Die spanischen Geisterstädte

Millionen von neuen Wohnungen stehen in Spanien leer. Der Regisseur Gereon Wetzel hat einen Dokumentarfilm über die Überbleibsel der Finanzkrise gemacht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wir werden 650'000 neue Wohnungen in Spanien bauen im nächsten Jahr – das sind mehr als in Frankreich und Deutschland zusammen», versprach der damalige spanische Premierminister José María Aznar am 27. November 2003.

Übrig vom spanischen Traum sind nur die Geisterstädte geblieben. Sie sind über das ganze Land verteilt. Wind zieht durch die halbfertigen Häuser. Ruinen. Sie dienen der Armee als Schiessplatz, obdachlosen Bauarbeitern als Schlafzimmer. Dazwischen grasen Schafherden.

Das Land steckt seit dem Platzen der Immobilienblase 2008 in einer tiefen Krise. Die Arbeitslosenquote in den südlichen Regionen liegt bei 33 Prozent. Jeder zweite junge Erwachsene hat keinen Job. Am Anfang der Krise stand der Mythos des Eigenheims. Der Immobiliensektor wurde zum Motor des Aufstiegs. Hatte die spanische Architektur international grosse Anerkennung bekommen, entwickelte sich ab den Neunzigerjahren eine Parallelwelt. Eine mit gigantischen Auswüchsen entlang der ganzen Küste, den autonomen Regionen und um die grossen Städte. Der deutsche Filmemacher Gereon Wetzel hat einen Dokumentarfilm über die Ruinen des Booms gemacht. Insgesamt 3,6 Millionen Wohneinheiten stehen im ganzen Land leer. Auf insgesamt acht Reisen erkundete er die betreffenden Regionen mit der Kamera. Gefunden hat er die verlassenen Städte mit Google Earth. «Man sieht von oben schnell, wo die Geisterstädte sind», sagt Wetzel. Über holprige Strassen seien er und sein Team dann dort hingekommen.

Das Land durchlebt einen riesigen Kater

Die Siedlungen seien einerseits für Ausländer geplant gewesen. Andererseits für die Spanier selbst als Ferienwohnungen an der Küste oder als Eigenheime in den Ballungsräumen. Die Retortenstadt Valdeluz etwa war für 30'000 Menschen gedacht. Heute hat sie rund 1000 Bewohner. «Man steht vor einem Scherbenhaufen», sagt Wetzel. Dies sei eindrucksvoll und traurig zugleich. Die Idee hinter dem Film «Casa para todos» sei gewesen, zu schauen, wie die Leute mit diesen Orten umgehen. In einer leer stehenden Siedlung in Valdebebas treffen sich täglich Skater, um auf den verlassenen Strassen zu üben. Auch viele Obdachlose wohnten in den halbfertigen Bauten. Ironischerweise seien dies oft ehemalige Bauarbeiter aus Bulgarien und Afrika, welche die Häuser teils gebaut hatten. Bis das Geld ausging und alles gestoppt wurde.

«Von der Stimmung her durchlebt Spanien einen wahnsinnigen Kater», sagt Wetzel. Vielen werde klar, dass die ganze Bauindustrie eine Monokultur war. Viele junge Leute hätten damals die Ausbildung hingeschmissen, um im Immobiliengeschäft Geld zu verdienen. So seien ganze Regionen in den Bauabenteuern abgestürzt. Heute wären diese Arbeitsplätze alle weg. «Es ist auch viel Wut spürbar über den unglaublichen Flächenverbrauch», sagt Wetzel. Die Frage sei nun, wer jetzt wieder aufräumt. Sicher nicht die Unternehmen, die damals gebaut hätten, denn diese seien meist bankrott. Wichtig sei Wetzel, dass sein Film keine Schuldigen suchen wolle. Er beschäftige sich mit den menschlichen Schwächen. Diese seien universell. Denn zu jedem Verführten gehöre auch ein Verführer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.11.2013, 17:02 Uhr)

Artikel zum Thema

Pechsträhne für die Musterschüler

Irland und Spanien verzichten auf weitere Hilfe aus dem Rettungsfonds. Um die Krise definitiv abzuschütteln, brauchen sie aber eine pulsierende europäische Wirtschaft. Jüngste Daten dämpfen diese Hoffnung brutal. Mehr...

Irland und Spanien verzichten auf Sicherheitsnetz

Gute Nachrichten für die krisengeplagte Eurozone: Irland und Spanien werden ohne Vorsorgekredit aus dem internationalen Hilfsprogramm aussteigen. Mehr...

Spanien beschlagnahmt Immobilien von Königs-Schwiegersohn

Seit Monaten steht Iñaki Urdangarin, der Schwiegersohn von Spaniens König Juan Carlos, wegen eines Betrugsskandals in Bedrängnis. Nun liess die Justiz eine Villa und mehrere seiner Wohnungen beschlagnahmen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Neuwagenkonfigurator

car4you.ch: Alle Marken – Jetzt Ihr Wunschauto konfigurieren!

Die Welt in Bildern

Einen Liter Nagellack bitte: Ayanna Williams zeigt in London ihre 58 Zentimeter langen Fingernägel.
(Bild: Kirsty Wigglesworth) Mehr...