In Pension mit 71 Jahren

Nach Alain Bersets Vorstoss für die Rentenreform kommt die Uni St. Gallen mit Zahlen zur drohenden Lücke im AHV-System: 110 Milliarden Franken sollen bis 2030 fehlen. Droht bald eine Rentenaltererhöhung?

Die Altersruhe könnte sich laut den Studienautoren um Jahre verschieben: Rentner auf einer Bank.

Die Altersruhe könnte sich laut den Studienautoren um Jahre verschieben: Rentner auf einer Bank. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von seiner Pensionskasse bekommt zurzeit jeder Rentner 40'000 Franken mehr, als ihm eigentlich zustehen. Zu diesem Schluss kommt das Institut für Versicherungswirtschaft (IVW) der Universität St. Gallen. Bis zum Jahr 2030 werden die AHV und die Pensionskassen ein Defizit von 110 Milliarden Franken anhäufen, erklärte das IVW heute morgen. Die Summe entspreche dem aktuellen Schuldenstand des Bundes.

Den Grund für das zunehmende Defizit sieht das IVW in der weiter zunehmenden Lebenserwartung. Während eine AHV-Rente zurzeit noch mit den Beiträgen von drei Arbeitnehmern finanziert wird, werden im Jahr 2030 nur noch zwei aktiv Beschäftigte einen Rentner finanzieren müssen. Eigentlich müsste das Rentenalter um drei Jahre erhöht werden, um dieser Entwicklung gerecht zu werden, haben IVW-Experten um Martin Eling errechnet.

Das Beispiel Dänemark

Bei der kapitalfinanzierten Rente der Pensionskassen sollte es zwar eine geringere Rolle spielen, dass auf einen Arbeitnehmer immer mehr Rentner kommen. Doch auch hier stehen gemäss Eling hohe Defizite ins Haus. Das liege daran, dass der aktuelle Umwandlungssatz von einer zu niedrigen Lebenserwartung ausgehe. Die Pensionskassen zahlten den Ruheständlern darum mehr Geld aus, als sie angespart hätten. Die zunehmende Lücke müssten die jetzigen Arbeitnehmer mit Beiträgen ausgleichen, von denen sie selbst wahrscheinlich später nicht in gleicher Weise profitieren könnten.

Als Lösung schlagen die Experten des IVW vor, das Renteneintrittsalter von der Lebenserwartung abhängig zu machen. Je älter die Menschen im Durchschnitt werden, desto später könnten sie nach diesem System in Rente gehen. Eling verweist darauf, dass eine solche Indexierung des Rentenalters in Dänemark bereits erfolgt sei. Ausgehend von einer durchschnittlichen Rentenbezugsdauer von 14,5 Jahren werden die dänischen Rentner im Jahr 2045 voraussichtlich mit 71 Jahren in Rente gehen. Im Jahr 2060 liegt das voraussichtliche Renteneintrittsalter dann bei 72,5 Jahren.

Automatische Anpassung

Eine solche Indexierung des Rentenalters hätte gemäss den Experten den Vorteil, dass die Anpassungen automatisch erfolgen würden. Permanente politische Diskussionen liessen sich damit sparen. Branchen, deren Beschäftigte nicht bis ins hohe Alter körperlich arbeiten können, könnten mit staatlichen Ergänzungsleistungen aufgefangen werden, schlägt das IVW vor. Viele Akademiker wollten und könnten dagegen noch bis ins hohe Alter arbeiten und würden von der Wirtschaft auch gebraucht, schreibt das Institut.

Auch der Bundesrat will die Altersvorsorge grundlegend reformieren. Er hat Sozialminister Alain Berset vor zwei Wochen den Auftrag erteilt, die Details auszuarbeiten. Der Innenminister will die erste und die zweite Säule der Altersvorsorge – die AHV und die BVG – in einem Gesamtpaket reformieren. Neben der Senkung des BVG-Umwandlungssatzes steht unter anderem eine Erhöhung des Frauenrentenalters von heute 64 auf 65 Jahre zur Diskussion.

Prüfen soll Berset ausserdem eine Zusatzfinanzierung für die AHV. Da eine Erhöhung der Lohnabzüge nur die Erwerbstätigen belastet, zieht Berset eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer vor. Der Bundesrat will für die AHV auch eine Art Schuldenbremse einführen, wie dies das Parlament gefordert hat. Berset schwebt eine ähnliche Regelung vor, wie sie bei der IV geplant ist. Im kommenden Sommer soll Berset dem Bundesrat Details vorlegen. Die Vernehmlassung ist für Ende 2013 geplant, in Kraft treten sollen die Massnahmen 2019 oder 2020. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.12.2012, 10:27 Uhr)

Umfrage

Welche Änderung ist für das Rentensystem am wichtigsten?

Höhere Beiträge zahlen

 
19.1%

Umwandlungssatz senken

 
11.8%

Rentenalter erhöhen

 
26.3%

Mehrwertsteuer beiziehen

 
29.2%

Schuldenbremse für AHV

 
13.6%

1426 Stimmen


Artikel zum Thema

Pfiffe für Bundesrat Berset am Unia-Kongress

Alain Berset wagte sich mit seinen Reformplänen für die Altersvorsorge in die Höhle des Löwen: an den Unia-Kongress in Zürich. Prompt wurde er mit Pfiffen und viel Kritik begrüsst. Mehr...

Die AHV-Pläne von Alain Berset

Exklusiv Der SP-Bundesrat will das AHV-Alter 65 für Frauen, ein flexibles Rentenalter ermöglichen und Frühpensionierungen eindämmen. Das geht aus einem vertraulichen EDI-Papier hervor, welches Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt. Mehr...

Bersets Partei droht ihm mit Referendum

Die SP hebt den Drohfinger: Sollten bei der von Bundesrat Berset geplanten Reform der Altersvorsorge die Renten gekürzt werden, ergreife sie das Referendum. Und sie will die Pensionskassen stärker in die Pflicht nehmen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Die neue App von car4you.ch

Jetzt downloaden – für iPhone, iPad und Android

Die Welt in Bildern

Sommer in Nordkorea: Diese Mädchen besuchen das Internationale Kinderlager in Songdowon, Nordkorea. Das Lager, welches vor dreissig Jahren ursprünglich dazu ins Leben gerufen wurde, die Beziehungen zwischen kommunistischen Staaten zu vertiefen, steht nun offenbar Kindern aller Nationen offen. (29. Juli 2014)
(Bild: Wong Maye-E (AP, Keystone)) Mehr...