Die Einsamkeit der Aufmüpfigen

Esther Wyler wurde als Whistleblowerin schweizweit bekannt. Was kaum jemand weiss: Die Juristin sucht seit fünf Jahren eine feste Stelle – nun ist sie ausgesteuert und mit ihren Kräften am Ende.

Esther Wyler müsste Sozialhilfe beantragen, doch sie sagt: «Nur über meine Leiche.»<br />Foto: Béatrice Devènes

Esther Wyler müsste Sozialhilfe beantragen, doch sie sagt: «Nur über meine Leiche.»
Foto: Béatrice Devènes

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«Ich schreibe Ihnen, weil ich mich in einer Situation befinde, die ich 1. niemandem wünsche und die ich 2. manchmal fast nicht mehr ertragen kann, in einer Situation, die mir oft den Gedanken nahelegt, mich selbst zu entsorgen.»


So beginnt ein Brief, den die Whistleblowerin Esther Wyler kürzlich geschrieben und an mehrere Medien verschickt hat – mit der Bitte, man möge ihn veröffentlichen oder einem Reporterteam weiterleiten, das «ungeschminkt über den gesellschaftlichen Umgang mit Whistleblowern» berichten soll. Die Zeilen klingen kämpferisch und gleichzeitig verzweifelt. Es ist die Rede von Ausgrenzung und Isolation, von Doppelmoral und Scheinwelt. Der Grund für die Aktion: Esther Wyler ist seit November ausgesteuert. Sie lebt von ihren Ersparnissen und müsste Sozialhilfe beantragen. Sie sagt: «Nur über meine Leiche.»

Wir treffen uns an einem Novembermorgen bei ihr zu Hause, in einer hellen Neubauwohnung in der Nähe von Bern. In dieser Gegend ist sie aufgewachsen, hierher ist sie nach der «Zürcher Geschichte» zurückgekehrt. Diese Geschichte, das war 2007. Esther Wyler arbeitete damals als Controllerin im Sozialdepartement der Stadt Zürich und wurde schweizweit bekannt, als sie zusammen mit ihrer Arbeitskollegin Margrit Zopfi die «Weltwoche» mit Unterlagen zu schweren Sozialhilfebetrugsfällen versorgte. Die beiden wurden verhaftet, entlassen und schliesslich wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt. Je nach politischer Gesinnung hielt man sie für Verräterinnen oder Heldinnen. Tatsache ist, dass der Gang an die Öffentlichkeit eine politische Debatte ausgelöst und zu einem neuen System zur Betrugsbekämpfung geführt hat. Eine Art Rehabilitierung erlebten die beiden Frauen 2010, als sie vom «Beobachter» den Prix Courage bekamen.


«Die Zürcher Geschichte ist Schnee von gestern. Für die Medien, die Gesellschaft, fürs Publikum.»


Eigentlich wäre die Geschichte für Wyler schon lange abgeschlossen. Doch in einem Punkt wird sie immer wieder von ihr eingeholt: Die studierte Juristin findet keine Stelle. Seit 2007 hatte sie lediglich ein Jahr lang eine befristete Anstellung im Sozialdienst der Gemeinde Ostermundigen BE. Doch dort fühlte sie sich ungerecht behandelt, weil sie die Einzige war, die man nicht fest angestellt hat. Wyler lieferte sich E-Mail-Gefechte mit den Vorgesetzten. Es heisst, sie habe sich dabei im Ton vergriffen. Der Vertrag wurde nicht verlängert, und sie kündigte vorzeitig. Seither sucht sie Arbeit.

Erst versuchte es Wyler bei Positionen, die ihren Qualifikationen entsprochen hätten, wie sie sagt. Bei Krankenkassen, Versicherungen, im Sozialbereich. Dann meldete sie sich auch auf Sekretariatsjobs und schliesslich für alle möglichen Tätigkeiten. Im September 2013 bewarb sie sich bei der Interdiscount-Filiale in Jegenstorf BE als «Sachbearbeiterin Repair Services». Sie schildert im Bewerbungsschreiben offen ihre Vergangenheit und schliesst mit den Worten: «In einem Monat bin ich ausgesteuert, nach Aberhunderten Bewerbungen, die ich geschrieben habe (...) Bitte geben Sie mir eine Chance, und nehmen Sie mit mir Kontakt auf!» Es gab eine Standardabsage wegen Überqualifikation.

Esther Wyler ist mittlerweile 54 Jahre alt. Sie lebt alleine und zurückgezogen, zusammen mit zwei Hunden und vier Meerschweinchen. Sie sei schon immer eine soziale Einzelgängerin gewesen, sagt sie, jemand, der es besser mit Tieren als mit Menschen kann. Trotzdem: Von ehemaligen Arbeitskollegen wird sie als hilfsbereit und fröhlich beschrieben. Eine Teamplayerin, die schnell Anschluss findet. Heute aber ist sie von der Arbeitslosigkeit gezeichnet. Abgemagert, Schatten unter den Augen. Die Tage verbringt sie mit Spazieren, Schlafen, vor dem Fernseher und im Internet. «Wenn ich meine Tiere nicht hätte, wäre es verheerend gewesen», sagt Wyler.


«Die letzten Jahre haben mich an die Grenzen meiner physischen und psychischen Kräfte gebracht.»


«Sie ist sehr einsam», sagt Margrit Zopfi, die mit Wyler noch immer befreundet ist. Sie selber hat von Christoph Blocher eine Stelle bei seiner Firma Robinvest angenommen. «Ich kann mich besser anpassen als Esther.»

Dass Whistleblower es schwer haben, eine neue Stelle zu erhalten, ist bekannt. «Die meisten finden nichts mehr danach», sagt Delphine Centlivres von Transparency International Schweiz. Darum rate ihre Organisation unbedingt dazu, als Whistleblower anonym zu bleiben. Wer sich oute, drohe daran zu zerbrechen. Das zeigt auch eine Studie der amerikanischen Soziologin Joyce Rothschild. Sie befragte 300 Whistleblower zum Leben danach. 86 Prozent gaben an, dass sie an einer Depression erkrankt seien. Hinter vorgehaltener Hand geben Arbeitgeber zu, dass sie Whistleblower auch deswegen nicht einstellen, weil diese unbequem sein könnten. Andres Büchi, der als Chefredaktor des «Beobachters» den Fall Wyler/Zopfi untersucht hat, sagt: «Leute, die derart überzeugt für eine Sache einstehen können, sind nicht immer die einfachsten, auch nicht zum Führen.» Doch genau solche Querdenker seien für ein Unternehmen wertvoll. «Eigentlich müsste man diese Leute bewusst anstellen.»


«Es ist immer das Gleiche: Alle wollen sie das Wissen. Aber den Träger des Wissens will niemand.»


Auch Esther Wyler ist offenbar nicht die Einfachste: «Sie ist eine super Fachfrau, aber keine Duckmäuserin», sagt Zopfi. Ein Mensch der Extreme, das sagen auch andere. Extrem kompromisslos. Extrem gerechtigkeitsliebend. Extrem sensibel. Extrem verletzlich. «Sie ist bereit, für das, was sie für gerecht hält, bis zum Tod zu kämpfen», sagt Margrit Zopfi.

Zurzeit kämpft Wyler dafür, nicht in Vergessenheit zu geraten. Es sei ihr zuwider, sich der Welt aufzudrängen, sagt sie. Trotzdem liefert sie sich mit Journalisten E-Mail-Gefechte, wenn diese in ihren Augen falsch über Whistleblower urteilen, und beklagt sich bei Organisationen über deren Doppelmoral. «Ich meine nicht, dass ich etwas Besonderes bin, aber jetzt muss ich mich für meine Existenz wehren.» Sie, die sich immer für Schwächere habe einsetzen wollen, müsse nun für ihre eigenen Bedürfnisse einstehen – bei diesen Worten kämpft sie mit den Tränen.

Der offene Brief sei für sie eine Art letztes Bewerbungsschreiben. «Die ganze Sache kam mit den Medien ins Rollen, darum versuche ich jetzt, sie über die Medien zu lösen.» Ihre Schwester habe sie vor dem Schritt gewarnt: «Ich zittere um dich, wenn dieser Medienrummel wieder losgeht – ich weiss nicht, wie oft du das noch aushältst», schrieb sie in einer E-Mail.


«Eigentlich wollte ich mich immer dafür einsetzen, dass Dissidenten, Andersdenkende und Whistleblower nicht weiterhin strafrechtlich abgeurteilt, beruflich vernichtet und tabuisiert werden. Aber dieses Leben hält man als sensibler Mensch nicht ewig aus.»


Würde Esther Wyler wieder auf einen Missstand aufmerksam machen, jetzt, nachdem sie die Konsequenzen kennt? «Auf jeden Fall. Mehr denn je sogar.» Das Einzige, was sie anders machen würde: nicht mehr mit der «Weltwoche» zusammenarbeiten. Heute schriebe sie einen offenen Brief an die verantwortlichen Politiker und würde sich an ein politisch neutrales Medium wenden. «Die SVP hat uns beiden applaudiert, solange sie politisch von der Sache profitiert hat», sagt Wyler. Als es jedoch darum ging, sich im Parlament für einen besseren Schutz von Whistleblowern einzusetzen, habe die Partei über das «offizialisierte Denunziantentum» geschimpft.

Die Hündin wird unruhig, sie möchte raus auf den Rübenacker. Es ist überraschend sonnig, aber das vertreibt die Hoffnungslosigkeit nicht. «Zum Staat» werde sie auf keinen Fall gehen, sagt Esther Wyler. Ihre Ersparnisse reichten noch zwei, drei Jahre. Und dann? «In den letzten beiden Jahren sind meine Eltern gestorben. Seither hat der Tod seinen Schrecken verloren.»

Aber viel lieber, als «sich selbst zu entsorgen», möchte sie in aller Ruhe arbeiten – wenn man sie denn liesse.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.12.2013, 10:12 Uhr)

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Whistleblower

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