Die NZZ kommt nicht zur Ruhe

Beim Traditionsblatt NZZ stehen Neuerungen an. Sorgenkind ist das klickschwache Onlineangebot. Und der Chefredaktor steht intern in der Kritik.

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Selbst für die engsten Mitarbeiter kam die Nachricht überraschend. Am Montagmittag informierte Digitalchef und Mitglied der Unternehmensleitung Peter Hogenkamp, dass er die NZZ-Mediengruppe im Dezember verlassen werde. Er, der vor drei Jahren als grosser Online-Hoffnungsträger zur NZZ stiess, wolle wieder vermehrt unternehmerisch tätig sein.

Doch Mitarbeiter und Branchenkenner fragen sich, was wirklich hinter der Ankündigung steckt. Es gab keine Hinweise, dass Hogenkamp sich unwohl fühlte. Im Gegenteil: Anfang Oktober ging er in der Fachpresse in die Offensive und verkündete, dass die NZZ so viele Digital-Abos verkaufe wie keine andere Schweizer Zeitung. Zudem verlautbarte er, dass seine Arbeit Spass mache. «Jetzt geht es erst richtig los», wurde er auf einem Branchenportal zitiert. Und wie aus NZZ-Kreisen zu hören ist, hat Hogenkamp erst kürzlich aus beruflichen Gründen eine Zweitwohnung in der Region Zürich gemietet, um weniger zwischen seinem Wohnort St. Gallen und Zürich zu pendeln.

Uneinigkeit in der Onlinestrategie

An der Falkenstrasse spricht man von einem Machtkampf an der NZZ-Spitze. Mehrere Quellen berichten, dass die Situation für Hogenkamp, der unter dem vormaligen CEO Albert Polo Stäheli im Digitalbereich eine Carte blanche genoss, unmöglich geworden war. Mit dem Dienstantritt Veit Denglers sei die Situation schwieriger geworden, die Rückendeckung weg. Der ehemalige Groupon-Manager sei keineswegs zufrieden mit der Entwicklung im Onlinesegment. Kommt hinzu, dass auch das Verhältnis zu Chefredaktor Markus Spillmann nicht das beste ist. Zwischen ihm und Hogenkamp habe es in den letzten Monaten nicht harmoniert. Man war sich über die Entwicklung der Nachrichtenseite weitgehend uneinig.

War der gebürtige Deutsche bei seinem Antritt 2010 noch publizistisch verantwortlich für «NZZ online» und verbuchte gute Leserzahlen, musste er 2011 die Leitung der Redaktion abgeben. Es kam bei der Zusammenführung der Online- und der Printredaktion zu einem Kompetenzstreit, bei dem Spillmann beim damaligen Verwaltungsratspräsidenten Konrad Hummler intervenierte, Printqualität auf allen Kanälen forderte und die alleinige Verantwortung verlangte. Seit Spillmann allerdings das publizistische Angebot im Netz leitet, kommt die NZZ in Sachen Zugriffszahlen nicht voran. An einer Mitarbeiterversammlung letzte Woche zeigte CEO Dengler eine rot eingefärbte Zahl: 0,6. Sie entspricht der Anzahl Artikel, die ein NZZ-Onlinenutzer pro Besuch anklickt.

Hogenkamps Weggang wird bedauert

Dengler will nun so schnell wie möglich handeln. «Wir sind mit den Besuchen und Page Impressions noch nicht zufrieden. Hier müssen wir die Stärken der NZZ – die Analyse, die Kommentare, die Weltsicht – in Zukunft noch besser online und mobil ausspielen», sagt Dengler. Es steht eine grosse Überarbeitung der Nachrichtenseite an. Die dritte innert eines Jahres. Ein Projekt, das Hogenkamp nicht mehr mittragen wollte, zumal der neue CEO in Sachen Digitalstrategie neu den Takt vorgibt. Inoffiziell reden Kader von einer Entlassung Hogenkamps. Auf Anfrage bestreitet er dies und schreibt, dass man sich «im besten Einvernehmen» getrennt habe.

Intern wird Hogenkamps Weggang bedauert. Man spricht davon, dass es den Falschen getroffen habe. Für die schlechte Entwicklung wird in erster Linie Spillmann verantwortlich gemacht, weil er sich im Kompetenzstreit, der zu Hogenkamps Entmachtung führte, durchgesetzt habe. Spillmann war es, der 2012 eine deutsche Agentur mit der Neugestaltung von NZZ.ch beauftragte, die wenig Erfahrung mit dem Internet aufweisen konnte. Spillmann wollte keine Stellung nehmen.

Newsroom und Produzententeam

Beim Traditionsblatt NZZ stehen nebst dem neuen Onlineauftritt auch andere Neuerungen an. Dengler präsentierte letzte Woche vor versammelter Belegschaft nicht nur eine überarbeitete Internetstrategie. Die NZZ-Spitze skizzierte auch andere Projekte: So wird sich die Redaktion bald in einem Newsroom neu organisieren, um Online und Print noch mehr zu verzahnen. Zusätzlich sollen eine konsequente Online-first-Strategie umgesetzt und das Onlineangebot massiv ausgebaut werden. Nicht ohne Folgen für die Zeitung: Angedacht ist eine Reduzierung des Umfanges. Zusätzlich überlegt sich die Chefredaktion, dass ein Produzententeam die Inhalte für die Zeitung aufbereitet, was gegenwärtig noch die einzelnen Ressorts und Autoren regeln. Auf Anfragen wollte die Medienstelle diese Interna nicht kommentieren und will die beschriebenen Neuerungen höchstens als Zukunftsmusik verstanden wissen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2013, 15:25 Uhr

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