Das Smartphone, das teure Ersatzportemonnaie

IT-Anbieter, Kartenherausgeber und Telecomfirmen kriegen das Bargeld einfach nicht tot. Auch, weil es noch keine wirklich günstige und praktische Lösung fürs Bezahlen übers Smartphone gibt.

Tapit, die App, die aus dem Smartphone ein Portemonnaie macht, wurde am 1. Juli vorgestellt. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Wenn Gleitschirmpilot Hansjörg Walliser sicher gelandet ist, zückt er neuerdings ein kleines Gerät. Es hat einen Ziffernblock, ein Smartphone-Verbindungskabel und einen Kreditkartenschlitz. Besonders die asiatischen Tandemtouristen schätzen es, «weil sie Bargeld nicht mögen», so Walliser. Die Fluggebühr zieht er jetzt oft elektronisch ein, gleich auf einer der Wiesen nahe Grindelwald.

Sumup, so heisst das von der UBS in der Schweiz vertriebene Gerät, ist eines von mehreren mobilen Bezahlsystemen, die jüngst auf den Markt gekommen sind. Ein anderes ist die von Swisscom lancierte App Tapit: ein Digitalportemonnaie mit Kreditkarten, Kundenkarten, Eintrittstickets und elektronischen Bonuspunkten.

Eine solche Brieftasche möchte 2015 auch die SIX Group präsentieren. Von der eBay-Tochter Paypal sowie von Apple werden sogenannte Beacons propagiert: Systeme elektronischer «Signalfeuer», die Handys über 30 Meter und mehr ansteuern können. So können Shops ihre Kunden etwa beim Ladeneintritt mit einer Spezialaktion begrüssen oder sie mit Produktinformationen versorgen – passend zum Ladenbereich, in dem das Handy gerade geortet wird. Die entsprechende App übernimmt bei den Beacons auch das Bezahlen.

Die neuen Lösungen versprechen Kundenloyalität und Mehrumsatz. Imbissbuden könnten etwa Smartphone-­Apps programmieren, mit denen der Lunch erst elektronisch vorbestellt und sodann beim Abholen mit einem Knopfdruck bezahlt werde, heisst es.

Der Benutzer zahlt mit

Das klingt interessant, nicht zuletzt für die Unternehmen, welche die Infrastruktur bereitstellen. Bei Tapit sind dies nebst den Telecom- (Swisscom, Sunrise, Orange) die Kreditkartenfirmen (Mastercard, Visa), die Banken als Kartenherausgeber sowie die Terminalausrüster (SIX, Aduno, B+S und weitere).

Dieses Konglomerat kassiert bereits heute bei Kreditkartenzahlungen Transaktionsgebühren von total rund 2 bis 3 Prozent. Im Zuge der Smartphone-Revolution haben auch die Telecomfirmen ihren Fuss in die Tür gesetzt; sie erhalten von den Kartenherausgebern eine Jahrespauschale pro SIM-Karte. Wenn die Swisscom von «keinen zusätzlichen Gebühren» durch Tapit spricht, dann stimmt dies nur vordergründig. Hinter den Kulissen finanziert der Händler – und somit indirekt der Konsument – die mobilen Zahlungssysteme.

«Bargeld ist mir immer noch am liebsten», sagt deshalb Hansjörg Walliser. Auch Sumup berechnet bei Kreditkartenzahlungen 2,5 Prozent Kommission. Vorteilhaft für ihn sind die Anschaffungskosten des neuen Systems. Sumup gibt es für 100 Franken, während übliche Kartenterminals zwischen 1700 und 3000 Franken kosten.

Geht die Rechnung der Branche auf? «Ein neues System wird sich nur dann durchsetzen, wenn es Betreibern, Händlern und Kunden einen Mehrnutzen bietet», sagt Tom Sprenger, Technologiechef bei der Softwarefirma Adnovum, und fügt hinzu: «Aktuell existieren aus Kundensicht eigentlich keine Probleme beim Bezahlen – und somit auch keine zusätzlichen Bedürfnisse.»

Sprengers Aussage macht klar, warum die Entwicklung beim mobilen Bezahlen bislang harzig verlaufen ist. Schuld daran, dass es noch keine schweizweite Lösung gibt, sind nicht nur technische Konflikte (NFC versus Bluetooth, siehe Box). Das Problem ist die Interessenlage der Akteure.

Beispiel Maestro-Karte: Das vom Unternehmen Mastercard betriebene und mit einer Pauschale von 15 bis 30 Rappen günstige System kann bislang weder bei Onlinezahlungen eingesetzt werden, noch dürfte es auf absehbare Zeit übers Smartphone ansteuerbar sein. Mastercard begründet dies mit der Technik sowie mit den mangelnden «kommerziellen Voraussetzungen»: Der Handel könne in der Schweiz nicht an den Kosten zugunsten des Kartenherausgebers (sprich, den Banken) beteiligt werden.

Bargeld als Benchmark

Wer finanziert die mobile Bezahlrevolution? Bei der Raiffeisen beschäftigt sich Markus Beck mit der Entwicklung. Ihm liegen Studien vor, die besagen, dass Faktoren wie die Sicherheit, die Einfachheit und die Schnelligkeit letztlich entscheidend seien. Erstaunlicherweise aber nicht die Kosten. Bei transparenten Gebühren seien Kunden durchaus bereit, 6.10 statt 5.90 Franken für ein Sandwich zu bezahlen, wenn es per Smartphone praktischer gehe, meint Beck. Aber ob dies tatsächlich stimmt? Einen kritischen Blick aufs mobile Bezahlen hat Rolf Hartl, Geschäftsführer beim Verband Elektronischer Zahlungsverkehr. «Bis sich das Smartphone als Zahlungsmittel eingebürgert hat, wird es noch eine Weile dauern», sagt er. «Der Benchmark ist immer das Bargeld.»

Und dieses besitzt in den Augen vieler Händler als quasi-öffentliches Gut einigen Wert. Ein Gegentrend zum elektronischen Zahlen ist erkennbar: Etwa beim Delikatessenladen Pastiamo in Stäfa, wo nur Bargeld akzeptiert wird, wie Geschäftsführer Boris Bühler erklärt. «Zu Beginn hatte dies mit den Kosten zu tun, inzwischen ist es zur Philosophie geworden.»

Auch die japanische Nudelbar Ikoo in Zürich nimmt keine Karten, wie Inhaber Andreas Penkov sagt. «Wir möchten unabhängig von elektronischen Systemen bleiben.» Smartphones als Zahlungsmittel wären für ihn noch merkwürdiger als Plastikgeld, so der Gastronom. Für den Buchhändler Patrick Lang in Winterthur sind die täglichen zwei Minuten, um Bargeld zur Bank zu bringen, «kein Thema».

Beat Otzenberger vom Zürcher Restaurant Wurst & Moritz wäre dagegen offen für handybasierte Lösungen, «sofern sie sicher, günstig und praktisch sind».

Ob sich die Branche zusammenraufen kann, dürfte sich bald zeigen. Unter Playern wie Aduno und der SIX Group laufen bereits Gespräche, um einen gemeinsamen eWallet-Standard zu erarbei­ten. Dieser sei nötig, «sonst entwickelt sich ein sinnloser Kampf, bei dem viele Akteure gleichzeitig viel Geld investieren», so SIX-Sprecher Jürg Schneider. Ein Standard würde laut Schneider letztlich auch zu tieferen Gebühren führen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.07.2014, 22:51 Uhr)

Zahlen mit dem Handy

Die verschiedenen Systeme

Bereits im letzten Herbst hat eine Reihe von Detailhändlern, darunter Manor, ein System zum Bezahlen mit dem Smartphone herausgebracht. Es funktioniert mit einer eigenen App, die auf gescannten Pixelcodes basiert (sogenannten QR-Codes).Die jüngst lancierte Tapit-App der Swisscom arbeitet mit der NFC-Technologie, einem Funkstandard zum Datenaustausch über wenige Zentimeter. Auch manche Kredit­karten von Mastercard oder Visa sind bereits mit NFC-Chips ausgerüstet. Bei den Handyherstellern haben Samsung, HTC und Sony bereits Modelle mit NFC ausgerüstet. Ob Apple bei der nächsten iPhone-Generation nachzieht, ist ungewiss.Günstiger als die NFC-Terminals sind die sogenannten Beacons, die von Apple und Paypal propagiert werden. Dabei senden kleine Boxen einfache Signale, basierend auf dem Bluetooth Low Energy Standard, aus. Die eigentliche Kommunikation zwischen Shop und Handy findet über das Mobilnetz und eine separate App statt.

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