Flug annulliert: Air Berlin pfeift auf die Rechte der Kunden

2010 strich die deutsche Airline einen Flug – und weigerte sich, Passagiere pflichtgemäss zu entschädigen. Das liess sich eine Schweizerin nicht gefallen. Ihr Kampf dauerte drei Jahre.

Nicht immer bekommen die Kunden, was auf dem Plan steht: Passagier am Flughafen Düsseldorf.

Nicht immer bekommen die Kunden, was auf dem Plan steht: Passagier am Flughafen Düsseldorf. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Briefe schreiben, E-Mails verschicken, Rechtstexte studieren, Beschwerden verfassen. Alles, was Tina Schenk* unternahm, um zu ihrem Recht zu kommen, prallte an Air Berlin (AB1 1.65 -0.24%) ab. Die Fluggesellschaft schaltete auf stumm, behandelte Schenk, als wäre sie nie ihre Kundin gewesen. Es brauchte den Schuldspruch des Amtsgerichts Charlottenburg in Berlin, bis sich Air Berlin bequemte, ihr die zustehende Entschädigung zu überweisen. Nach fast drei Jahren hartnäckigen Engagements flossen am 24. April 326.83 Euro auf ihr Konto.

Es war Sonntagabend, der 6. Juni 2010, als Schenk von Berlin-Tegel nach Zürich fliegen wollte. Um 21.05 Uhr hätte die Maschine der Air Berlin starten sollen. Kurz nach 23 Uhr erfuhren die wartenden Passagiere, dass der Flug annulliert worden sei.

In Fällen dieser Art hat der Fluggast Rechte beziehungsweise die Fluggesellschaft Pflichten. Die Europäische Union hat diese im Februar 2005 in Kraft gesetzt, die Schweiz im Dezember 2006. Gemäss der EU-Verordnung Nr. 261/2004 muss die Gesellschaft die Passagiere mit Mahlzeiten und Erfrischungen versorgen, Kommunikationsmittel zur Verfügung stellen und eine Hotelunterkunft und die Fahrt zum Hotel organisieren. Ferner besteht die Verpflichtung, die Fluggäste vor Ort und in schriftlicher Form über ihre Rechte zu informieren.

Recht auf Entschädigung

Neben diesen Unterstützungsleistungen gibt es einen Ausgleichsanspruch. Je nach Flugdistanz haben sitzen gelassene Passagiere ein Recht auf finanzielle Entschädigung in unterschiedlicher Höhe. Bis zu einer Flugdistanz von 1500 Kilometern – darunter fällt Berlin–Zürich – gilt gemäss Verordnung ein Tarif von 250 Euro pro Person. Der Ausgleichsanspruch entfällt, wenn die Fluggesellschaft «aussergewöhnliche Umstände» geltend machen kann. Das können beispielsweise widrige Wetterbedingungen oder technische Probleme sein, welche die Sicherheit beeinträchtigen. Schliesslich haben die Passagiere einen Anspruch auf Rückerstattung der bezahlten Flugkosten oder auf anderweitige Beförderung – etwa durch Umbuchung auf einen späteren Flug.

Im Fall von Tina Schenk erbrachte Air Berlin keinerlei Betreuungs- und Informationsleistungen. Die Gesellschaft organisierte einzig ein Hotelzimmer und den Flug nach Zürich am folgenden Morgen früh. Das Taxi nach Mitternacht vom Flughafen zum Hotel und am andern Morgen um halb fünf zurück zum Flughafen zahlte Schenk aus dem eigenen Portemonnaie.

Schöne Worte und sonst nichts

Wenige Tage nach dem Rückflug und um einige Informationen klüger, verlangte Schenk für sich und ihren Partner mit eingeschriebenem Brief von Air Berlin Ausgleichszahlungen von je 250 Euro. Die Antwort kam bald und freundlich: «Den vorliegenden Sachverhalt werden wir sorgfältig für Sie prüfen.» Und: «Wir werden uns schnellstmöglichst wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.» Das war das Ende der Freundlichkeit. Von diesem Tag an hörte Schenk nichts mehr von Air Berlin.

Sie tat, was empfohlen wird: Sie reichte Ende Juli 2010 beim LuftfahrtBundesamt in Braunschweig Beschwerde wegen Verletzung der Fluggastrechte durch Air Berlin ein. Beschwerde ist immer in dem Land einzureichen, in dem das Flugzeug hätte starten sollen. Der Eingang der Beschwerde wurde höflich verdankt. Dann dauerte es bis November 2011, bis das Luftfahrtamt die Einleitung eines Ordnungswidrigkeitenverfahrens gegen Air Berlin mitteilte. Was imposant klingt, bedeutet erst einmal nur, dass untersucht wird, ob das Luftfahrtunternehmen gegen die EUVerordnung verstossen hat.

Busse für die Fluggesellschaft

Bis das eingeleitete Verfahren Ergebnisse zeitigte, dauerte es weitere fünf Monate. Das Luftfahrt-Bundesamt kam zum Schluss, dass Air Berlin mehrfach gegen die EU-Verordnung verstossen hatte: fehlendes Angebot von Mahlzeiten und Erfrischungen, kein Angebot von unentgeltlichen Telekommunikationsmöglichkeiten, keine Aushändigung eines Hinweises über die Passagierrechte. Das Luftfahrtamt belegte Air Berlin mit einer Busse. Über die Höhe schweigt sich das Amt aus. Am 24. April 2012, fast zwei Jahre nach dem Vorfall, informierte das Luftfahrt-Bundesamt sowohl Air Berlin als auch Tina Schenk über den Ausgang des Verfahrens. Damit war das Verschulden der Gesellschaft gewissermassen amtlich beglaubigt.

Damit war die Angelegenheit für Schenk aber keineswegs ausgestanden. Um zu ihrem Recht beziehungsweise Geld zu kommen, wurde sie wie andere Flugpassagiere auch vom Luftfahrtamt auf den zivilrechtlichen Weg verwiesen. Schenk erneuerte umgehend mit eingeschriebenem Brief ihre Forderung nach Ausgleichszahlung und setzte Air Berlin eine Frist bis Ende Mai. Air Berlin reagierte nicht. Deshalb delegierte Schenk den Fall im Juni 2012 an EUclaim – ein Unternehmen, das darauf spezialisiert ist, gegen eine Kommission die Rechte von Flugpassagieren durchzusetzen. Damit stand fest, dass die zweimal 250 Euro, um die Schenk kämpfte, um das allfällige Erfolgshonorar von EUclaim schrumpfen würde, sofern es je zur Auszahlung des Geldes kommen sollte.

Auch EUclaim setzte Air Berlin mit Datum 28. August 2012 eine Zahlungsfrist – erneut keine Reaktion. EUclaim übergab das Dossier einer Berliner Anwaltskanzlei, welche die Fluggesellschaft ihrerseits zur Zahlung bis zum 12. September 2012 aufforderte. Dann, mit Ablauf dieser Frist, reagierte Air Berlin: «Bei der Verspätungsursache handelt es sich um ein Ereignis höherer Gewalt, welches von Air Berlin weder zu verantworten noch zu vertreten ist.» Eine «regionale Flugraumüberlastung» sei Grund für die Annullierung gewesen. Die Gesellschaft schloss jede Haftung aus und teilte, obwohl das Luftfahrt-Bundesamt zu einem anderen Befund gekommen war, mit, «dass die durch die Verordnungen der Europäischen Union bestehenden Vorgaben am Abflugtag unsererseits vollumfänglich erfüllt wurden».

Genugtuung vor Gericht

Die Schenk vertretenden Anwälte reichten Klage ein. In der Klageschrift hielten sie fest, für den einfachen Flugreisenden sei es «nach wie vor praktisch unmöglich», die ihm zustehenden Ausgleichs- und Unterstützungsleistungen «ohne fremde Hilfe vollständig gegen die Fluggesellschaft durchzusetzen». Air Berlin werfen die Anwälte vor, immer wieder nicht auf Ausgleichsforderungen zu reagieren. Mit Zustellungsdatum 15. April 2013 teilte das Berliner Amtsgericht Charlottenburg den Parteien mit, dass Air Berlin die Ausgleichszahlung von zweimal 250 Euro plus Zinsen zu leisten habe. Die Kosten des Rechtsstreits wurden der Beklagten auferlegt. Air Berlin akzeptierte das Urteil.

Tina Schenk bleibt die Erkenntnis, dass der ganze Aufwand das Geld, das sie erstritten hat, nicht wert ist. Es bleibt die Genugtuung, nach fast drei Jahren recht bekommen zu haben. Air Berlin war nicht bereit, Fragen zum eigenen Verhalten in diesem Fall zu beantworten. Man habe die Forderung anerkannt, der Fall sei abgeschlossen.

*Name geändert (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.05.2013, 06:34 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Air Berlin streicht fast tausend Stellen

Sparprogramm «Turbine»: Die angeschlagene Fluggesellschaft Air Berlin plant, etwa jeden zehnten von 9300 Arbeitsplätzen zu streichen. Mehr...

Mehdorn räumt den Chefposten bei Air Berlin

Der frühere Chef der Deutschen Bahn tritt nach zwei Jahren als Konzernchef der zweitgrössten deutschen Fluggesellschaft zurück. Er muss einem «anerkannten Airline-Experten» Platz machen. Mehr...

Air Berlin rutscht noch tiefer in die roten Zahlen

Deutschlands zweitgrösste Fluggesellschaft zahlt für ihren Expansionskurs. Im letzten Jahr schrieb Air Berlin 272 Millionen Euro Verlust. Die Konzernspitze reagiert mit zwei Massnahmen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

[Alt-Text]

Werbung

Die Welt in Bildern

Der Mars ist aufgegangen: Eine Mehrfachbelichtung zeigt die verschiedenen Phasen der Mondfinsternis, wie sie am 15. April auch in Canyon, Minnesota, beobachtet werden konnte.
(Bild: Brian Mark Peterson) Mehr...