«Geld ist eine sehr emotionale Angelegenheit»

Agnes Würsch weiss, wie und warum Schulden Menschen erdrücken können. Sie macht Schuldenberatung und sagt im Interview, warum das Schweizer Steuersystem das Minus auf dem Konto fördert.

Die Steuern sind ein unterschätztes Risiko und können am Anfang einer Schuldenspirale stehen: Ein junger Vater im Waadtland füllt seine Steuererklärung aus.

Die Steuern sind ein unterschätztes Risiko und können am Anfang einer Schuldenspirale stehen: Ein junger Vater im Waadtland füllt seine Steuererklärung aus.

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Die Verschuldung ist auch in der Schweiz zu einem gesellschaftlichen Problem geworden – besonders unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schuldenberatungsstellen und Schuldenpräventionsprojekte mühen sich damit ab, hier Gegensteuer zu geben. Eine aktuelle Studie untersucht erstmals, wie wirksam diese Prävention ist. In einem Interview nimmt Agnes Würsch, Verantwortliche Prävention bei der Plusminus Budget- und Schuldenberatung Basel und Mitauftraggeberin der Studie, zum Thema Stellung.

Frau Würsch, junge Erwachsene haben laut Studie das höchste Schuldenrisiko. Warum?
Mit der Volljährigkeit werden sie haftbar. Rechnungen, die Miete – auf einmal sind sie dafür selber verantwortlich.

Was sind die grössten Schuldenfallen?
Steuern und Krankenkassen. Sie machen zusammen etwa die Hälfte aller Betreibungen aus. Viele sind mit dem administrativen Aufwand überfordert.

Bereiten die Eltern ihren Nachwuchs zu wenig auf diese Verpflichtungen vor?
Wir haben bei der Untersuchung gemerkt, dass die Eltern eine sehr wichtige Funktion haben. Werte und Normen, die man im Elternhaus erwirbt, sind ausschlaggebend für den späteren Umgang mit Geld.

Und das Wissen über das Finanzsystem?
Das ist notwendig, reicht aber allein nicht. Man muss das Wissen mit einem persönlichen Wertesystem verknüpfen. Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Geld um. Geld ist eine sehr emotionale Angelegenheit. Es hilft, sich Gedanken zu machen, was für ein Geldtyp man ist.

Welche Geldtypen gibt es?
Die einen tragen ihren Lohn sofort in die Wirtschaft und geben ihn mit vollen Händen aus. Andere sparen und führen genau Buch. Die Frage nach richtig oder falsch hilft hier nicht weiter. Es geht darum, das eigene Verhalten zu analysieren und sich bewusst zu werden, wie man geldmässig funktioniert. Daran erkennt man auch, wo die persönlichen Schwächen liegen.

Reicht das, um schuldenfrei durchs Leben zu kommen?
Nein. Es gibt Schuldengründe wie Arbeitslosigkeit oder Löhne, die zum Leben kaum reichen. Zudem ist das eigene, private Geld in der Schweiz noch immer ein Tabuthema. Das ist falsch. Man muss über Geld reden. Und nicht nur über die Managerlöhne, sondern auch über den eigenen Lohn. Gerade wenn er knapp ist.

Viele Jugendliche sind unsicher und verfallen in einer Gruppe dem Konsumdruck. Kann das vermieden werden?
Eine Gruppe muss nicht unbedingt negative Auswirkungen haben. Wenn in einem Freundeskreis immaterielle Werte höher gewichtet werden, kann die Gruppe in einer Krise auch Stütze sein. Der soziale Kontext ist enorm wichtig.

Welche Krisen meinen Sie?
Jobverlust. Sehr früher Auszug aus dem Elternhaus. Sucht. Allenfalls sehr frühe Elternschaft.

Wie können junge Erwachsene dann unterstützt werden?
Man kann ihnen helfen, mit der Situation umzugehen. Etwa nicht das ganze Selbstwertgefühl an den Job zu hängen. Sie darin stärken, selber aktiv Probleme anzugehen. Das junge Erwachsenenalter ist auch eine Phase, in der man viele Erfahrungen zum ersten Mal macht. Da darf man auch Fehler machen. Wichtig ist, dass diese dann nicht jahrelange Verschuldung nach sich ziehen.

Wo passieren solche Fehler am häufigsten?
Das Schweizer Steuersystem steht oft am Anfang der Schuldenspirale. Wenn man die Steuererklärung nicht ausfüllt oder die Rechnung nicht zahlt, hat man innert kürzester Zeit Tausende von Franken Schulden. Dahinter verbergen sich auch strukturelle Probleme. Diese sind bislang noch unerforscht. Auffallend ist aber, dass man das Problem von Steuerschulden in den umliegenden Ländern so nicht kennt.

Warum?
Weil die Steuern direkt vom Lohn abgezogen werden. Unser System fördert die Verschuldung. Ein Direktabzug der Steuern vom Lohn würde dieses Problem bei den Angestellten lösen. Aber die Politik wehrt sich gegen solche Ideen. Obwohl der Direktabzug bei AHV und IV ja sehr gut klappt.

Was hat Sie an der Studie überrascht?
Vieles war schon bekannt und wurde bestätigt. Überrascht hat mich, wie gross der Einfluss von Werten und Normen ist. Und diese werden sehr stark vom Elternhaus und vom nächsten Umfeld geprägt. Es lohnt sich also für Eltern, ihren Kindern und Jugendlichen einen guten Umgang mit Geld mitzugeben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.12.2013, 10:53 Uhr

Agnes Würsch ist Verantwortliche für Schuldenprävention bei der Plusminus Budget- und Schuldenberatung Basel und Mitherausgeberin der Studie zu den Wirkfaktoren der Schuldenprävention bei Jugendlichen. (Bild: zvg)

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