindlichen Auswüchsen führen». Auf dem Spiel stünden gut ausgebildete Schweizer Arbeitskräfte und deren berufliche Chancen.

Andreas Valda, Bruno Schletti

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Was Drittanbieter Indern zahlen

Wenn Inder innerhalb eines Konzerns in einem IT-Projekt befristet in die Schweiz kommen, kann der Arbeitgeber auf den Nachweis, dass der Inländervorrang ­respektiert wurde, verzichten. So steht es in der Verordnung zum Arbeitsgesetz. Das zustände Arbeitsamt muss aber prüfen, ob die Person qualifiziert ist, ob sie über «spezifisches Know-how» verfügt, das «betriebsnotwendig» ist und die «orts-, berufs- und branchenüblichen Lohn- und Arbeitsbedingungen eingehalten werden». Der Arbeitgeber trägt auch «die Kosten für Reise, Verpflegung und Unterkunft», sagte Sibylle Siegwart vom Bundesamt für Migration.

«Nicht relevant ist, wie hoch dieser Lohn in der EU oder einem Drittstaat ausfallen würde», sagt Irene Tschopp vom Zürcher Amt für Arbeit und Wirtschaft (AWA). Es gibt Anhaltspunkte für branchenübliche Löhne. Das Amt verwendet ihr sogenanntes Lohnbuch. Darin sind auf zwanzig Seiten sechzig ­Berufsbilder verzeichnet mit je rund 6 bis 7 Lohnklassen nach Alter. Zwei Beispiele: Ein 29-jähriger Systementwickler sollte minimal 6346 Franken pro Monat verdienen, ein sogenannter Netzwerkarchitekt gleichen Alters 5010 Franken.

Ein auf Drittstaaten-Bewilligungen spezialisierter Anwalt sagte, dass zur Bestimmung des minimalen Salärs der Lohnrechner des Bundesamts für Statistik herangezogen werde. Als ­Referenz gelte der höchste Wert des tiefsten Viertels der Lohnskala, abhängig von Ort, Ausbildung, Alter und Erfahrung. Er sagte auch, das AWA habe kürzlich ein ­Gesuch abgelehnt, weil das Salär zu tief war. «Allein der Lohn von rund 5000 Franken weist nicht auf eine Spezialisierung hin», schrieb das Amt. Eine gut ­informierte CS-Quelle sagte, «der interne Tagesansatz für einen Inder, der hier vor Ort arbeitet, ist fast gleich hoch wie derjenige eines Schweizers». Die «ganze Aktion» sei auf «kurzfristige Gewinnsteigerung ausgerichtet», die bonusrelevant sei.
Andreas Valda

48'000 Fachleute fehlen bis 2020

In der Schweiz arbeiten knapp 177'000 Personen – 4 Prozent der Erwerbstätigen – in der Informations- und Kommunikationsbranche, die Mehrheit davon in der Softwareentwicklung. Die Dachorganisation ICT Switzerland sagt, dass bis 2020 über 72'000 neue Fachleute gebraucht würden. Dieser Bedarf könne nur zu einem Drittel mit Absolventen des Schweizer Bildungssystems gedeckt werden. Die Rekrutierung von Ausländern bewirkt laut dem Verband weder Lohndruck noch Arbeitslosigkeit. Mit 3 Prozent liege die Erwerbslosenquote unter dem Schweizer Mittel von 4 Prozent. Im Kanton Zürich waren Ende Februar 917 arbeitslose Informatiker erfasst. (bsi)

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