Ein denkwürdiger Tag in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte

Schock, Freude, Ungewissheit? Der Syngenta-Deal und seine Folgen für die Schweiz.

Haben einander gefunden: Die Chefs ChemChina, Ren Jianxin, und Syngenta, Michel Demare. (3. Februar 2016)

Haben einander gefunden: Die Chefs ChemChina, Ren Jianxin, und Syngenta, Michel Demare. (3. Februar 2016) Bild: AFP

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Um 7 Uhr wurde offiziell, was die Börse schon am Tag vorher wusste. Gerüchte um eine chinesische Übernahme des Agrochemie-Riesen Syngenta liessen am Dienstagabend den Aktienkurs um 3,7 Prozent springen. Am Mittwochmorgen kam die Bestätigung: Die Chinesen kommen nach Basel.

Die «China National Chemical Corporation» ist ein staatlicher Konzern, dessen Produktpalette sich nur zu 5 Prozent mit jener von Syngenta deckt. Unter anderem deshalb vertrauen die Verwaltungsräte des Marktführers für Pflanzenschutzmittel darauf, dass ihr neuer «Chef in spe», Ren Jianxin, den Konzern nicht bedeutend umstrukturieren wird. Sie empfehlen den Aktionären einstimmig, das Angebot von 43,7 Milliarden Franken anzunehmen.

Nachhaltig oder «Wunsch aus dem Glückskeks»

Auch Chemchina meldete sich am Mittwochmorgen schon zu Wort und bestätigte ihrerseits den Deal. Wohlweislich, dass dieser auch Skepsis weckt, federte Chemchina-Chef Jianxin gleich erste Bedenken ab. Vier von zehn Verwaltungsräten werden aus der jetzigen Syngenta-Besetzung stammen, verspricht er. Auch gehe es für ihn in Zukunft nicht um Preise, sondern um Werte und nachhaltige Entwicklung. Er sei für «höchste Umweltstandards». Klingt fast zu schön, um wahr zu sein, meinten Skeptiker im Laufe des Tages.

So auch der Verband Angestellte Schweiz: «Wir erwarten, dass der Deal nicht bloss aus ökonomischen Zielen erfolgt ist», sagt Stefan Studer, Geschäftsführer des Dachverbands, der unter anderem Angestellte von Chemie- und Pharmafirmen vertritt. Er hoffe, dass der Deal auch die Fertigkeiten und das Know-how der schweizerischen Fachkräfte berücksichtige: «Wir erwarten, dass dies in Zukunft auch so bleibt und sich nicht als weiser Wunsch aus einem Glückskeks entpuppt.»

Lieber Chinesen als Monsanto

Heute schien sich das sonst schon graue Geigy-Gebäude an die noch graueren Regenwolken anpassen zu wollen. Das Hochhaus - in der Syngenta-Sprache «Campus» genannt - war schon wenige Stunden nach der Bestätigung des Deals mit Fleissigen bevölkert. Die meisten von ihnen haben erst dort erfahren, dass sie bald für eine chinesische Firma arbeiten werden.

Nach den vielen Spekulationen im letzten Jahr haben die meisten Mitarbeiter mit einer Übernahme oder Fusion gerechnet: «Der Prozess war irgendwann wohl unvermeidbar», sagt Suparna Germann. Viele sind sogar erleichtert über den Deal mit den Chinesen, denn in einem sind sich die Mitarbeiter einig: Viel lieber Chemchina als Monsanto. «Monsanto hat einen schlechten Ruf», sagt Carlos Bonilla.

Einen grossen Stellenabbau befürchten die Mitarbeiter am Firmensitz in Basel aber nicht: «Weil die Firma in China stationiert ist, wird sie bei uns nicht stark umstrukturieren», sagt Bonilla. Dies sei früher schon geschehen, sagt Germann: «Bei Auslagerungen wurden teils schon Stellen abgebaut.» Bonilla sagt, er sei immer stolz gewesen, für eine Schweizer Firma zu arbeiten. Wird er immer noch stolz sein, wenn er für ein chinesisches Unternehmen arbeitet? «Gute Frage. Das weiss ich noch nicht.»

Syngenta-Übernahme: Die Mitarbeiter haben Schlimmeres befürchtet. (Video: Fiona Endres und Lea Koch)

«Kein grosser Stellenabbau»

In der modern designten Mensa von Syngenta waren die Unsicherheiten und Details rund um den Übernahmedeal wohl das dominierende Thema beim Mittagessen. Zur gleichen Zeit stellte sich der einzige Schweizer der Geschäftsleitung, Christoph Mäder, den Medien und wählte bewusst beruhigende Worte: «Es wird keine grossen Abbaumassnahmen geben.» Chemchina habe eine langfristige Perspektive und habe schon früher unter Beweis gestellt, dass gekaufte Firmen selbstständig behalten werden.

«Kein grosser Abbau»: Christoph Mäder, Mitglied der Syngenta-Geschäftsleitung, erklärt, was der Verkauf von Syngenta für den Standort Schweiz bedeutet. (Video: Fiona Endres und Lea Koch)

Trotz der guten Worte, ganz überzeugt sind noch nicht alle. Der Basler Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin (SP) meldete sich kurz nach Mittag zu Wort. Er sorgt sich vor allem um die Arbeitsplätze. So forderte er für seine Region: «Der Hauptsitz muss in Basel bleiben.» Und er weiss, er wird sich an die Chinesen in seiner Stadt gewöhnen müssen: «Diese Übernahme wird nicht der letzte Fall bleiben.» Doch Brutschin war heute auch froh. Die Erleichterung, dass es nicht Monsanto geworden ist, findet man zwischen den Zeilen: Es gebe Hoffnung, dass Chemchina einen «langfristigen Horizont» habe. Brutschin und seine Direktionskollegen haben zudem gute Erfahrungen mit China gemacht: Shanghai ist Basels Partnerstadt.

Für Schneider-Ammann ist es «ein guter Deal»

Eigentlich wollte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann heute über Pflegeberufe sprechen. Und überhaupt, er werde grundsätzlich den Syngenta-Deal nicht kommentieren. Doch dann liess sich Schneider-Ammann in der Bundesrats-Medienkonferenz doch hinreissen, Stellung zu Syngenta zu nehmen: «Das ist eine Mega-Übernahme», so der Wirtschaftsminister. Es sei ein guter Deal und auch nicht gerade billig. Das sage er darum, weil er zum Ausdruck bringe, dass «da investiert wird, was Zukunft hat». Sowohl die Übernahmefirma wie auch der übernommene Konzern seien «grundsolide» Unternehmen. Schneider-Ammann äusserte sich auch zu den Arbeitsplätzen in Basel. Das Syngenta-Management habe ihm bestätigt, dass Syngenta grundsätzlich weiterbetrieben werde. Die Arbeitsplätze blieben erhalten.

Genau das habe der Bundesrat schon einmal gesagt, bemängelt Manuel Wyss von der Unia: «In solchen Momenten gibt es immer Versprechen.» Damit spricht Wyss den vor zwei Wochen angekündeten massiven Stellenabbau bei der Badener Firma Alstom an. 1300 Stellen werden in der Schweiz gestrichen, ebenfalls als Folge der Übernahme durch den US-Konzern General Electric. Wyss hat deshalb klare Forderungen an Schneider-Ammann: «Der Bundesrat soll sich nicht durch Versprechungen abspeisen lassen.» Die Politik soll aus dem Fall Alstom die richtigen Lehren ziehen. Von Chemchina fordert Wyss «echte Garantien», dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Die Unia habe zusammen mit der Personalvertretung die neue Syngenta-Leitung angeschrieben, um mehr über die langfristige Strategie für die Schweiz zu erfahren.

«Wir brauchen eine Garantie»: Was die Unia von Syngenta und Chemchina fordert. (Video: Fiona Endres und Lea Koch)

Chinesen schauen zu und lernen

Je länger dieser Tag dauerte - einer der denkwürdigsten in der Geschichte der Schweizer Industrie -, desto mehr rückte die Nachricht in die Ferne und desto dominanter wurden Analysen. Was bedeutet diese historisch-grosse Übernahme für die Schweiz? Was heisst es, dass einer der grössten Konzerne in der Schweiz bald in chinesischer Hand ist?

Joachim Rudolf, der Unternehmen zu China berät: «Die chinesischen Investoren setzen tendenziell keine Restrukturierungen durch.» Sie würden die Unternehmen arbeiten lassen, zuschauen und lernen: «Sie legen Wert auf die Stabilität der Unternehmen.»

Man müsse keine Angst haben, dass jetzt chinesische Planwirtschaft in die Schweiz komme, sagt auch der Wirtschaftschef des «Tages-Anzeigers», Markus Diem Meier: «Die chinesischen Unternehmen auf den internationalen Märkten müssen sich nach deren Gepflogenheiten richten.» So seien sie auch marktwirtschaftlich unterwegs. Doch habe der chinesische Staat sicher einen grossen Einfluss auf den Staatskonzern Chemchina. Natürlich sei ein Grund für die Übernahme, dass die Chinesen Schweizer Know-How abkaufen wollen, sagt Markus Diem Meier: «Doch das ist auch zum Vorteil der Schweiz.»

«China will mit Syngenta Know-how einkaufen»:«Tages-Anzeiger»-Wirtschaftschef Markus Diem Meier sagt, was die geplante Übernahme von Syngenta durch einen chinesischen Staatskonzern für die Schweiz bedeutet. (Video: Jan Derrer) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.02.2016, 19:30 Uhr)

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