Mit angekratztem Image gegen den Mindestlohn

Zwei Abstimmungsschlappen in einem Jahr: Nach dem Ja zur Einwanderungsinitiative plant die Wirtschaft Anpassungen bei der nächsten Kampagne.

Die Mindestlohninitiative gefährdet gemäss Economiesuisse Tieflohnjobs: Angestellte einer Reinigungsfirma bei der Arbeit.

Die Mindestlohninitiative gefährdet gemäss Economiesuisse Tieflohnjobs: Angestellte einer Reinigungsfirma bei der Arbeit. Bild: Keystone

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Die Wirtschaft hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. In den vergangenen zwölf Monaten stimmte das Volk zweimal gegen die Empfehlungen der Wirtschaftsdachverbände: bei der Abzocker- und bei der Masseneinwanderungsinitiative. Nur die radikale 1:12-Initiative wurde wie von der Wirtschaft gewünscht verworfen.

Für Ursachenforschung bleibt wenig Zeit. Bereits am 18. Mai stimmt das Volk mit der Mindestlohninitiative über eine weitere wirtschaftspolitische Vorlage ab. «Schädlich für die Wirtschaft» ist diese laut Economiesuisse. Eine Logik, die das Volk gemäss Rudolf Minsch, der den Dachverband interimistisch leitet, nicht mehr zwingend akzeptiere. «Die Stimmbürger sind kritischer geworden», sagt er, und bezeichnet den Abstimmungskampf als «grosse Herausforderung».

Um sie erfolgreich zu meistern, soll die Wirtschaft mobilisiert werden. Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Gewerbeverbandes, will die Kampagnenarbeit im Rahmen des «1000er-Clubs» intensivieren. Über das Vehikel, das bereits bei der 1:12-Initiative zum Einsatz kam, werden KMU-Besitzer und -Geschäftsführer mit Informationsmaterialien versorgt – zur Verwendung im eigenen Betrieb oder an Diskussionspodien.

Mehr Lohn, mehr Arbeitslose?

Laut der Gewerkschaft Unia würden von der Mindestlohninitiative 330'000 Personen profitieren. Drei Viertel bräuchten eine Lohnerhöhung von maximal 3.50 Franken pro Stunde, um auf das ­geforderte Minimum von 4000 Franken zu kommen.

Economiesuisse wertet die Massnahme als kontraproduktiv: Werde die Vorlage angenommen, stünden die Stellen der Tieflohnempfänger auf dem Spiel, es drohe zusätzliche Arbeitslosigkeit. Minsch sagt: «Wir sind zuversichtlich, dass der Stimmbürger wieder offener ist für rationale Argumente.»

Ganz klar ist das aber nicht. Nach den letzten Abstimmungen lastet ein Generalverdacht auf den Verbänden. Legen sie sich vornehmlich ins Zeug, um die Privilegien der Manager zu sichern? Die Wirtschaft hätte zu viel über Freiheit und zu wenig über ihre soziale Verantwortung gesprochen, mahnte etwa der Kommunikationswissenschaftler Peter Stücheli-Herlach im TA an. Leser dieser Zeitung schrieben, dass sie die Selbstbedienung in den Chefetagen und die Sparmentalität gegenüber Mitarbeitern nicht mehr goutieren würden und deshalb für die SVP-Initiative gestimmt hätten.

Bigler hingegen betont, die Unternehmen würden sehr wohl Verantwortung wahrnehmen. So leisteten sie einen wichtigen Beitrag zur Integration von ­Invaliden in die Gesellschaft. Mehr Verständnis für die Kritik zeigt FDP-Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser. In Bereichen wie dem Lehrlingswesen oder der langfristigen Karriereplanung von Angestellten müssten die Unternehmen mehr «Sensibilität» aufbauen, sagt er.

Persönlicher Einsatz nötig

Kritisiert wurde auch der mangelnde Körpereinsatz bei der letzten Abstimmungskampagne. Ob das an der Führungsschwäche bei Economiesuisse lag oder daran, dass der Gewerbeverband in der Zuwanderungsfrage gespalten war: Ein Manifest, wie es Unternehmer im Vorfeld der 1:12-Initiative publiziert hatten, vermisste man ebenso wie Interviews prominenter Wirtschaftsführer. «Bei der Mindestlohninitiative werden wieder mehr Unternehmer präsent sein», verspricht daher Ruedi Noser.

Für das Geschäft des IT-Unternehmers wäre ein Nein zur Zuwanderungsinitiative wichtig gewesen. Dass er sich trotzdem nicht zu Wort gemeldet hat, rechtfertigt er mit dem vollen Terminkalender: Weihnachtsstress, Jahresabschlüsse, Wintersession und eine Auslandreise hätten ihn an einem grösseren Engagement gehindert. Für die Mindestlohnvorlage hat Noser laut eigenen Angaben bereits jetzt mehr Termine reserviert, als er bei der vergangenen Abstimmung wahrgenommen hatte. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2014, 09:56 Uhr)

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