Der Betrugstrick mit dem fremden Briefkasten

Eine Betrügerin kapert Briefkästen, um beim Onlinehändler Zalando zu bestellen, ohne zu bezahlen.

Steht hinter jedem Päckli eine reale Person? Bild aus dem neuen Zalando-Logistikzentrum in Erfurt. Foto: Candy Welz (DDP)

Steht hinter jedem Päckli eine reale Person? Bild aus dem neuen Zalando-Logistikzentrum in Erfurt. Foto: Candy Welz (DDP)

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Die Stiefel von Diesel kosten bei Zalando 220 Franken, die Daunenjacke von Hilfiger gibt es für 270 Franken. Viel Geld. Doch A. M.* kennt einen Weg, um gratis an die Artikel zu kommen: Sie spaziert durch Zürich und sucht Briefkästen ohne Namensschilder, vorwiegend bei grossen Wohnblöcken. Findet sie einen, zum Beispiel an der Zurlindenstrasse, prüft sie, ob jemand dort wohnt. Ist die Wohnung leer, setzt sie im Briefkasten ein Schild mit einem erfundenen Namen ein – zum Beispiel Sebastian Suter. Dann geht sie nach Hause, setzt sich an den Computer und erstellt bei Zalando ein neues Profil unter dem Namen Suter, bestellt die Stiefel von Diesel, die Daunenjacke von Hilfiger – und wartet.

Zwei bis vier Werktage dauert es, bis der Pöstler mit dem Paket vor dem Briefkasten an der Zurlindenstrasse steht und klingelt. Niemand zu Hause, denkt er sich, legt eine Abholbestätigung in den Briefkasten und nimmt das Paket wieder mit. A. M. fischt die Abholbestätigung aus dem Briefkasten, geht zur Post und nimmt das Paket entgegen. Einfach so. Ohne einen Ausweis zu zeigen, ohne etwas zu bezahlen – sie hat schliesslich auf Rechnung bestellt.

Was A. M. macht, ist Betrug. Und wohl ein Einzelfall, sagt Mediensprecher Matthias Ernst. Wie jeder andere (Online-)Händler müsse sich Zalando mit «den unterschiedlichsten Formen des Betrugs auseinandersetzen». Wie viele solche Einzelfälle es gibt oder wie oft Rechnungen nicht bezahlt werden, sagt Ernst nicht. Auch Geschäftszahlen kommuniziert das Unternehmen keine. Die auf E-Commerce spezialisierte Schweizer Beratungsfirma Carpathia schätzt den Schweizer Jahresumsatz aber auf 250 Millionen Franken. 3 Millionen Pakete werden ausgeliefert, 70 Prozent senden die Kunden wieder zurück – nicht immer mit dem ganzen Inhalt.

Was A. M. macht, scheint für Zalando neu zu sein. «Wir wissen von Fällen, bei denen Betrüger unter anderem Ausweise fälschen, stehlen oder kopieren und sich damit Zugriff auf Bestellungen verschaffen», so Ernst. Dass Postfilialen die Lieferung auch ohne Ausweis aushändigen, war ihm offenbar nicht klar.

Verschlüsselte IP-Adresse

Fakt ist: Wird das Paket nicht eingeschrieben versendet – für einen Aufpreis von 2 Franken –, legt der Pöstler es ins Milchfach. Ist es zu gross, nimmt er es wieder mit, und der Kunde kann es am Schalter abholen – ohne Identifikation, wie die Post auf Anfrage bestätigt. Genau das nützt A. M. aus. Denn Zalando verschickt derzeit keine eingeschriebenen Päckli. «Was aber nicht heisst, dass das auch in Zukunft so bleibt», sagt Ernst. Um sich vor Betrügern zu schützen, führt Zalando bereits heute Bonitätsprüfungen durch, arbeitet mit Ermittlungsbehörden zusammen und veranstaltet Schulungen gegen Cyberkriminalität.

A. M. ist ihnen bislang aber nicht ins Netz gegangen – obwohl sie regelmässig bei Zalando bestellt. Sie arbeitet mit einem Programm, das die IP-Nummer ihres Computers verschlüsselt und damit ihre persönlichen Daten kaum verfolgbar macht.

Zalando steht mit dem Problem nicht alleine da. Betrug ist auch bei Schweizer Onlinehändlern ein Thema, im Gegensatz zu Zalando beziffern sie die Betrugsrate sogar: Sie liegt bei unter einem Prozent. Damit das so bleibt, betreibt die Migros-Onlineplattform Le Shop bei elektronischen Geräten oder Zigaretten ein Sicherheitssystem, das laut ihrem Chef Dominique Locher «gut greift». Wie sein System funktioniert, will Locher nicht sagen. «Wir wollen schliesslich keine Anleitung zum Stehlen geben.» Bei Kartoffeln oder Gurken hingegen sei der Anreiz zu betrügen eher gering.

Zahlen auf Rechnung ist beliebt

Ähnlich tönt es bei Ex Libris: «Unsere Produkte liegen in einer tiefen Preislage und lohnen sich daher für Betrügereien weniger», sagt Sprecherin Marie-Christine Schindler. Zur Sicherheit können Bestellungen, die 300 Franken überschreiten, zudem nicht per Rechnung bezahlt werden. Auch Unterhaltungselektronikhändler Brack.ch kennt solche Limiten, will deren Höhe aber aus Sicherheitsgründen nicht kommunizieren, sie würden sich ebenfalls im dreistelligen Bereich befinden. Und: Ab einem gewissen Betrag würden die Pakete nur noch eingeschrieben verschickt, sagt Finanzchef Martin Lorenz.

Das Einfallstor ist bei Betrug immer dasselbe: das Bezahlen auf Rechnung. Trotzdem kommt es laut E-Commerce-Experte Thomas Lang von Carpathia für Onlinehändler nicht infrage, darauf zu verzichten. Schliesslich bezahlen über 87 Prozent der Kunden ihre Bestellungen per Rechnung. Kreditkarten machen nur 7 Prozent aus, die Vorauskasse 4 Prozent. Das ergab eine Erhebung des Marktforschungsinstituts GFK von 2012. Die Betrugsrate ist laut Lang nicht höher als bei einem Geschäft an der Bahnhofstrasse, wo gestohlen wird. Kommt hinzu: «Die Onlinekäufe sind viel einfacher rückverfolgbar.» Für die Betrügereien sind laut Lang nicht immer Einzeltäter verantwortlich, es könne sich auch mal um Gruppen handeln.

A. M. bestellt die Waren einzig für sich, verweist aber auf andere, die das Gleiche tun – die Sicherheitslücke habe sich eben herumgesprochen.

* Name der Redaktion bekannt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.05.2014, 23:14 Uhr)

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Wer heute bei einem Versandhändler bestellt, wird bereits während des Bestellvorgangs automatisch auf seine Bonität geprüft. Die Händler machen die Prüfung gewöhnlich nicht selbst, sondern geben diese an Wirtschaftsauskunfteien weiter. Crif, der grösste Schweizer Auskunftgeber, gleicht den Namen mit seiner Datenbank ab und prüft, ob der Kunde bereits darin enthalten ist. Das Resultat meldet er dem Versandhändler. Dieser entscheidet, ob er dem Kunden die riskante, weil betrugsanfällige Zahlungsart auf Rechnung überhaupt anbieten will. Ist der Kunde in der Datenbank bereits enthalten, berechnet Crif in einem nächsten Schritt dessen Bonität, indem allfällige Mahnungen, Betreibungen, Verlustscheine analysiert und mittels statistischer Verfahren gewichtet werden. Wiederum kann der Onlinehändler entscheiden, wem er Bezahlung auf Rechnung verbietet. Das Gesetz sieht vor, dass jeder Bürger sein Rating bei der Bonitätsfirma kostenlos abfragen kann. (czu)

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