Eine Packung Pillen für 19’000 Franken

Ein US-Konzern verdient mit einem neuartigen Hepatitis-C-Medikament Milliarden. Für viele Betroffene bleibt die Wunderpille jedoch ausser Reichweite – auch in der Schweiz.

Bis zu 80'000 Menschen in der Schweiz tragen das Hepatitis-C-Virus in sich: Blutproben im Labor. Foto: Alamy

Bis zu 80'000 Menschen in der Schweiz tragen das Hepatitis-C-Virus in sich: Blutproben im Labor. Foto: Alamy

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Die Krankheit ist heimtückisch. Der Betroffene spürt jahrzehntelang nichts. Und wenn er dann doch etwas bemerkt, ist die Leber bereits schwer geschädigt: Leberzirrhose, Leberversagen, Leberkrebs sind die oftmals tödlich verlaufenden Folgen von Hepatitis C.

In der Schweiz wird die Zahl der Virusträger auf 70’000 bis 80’000 Personen geschätzt. Das Beunruhigende dabei: Weniger als die Hälfte davon weiss, dass sie betroffen ist, sagt der Arzt Philip Bruggmann von Arud Zentren für Suchtmedizin in Zürich. Die bisherige Therapie gegen das Virus – unter anderem mit Interferonen (immunstimulierenden Hormonen) – ist laut Mediziner für die Kranken wegen oftmals heftiger Nebenwirkungen sehr belastend und teuer, weil es den Einsatz weiterer kostspieliger Medikamente erfordert. Laut Bruggmann sind denn auch bis jetzt in der Schweiz nicht mehr als 1000 Personen behandelt worden.

Alles könnte anders sein. Das vom US-Pharmahersteller Gilead Ende 2013 auf den Markt gebrachte Medikament Sovaldi wird in der Gesundheitsbranche als historisches Ereignis gefeiert. In klinischen Studien konnten mehr als 80 Prozent der Patienten geheilt werden, wenn sie Sovaldi in Kombination mit anderen Präparaten während zwölf Wochen schluckten. Und dies bei deutlich geringeren Nebenwirkungen.

«Mit der Pille lässt sich das Virus eliminieren», sagt Hepatitis-Spezialist Bruggmann. Mit Blick auf die ganze Welt, auf der laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gegen 170 Millionen Menschen mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert sind, gewinnt das Attribut «historisch» erst recht an Bedeutung.

28'000 Dollar pro Packung

Doch statt Lob ergiesst sich allerorts harte Kritik über Gilead. Grund ist die Preisfestlegung. In den USA, wo Sovaldi seit letztem Dezember auf dem Markt ist, kostet die Packung mit 28 Tabletten 28’000 Dollar – 1000 Dollar pro Pille. «Skandalös, unethisch», lauten die Kommentare in den US-Medien. Nun will sogar eine Senatskommission Licht in die Preispolitik von Gilead bringen.

In der Schweiz ist Sovaldi seit diesem Frühjahr zugelassen. Mit der Aufnahme in die Spezialitätenliste per 1. August muss die teure Pille nun von den Krankenkassen auch in der Grundversicherung bezahlt werden. Wie mehrere befragte Krankenkassen erklären, ist das Mittel vereinzelt schon vorher von Ärzten verschrieben und von den Kassen mitfinanziert worden. In der Regel allerdings nur bei Patienten mit Zusatzver­sicherung, wie es bei der Swica heisst.

Der hohe Preis von 19'208 Franken pro Packung ist bei allen Kassen ein Thema. Selbst unter Gewährung eines Innovationszuschlags von 20 Prozent im Vergleich zu den herkömmlichen Mitteln sei der Preis immer noch sehr hoch, heisst es bei der Versicherung CSS. Bei Helsana wird Sovaldi als weiteres Beispiel für die Tendenz hin zu immer teureren Medikamenten gewertet.

Mit Sovaldi allein ist es nicht getan: Laut Berechnung der CSS kostet die Standardtherapie von zwölf Wochen mit anderen Präparaten etwa 78'000 Franken. Nicht inbegriffen sind dabei Arzt- und allenfalls Laborkosten. Je nach Schwere der Erkrankung muss die Therapie auf 24 Wochen ausgedehnt werden, was laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) Kosten von knapp 120’000 Franken auslöst.

Selbst im BAG, das über die Aufnahme eines Medikamentes in die Spezialitätenliste entscheidet, gibt man zu, dass die Therapiekosten mit Sovaldi «hoch» sind. Dem stehe jedoch ein grosser therapeutischer Fortschritt gegenüber: «Das BAG geht davon aus, dass Folgeerkrankungen wie Leberzirrhose, Entwicklung von Leberkrebs sowie Leberversagen meist verhindert werden können und damit auch die grossen Kosten dieser Folgeerkrankungen», sagt BAG-Sprecherin Michaela Kozelka. Dieser Logik folgend müssten eigentlich alle Hepatits-C-Erkrankten in der Schweiz so rasch wie möglich dieser Therapie unterzogen werden. Selbst wenn man sich nur auf jene Hälfte der mutmasslich bis zu 80'000 Virusträger beschränkt, die um ihre Erkrankung wissen, würde dies für die Krankenkassen unmittelbar einen Kostenschub von 3 Milliarden Franken auslösen, wobei allerdings die bereits jetzt anfallenden Therapiekosten mit herkömmlichen Mitteln noch abgezogen werden müssten.

Dazu lässt es das BAG jedoch nicht kommen und greift mangels Möglichkeit, den Hersteller zu massiven Preisnachlässen zu zwingen, zur einzigen Waffe, die ihm bleibt: die Zugangsbeschränkung zur Therapie (Limitatio). Nur jene Patienten haben ein Recht auf die Vergütung durch die Krankenkassen, deren Leber bereits stark angegriffen ist oder deren Krankheit ausserhalb der Leber in fortgeschrittenem Stadium ist (Hauterkrankungen, Nierenerkrankungen, Diabetes, Autoimmunerkrankungen usw.). Laut BAG reduziert sich der Kreis der Patienten damit auf rund 1500 Personen. Die entsprechenden Kosten in der obligatorischen Grundversicherung werden auf rund 85 Millionen Franken veranschlagt.

Befürchtung der Krankenkassen

Bei den Kassen befürchtet man jetzt, dass die Überprüfung der einschränkenden Bedingungen einen Mehraufwand bewirken wird. Auch werde es zu Diskussionen kommen, weil Patienten, die das Interventionsstadium noch nicht ganz erreicht hätten, das Medikament trotzdem wollten und dabei von ihren Ärzten unterstützt würden, sagt eine Spezialistin bei einer grossen Krankenkasse. Man werde in solchen Fällen nicht den gesamten Preis vergüten und mit dem Hersteller über den Abgabepreis verhandeln. Der Verhandlungsspielraum sei jedoch gering: «Die Firma ist knallhart», so die Spezialistin, die früher schon mit Gilead verhandelt hatte.

Bei der Gilead-Niederlassung in Steinhausen ZG ist derzeit «ferienhalber» niemand für eine Stellungnahme erreichbar, wie eine Mitarbeiterin erklärt. Am Hauptsitz in den USA prallen die Vorwürfe zur Preisgestaltung ab. Aussitzen, lautet die Devise. Die Chancen stehen nicht schlecht: In den Medien tauchen immer mehr Geschichten von Hepatitis-C-Kranken auf, die dank Sovaldi wieder gesund wurden. «Wir sind überzeugt, dass das Gesundheitssystem längerfristig dank dieser geheilten Menschen viel Geld sparen wird», sagte Gilead-Chef John Milligan Ende Juli bei der Präsentation der Quartalszahlen.

Für ihn gilt jedoch das kurzfristige Denken: Im ersten Halbjahr hat das Unternehmen mit Sovaldi gegen 6 Milliarden Dollar eingenommen. Das gilt in der an Blockbustern nicht armen Pharmawelt bereits als neuer Temporekord. Und noch ein anderer Rekord zeichnet sich ab: Mit dem bisherigen Halbjahres­umsatz hat Gilead bereits mehr als die Hälfte der 11 Milliarden Dollar hereingeholt, die sie 2011 für den Hersteller des Sovaldi-Wirkstoffes hingeblättert hatte. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.08.2014, 23:40 Uhr)

Wasser, Essen, Blut: Wo die Viren lauern

Hepatitis A: Das Virus gehört zur Familie der Picornaviren, zu der auch der Erreger der Kinderlähmung gehört. Der Keim wird über schmutziges Wasser oder kontaminierte Speisen übertragen. Die Vermehrung geschieht in der Darmschleimhaut, später in der Leber, von wo aus das Virus über die Galle wieder in die Aussenwelt gelangt. Weltweit infizieren sich 1,4 Millionen Menschen jährlich – die meisten davon Kinder. Meist heilt die Krankheit nach akuter Infektion vollständig aus. Todesfälle sind selten.

Hepatitis B: Das Virus gehört einer anderen Virenfamilie als A an. Es löst die mit 240 Millionen Infizierten häufigste und mit fast 800'000 Toten pro Jahr gefährlichste Form der Leberentzündung aus. Die Erkrankung verläuft in jedem zehnten Fall chronisch. Das Virus wird durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten (Tränen, Sperma, Muttermilch, Blut) übertragen. Für eine Ansteckung reichen winzige Mengen Flüssigkeit. Hepatitis B ist die einzige Form der Leberentzündung, die beim Sex übertragen wird. Gegen Hepatitis B gibt es eine wirksame Impfung.

Hepatitis C: Die Krankheit ist heim­tückisch, weil man sie fast nicht spürt. In gut zwei von drei Fällen wird sie chronisch und kann nach vielen Jahren ohne auffällige Symptome zu Leberzirrhosen und zu Leberkrebs führen, wenn sie nicht behandelt wird. Die herkömmliche Therapie ist für die Betroffenen mit vielen Nebenwirkungen verbunden. Die Ansteckung erfolgt über das Blut. Blutkonserven scheiden inzwischen als Überträger aus, weil sie auf den Erreger getestet werden. Die grösste Gefahr geht von Spritzen und Kanülen aus, die mehrfach oder gemeinsam benutzt werden, was vor allem unter Drogenkonsumenten und in den Entwicklungsländern vorkommt. Es gibt noch keine Impfung.

Hepatitis D: Mit dem Hepatitis-D-­Virus sind weltweit rund 10 Millionen Menschen infiziert. Eine D-Infektion kommt nur zusammen mit einer B-Infektion vor, da das Hepatitis-D-Virus das Hüllprotein des Hepatitis-B-Virus für seine Vermehrung braucht. Hepatitis D wird über Blut, Blutprodukte, seltener durch Geschlechtsverkehr übertragen. Die chronische Hepatitis D ist die schwerwiegendste aller Virus-Hepatitis-Erkrankungen. Die Entwicklung zur Leberzirrhose verläuft schnell. Einen aktiven Schutz bietet die Impfung gegen Hepatitis B.

Hepatitis E: Es ist die häufigste akute Hepatitis in einigen Ländern Asiens und Afrikas (Indien, Sudan). Die Übertragung erfolgt über kontaminierte Nahrungsmittel und verseuchtes Wasser. Eine Infektion mit dem Hepatitis-E-Virus ist klinisch nicht von einer Infektion mit dem Hepatitis-A-Virus zu unterscheiden. Sie verläuft häufig jedoch schwerer. Ein Subtyp kann vor allem für Schwangere gefährlich werden und findet sich in einem Teil der europäischen Blutkonserven. Hepatitis E wird in der Regel nicht chronisch. Eine Impfung befindet sich in der klinischen Testphase.
(Rita Flubacher)

(Tages-Anzeiger)

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Leben mit dem Virus

Leben mit dem Virus Diese prominenten Persönlichkeiten haben sich mit Hepatitis C infiziert.

Die teuersten Medikamente in der Schweiz. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

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