Eine Lohnspanne von 1 zu 1812

Spitzenlöhne werden von den Gegnern der 1:12-Initiative als Ausreisser dargestellt. Bei gewissen Firmen sind sie systematisch hoch. Dies zeigt eine Auswertung.

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In der letzten Zeit häuften sich Interviews mit Spitzenkräften der Wirtschaft. Ihr Tenor: Man bedauere, es bei den Spitzensalären übertrieben zu haben. Dies gilt auch für die Rekordzahlung an CS-Konzernchef Brady Dougan von 2009. Er bezog damals 90 Millionen Franken, davon 70 als Bonus. Vor einem Monat sagte nun CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner zur «NZZ am Sonntag»: «Im Nachhinein muss man sagen, dass der Hebel (des Vergütungsprogrammes) viel zu hoch war.» Er war damals Chefjurist der Bank.

Diese Erkenntnis kommt insofern zu spät, da Konzerne mit Spitzenlöhnen jetzt einen politisch diktierten Lohndeckel riskieren und sich damit in den eigenen Fuss schiessen. Die Rhetorik der Gegner der 1:12-Initiative, über die am 24. November abgestimmt wird, konzentriert sich auf die Aussage, dass Lohnübertreibungen die Ausnahme sind. Eine Auswertung der zehn Managerstudien von Travailsuisse, die seit 2003 publiziert wurden, zeigt: Dutzende von Firmen zahlen ihren Geschäftsleitungsmitgliedern jahrelang sehr hohe Entschädigungen.

Sechs Schweizer Unternehmen fallen jedes Jahr auf: UBS, CS, Zurich, Novartis, Nestlé und Roche. Die Lohnspannen dieser Firmen liegen seit 2006 konstant über 1 zu 100, das heisst, der Mitarbeiter mit dem tiefsten Lohn müsste hundert Jahre lang arbeiten, um auf den Lohn zu kommen, wofür der höchstbezahlte Manager ein Jahr arbeitet.Die höchsten Lohnspannen entstanden in den Jahren 2004 bis 2009. Bei den Grossbanken waren Verhältnisse von 1 zu 500 normal. Die höchste je registrierte Lohnspanne betrug 1 zu 1812 wegen des besagten Bonusses von Brady Dougan. Im gleichen Jahr kassierte Novartis-Chef Vasella im Verhältnis von 1 zu 752.

Zwischen 1 zu 142 und 1 zu 313

Seit drei Jahren bewegen sich die Lohnspannen der sechs erwähnten Unternehmen zwischen 1 zu 142 (Zurich) und 1 zu 313 (CS). Weitere Firmen wie Swatch, Lonza, Clariant, ABB und Lindt & Sprüngli zahlen Höchstlöhne über dem Hundertfachen der Tiefstlöhne. Dem gegenüber stehen zum Teil riesige Verluste. Die Aktionäre, darunter Pensionskassen, mussten die CS zweimal rekapitalisieren. Der Aktienwert ist heute ein Drittel so hoch wie im Frühjahr 2007. Die CS befindet sich in rechtlichen Auseinandersetzungen mit den USA, die sie mit einem hohen, wohl dreistelligen Millionenbetrag saldieren wird. Die Aktionäre haben über die Jahre hinweg viel Geld verloren, die Verwaltungsräte und Konzernleitungsmitglieder aber immer Geld gewonnen – vor, während und nach der Finanzkrise.

Das Gleiche gilt für die UBS. Ihr Aktienwert betrug einmal 70 Franken. Heute ist die Aktie noch 18 Franken wert. Auch diese Bank musste diverse Mal rekapitalisiert und zweimal durch den Staat gerettet werden. Einmal durch die Übernahme fauler US-Hypothekenwertpapiere im Umfang von 60 Milliarden Franken und einmal vor einer drohenden Strafklage in den USA wegen Beihilfe des Privatbanking zu Steuerbetrug.

Von 2001 bis 2008 an Bord war der frühere Konzernchef Marcel Ospel. Er musste erst gehen, als fürs Geschäftsjahr 2007 ein Abschreiber von 19 Milliarden Franken ruchbar wurde. 2011 kam der 2,1-Milliarden-Handelsverlust des Investmentbankers Kweku Adoboli dazu. 2012 musste die UBS im Ausland rund 1,4 Milliarden Franken Busse wegen Manipulationen des Libor-Referenzzinses bezahlen. Die Manipulationen erfolgten erwiesenermassen zwischen 2005 und 2010, also fünf Jahre lang. Die Verantwortung trug Investmentchef Carsten Kengeter, der 2009 rund 370-mal mehr verdiente als der schlechtestbezahlte UBS-Mitarbeiter.

Bonus ohne Leistung

Bei den anderen Firmen sind solch grosse Fehlleistungen nicht bekannt oder liegen schon längere Zeit zurück, so etwa bei der ABB sowie der Swiss Life, die 2001 Riesenverluste auswiesen. Dennoch brandmarkte das Ja-Komitee zur Abzockerinitiative um Thomas Minder im Januar «die 32 grössten Abzocker seit 2001», darunter den Nestlé-Präsidenten Peter Brabeck, dessen Konzernchef Paul Bulcke, Novartis-Konzernchef Joe Jimenez, dessen Vorgänger Daniel Vasella sowie den Swiss-Life-Präsidenten Rolf Dörig.

Das Abzockerkomitee tat dies auf Basis der Vergütungsstudie 2011 der Genfer Stiftung Ethos für nachhaltige Entwicklung. Dieser Bericht untersuchte die Bezüge von 48 kotierten Schweizer Unternehmen. Diese richteten im Jahr 2010 Spitzensaläre von 1,3 Milliarden Franken aus. Geschäftsleitungsmitglieder bezogen im Schnitt 3 Millionen Franken, Verwaltungsratspräsidenten 2,4 Millionen Franken.

Der Bericht zeigt auch, dass die durchschnittlichen Vergütungen im Jahr 2006 am höchsten waren, 2008 am tiefsten und dass sie seither wieder gestiegen sind. Über Mässigung ist also wenig zu berichten. Ethos stellte darüber hinaus fest, dass Boni selten leistungsabhängig sind: «Der Anteil variabler Vergütung in Form von Beteiligungsplänen ohne Leistungskriterien ist hoch.»

Dies nährt den Vorwurf der Gewerkschaften und der politischen Linken, dass kein grundlegendes Umdenken stattgefunden hat und dass sich die obersten Kader weiter Vermögensvorteile zuschanzen, ohne dafür die Leistung zu erbringen, um ein hohes Salär als verdient und damit als «gerecht» bezeichnen zu können. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.11.2013, 07:50 Uhr)

Die Spitzenlöhne im Vergleich. (Zum Vergrössern auf die Grafik klicken)

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