Wirtschaft
«Dieses Risiko können wir selber tragen»
Von Martin Vetterli. Aktualisiert am 16.10.2008
Credit-Suisse-Chef Brady Dougan: «Unsere Kapitalbasis lässt keine Zweifel über unsere Stärke zu.» (Bild: Doris Fanconi)
CS holt Milliarden im Nahen Osten
Vor zehn Monaten hätte Brady Dougan für eine derartige Aktion Prügel bezogen. Jetzt kann sich der CS-Chef feiern lassen – trotz einem weiteren 2,4- Milliarden-Abschreiber. Die Grossbank verschafft sich eine 10-Milliarden-Kapitalspritze über den Finanzmarkt. Das Ziel: Sie will sich unempfindlich machen gegen den eisigen Wind, der derzeit über die Finanzmärkte hinwegfegt. Die Kapitalerhöhung erfolge aus freien Stücken und sie werde es der Credit Suisse erlauben, ihren Private-Banking-Arm weiter zu stärken, sagte Dougan.
Auch wenn sich der CS-Chef gestern hütete, ein Wort über die UBS zu verlieren, so wiederholte er doch mehrmals: Wir sind nicht auf Staatshilfe angewiesen, und wir müssen den Steuerzahler nicht belasten. Seine Bank könne sich auch den Luxus leisten, die Risiken, die von den verbliebenen toxischen Schrottpapieren im Wert von 10 Milliarden Franken ausgehen, selber zu schultern. In die staatliche Obhut müsse sie sich nicht retten. Selbstverständlich im Gegensatz zur UBS.
Mit Hilfe der Geldspritze erhöht die CS ihre Kernkapitalquote von 10,4 auf 13,7 Prozent – ein internationaler Spitzenwert. Damit liege sie über den neuen Werten, welche die Bankenkommission den Grossbanken ab 2013 aufzwingen wird. Eine weitere Kapitalerhöhung erübrige sich.
Das frische Geld stammt von drei Grossinvestoren aus dem Nahen Osten. Der grösste Teil von der Qatar Investment Authority, einem 2005 gegründeten Staatsfonds, der schwergewichtig in die Finanz- und Konsumgüterindustrie investiert. Den Rest übernehmen das 1947 gegründete saudische Konglomerat Oleyant und die israelische Koor, die von Nochi Dankner kontrolliert wird.
Ungeschoren kam Dougan am gestrigen Tag nicht davon, an dem die CS-Aktie einen wilden Ritt hinlegte und am Abend nur leicht im Minus schloss. Der CS-Chef musste eingestehen, dass seine Bank das dritte Quartal mit einem Verlust von rund 1,3 Milliarden Franken abgeschlossen hat. Verantwortlich dafür war das Investment-Banking, dessen Vorsteuerverlust 3,2 Milliarden beträgt. Darin enthalten ist ein weiterer 2,4-Milliarden-Abschreiber.
Im Private Banking, inzwischen das unumstrittene Kerngeschäft der Grossbank, erzielte die CS trotz Rückstellungen bei den Auction Rate Securities einen Vorsteuergewinn von 800 Millionen Franken. Das Glanzlicht hier: 11 Milliarden Franken neue Kundengelder weltweit und 3 Milliarden frisches Geld im Schweizer Geschäft. (ve)
Die Credit Suisse war eine der wenigen Grossbanken, die in dieser Krise bisher kein Kapital aufnehmen musste. Jetzt tun Sie es trotzdem. Warum?
Mit diesem Schritt zeigen wir, dass wir die am besten kapitalisierte Grossbank der Welt bleiben. Und unsere Kapitalbasis lässt keine Zweifel über unsere Stärke zu. Das hilft uns in diesem sehr schwierigen Marktumfeld sehr und gibt Sicherheit. Wir sind überzeugt, dass man nicht nur jetzt, sondern auch in den nächsten Jahren bereit ist, eine grosse Prämie für Sicherheit zu zahlen. Das war der Beweggrund, dass wir unsere Kapitalbasis stärken. Zudem gibt uns das starke Kapitalpolster strategisches Flexibilität.
Eine Eigenkapitalquote von 13,7 Prozent ist sehr hoch. So hoch, dass Sie vor ein paar Monaten wohl die Nase gerümpft hätten?
Die Situation hat sich stets verschärft. Sehr gut kapitalisiert zu sein, ist im Moment wohl das Beste, was einer Grossbank passieren kann. Mit einer Eigenkapitalquote von 10,4 Prozent waren wir schon Ende September stark kapitalisiert. Deshalb können wir diese Kapitalerhöhung aus einer Position der Stärke vornehmen.
Sie geschah aus freien Stücken?
Sie ist völlig freiwillig, und wir haben schon vor einigen Wochen mit der Planung dafür begonnen.
Wie wichtig war es für Sie, dass das Kapital von privaten Grossinvestoren stammt?
Auch das vermittelt ein Gefühl der Sicherheit. Bedenken Sie: Wer in diesem turbulenten Marktumfeld 10 Milliarden Franken in eine Bank investiert, muss schon sehr viel Vertrauen in sie haben.
Die drei Investoren, Qatar Holdings, die israelische Koor und die saudische Olayan-Gruppe sind alles aktive Investoren.
Meiner Meinung nach ist das ein interessanter Punkt, der zeigt: Alle drei kennen uns sehr genau und haben – das demonstrieren sie mit diesem Schritt – Vertrauen in uns und unser Geschäftsmodell. Die Olayan-Gruppe ist schon seit dreissig Jahren Aktionär der Credit Suisse und im Verwaltungsrat vertreten.
Der Preis, den die drei zahlen, scheint aber sehr günstig zu sein.
Wir haben den Preis für die Kapitalerhöhung auf den letzten Freitagabend angesetzt. Und ich bin ganz offen: Es ging uns nicht um das richtige Timing. Wir wollen zeigen, wie extrem gut wir kapitalisiert sind und dass wir aus einer Position der Stärke unser Geschäft weiterentwickeln können. Und denken Sie daran: Es hätte ja auch sein können, dass die Märkte am Montag 20 Prozent eingebrochen wären. Hätte man am letzten Sonntag hundert Spezialisten beim jährlichen Treffen des Internationalen Währungsfonds gefragt, hätten die meisten erklärt, dass die Finanzmärkte am Montag in die Tiefe rauschen würden.
Sie akzeptieren jetzt schärfere Eigen- mittelbestimmungen der Bankenaufsicht, die Sie vor Wochen noch hart kritisiert haben. Warum der Gesinnungswandel?
In der Öffentlichkeit wurden die Differenzen überinterpretiert. Wir hatten immer konstruktive Gespräche mit dem Regulator, vorwiegend über die Art der Berechnung. Wir waren auch nie gegen höhere Kapitalanforderungen.
Sie haben sich aber gegen eine starke Senkung der Fremdmittelquote gewehrt?
In einigen Punkten waren wir unterschiedlicher Meinung, fundamental betrachtet herrschte aber Einigkeit. Alle Banken der Welt werden künftig eine tiefere Fremdmittelquote haben – und die Schweiz ist in dieser Hinsicht jetzt sicher führend. Die Schweiz ist der Ort, wo eine Grossbank jetzt sein will. Eine dicke Kapitaldecke ist ein Wettbewerbsvorteil geworden, wie der grosse Zufluss an Neugeldern in unserem Private Banking zeigt. Wir sind überzeugt, dass unsere starke Kapitalisierung uns in Zukunft hilft, Neugelder anzuziehen.
Warum lagern Sie – im Gegensatz zur UBS – keine faulen Papiere in den staatlichen Zweckfonds aus? Sind Sie zu stolz dafür?
Wir hatten Diskussionen mit den Aufsichtsbehörden darüber und wurden auch eingeladen, Papiere in den Fonds einzubringen. Aber unsere in Frage kommenden Anlagen im Wert von 10 Milliarden sind dafür zu gering. Dieses Risiko können wir selber tragen und müssen nicht den Steuerzahler belasten. Natürlich besteht das Risiko weiterer Abschreiber, aber solange wir Zugang haben zu Kapital über den privaten Sektor, fühlen wir uns sehr wohl.
Auch wenn sich die Krise nochmals deutlich verschlimmern sollte?
Wir werden unsere Risikopositionen weiter konsequent reduzieren. Aufgrund der sehr unvorhersehbaren Situation kann heute niemand vollends ausschliessen, dass er einen solchen Fonds vielleicht beanspruchen muss.
Bedeuten höhere Kapitalanforderungen künftig tiefere Renditeerwartungen?
Insbesondere unsere Investmentbank wird weniger Risiko eingehen. Das wird auf die Bilanz durchschlagen. Wir streben aber weiterhin eine Eigenkapitalrendite von 20 Prozent an.
Tatsächlich?
Es ist möglich, dass es schwieriger wird, so profitabel wie in der Vergangenheit zu arbeiten. Das trifft aber auf die ganze Industrie zu. Banken werden in Zukunft weniger Risiken eingehen – genauso wie unsere Kunden. Was nichts als vernünftig ist!
Werden auch Boni und Gehälter sinken?
Wenn Aktionäre weniger Dividende einstreichen, hat das selbstverständlich auch Auswirkungen auf die Kompensation unserer Mitarbeitenden. Keine Frage, in diesem Umfeld wird die absolute Grösse der Entschädigungen kleiner sein.
Werden Sie jetzt das Kompensationssystem ändern?
Wir suchen immer nach Verbesserungen. Einige Elemente werden überprüft. Aber generell bleiben wir bei unserem langfristig ausgelegten Kompensationssystem – mit grossem Aktienanteilen und entsprechenden Risiken. Deshalb hat der Rückgang des Aktienkurses auch unsere Mitarbeitenden getroffen. Viele haben einen Teil ihres Vermögens verloren. Aber das ist die Logik von solchen Systemen. Was für die Aktionäre gilt, muss auch für die Angestellten zutreffen.
An welchem Punkt der Krise sind wir heute?
Das kann ich wirklich nicht sagen. Alle wichtige Schritte sind unternommen worden, das sollte uns helfen. Meiner Meinung nach wird nun aber zunehmend die Realwirtschaft von der Krise getroffen.
Sie wollen nicht sagen, wie weit die Krise Ihrer Meinung nach fortgeschritten ist?
Ich will da ganz offen sein: Wir haben in den letzten Monaten darauf verzichtet, eine bestimmte Position in dieser Frage einzunehmen, und sind damit gut gefahren. Wir haben einfach versucht, unser Geschäft konservativ zu betreiben, und Risiken konsequent reduziert. Das hat sich als richtig erwiesen. Auch im September, als jeden Tag neue Probleme auftauchten, die wir lösen mussten. Es ging einzig darum, das Geschäft konservativ zu betreiben. Die Kapitalerhöhung dient genau diesem Zweck. Wir fühlen uns gut, dass wir uns auf der konservativen Seite befinden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.10.2008, 23:13 Uhr
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