Pensionskasse geplündert und damit Luxuslimousinen finanziert

Zwei Stiftungsräte einer Zürcher Sammelstiftung sollen Altersguthaben in Millionenhöhe veruntreut haben. Betroffen sind über 4000 Versicherte aus 80 Firmen. Seit März sitzen die beiden in Untersuchungshaft.

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Im Gewerbepark Vor Ort im zürcherischen Weiningen fiel es auf, als immer wieder Luxuslimousinen, protzige Offroader und italienische Sportwagen vorfuhren. Dale B.* besass zwei Ferrari, einen Bentley und einen Audi A8, sein Geschäftspartner Rolan T.* nannte zwei Porsche und zwei Ferrari sein Eigen. Die beiden Italiener sassen bis vor kurzem im Stiftungsrat der Fortius Pension Found, einer Sammelstiftung mit 4000 Versicherten von 80 Firmen aus Hotellerie und Gastronomie vor allem in den Kantonen Zürich, Basel, Bern und Graubünden. Gemäss Recherchen des TA wurden die beiden Pensionskassenmanager am 6. März zu Hause verhaftet und sitzen seitdem wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft. Gleichzeitig wurden in den Büros der Sammelstiftung in Weiningen Akten und Computer beschlagnahmt.

Dale B. und Rolan T. werden dringend verdächtigt, sich aus der Sammelstiftung bedient zu haben, um ihren extravaganten Lebensstil und Immobilienspekulationen zu finanzieren. «Ermittelt wird wegen Vermögensdelikten und ungetreuer Geschäftsbesorgung», wie die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich bestätigt. Nach Informationen des TA geht es um eine Deliktsumme in mehrfacher Millionenhöhe.

Bordell in Basel gekauft

Eigentlich war die Gründung der Fortius eine gute Geschäftsidee. Denn die hohe Fluktuation in der Temporär- und Gastronomiebranche verursacht einen erheblichen Verwaltungsaufwand, weshalb viele grosse Versicherer diesen Markt meiden. Ihren Versicherten versprach Fortius «massgeschneiderte Branchenlösungen» bei «minimalsten administrativen Aufwand» und einer «positiven Performance in jedem Jahr». Das Altersguthaben der Versicherten wuchs seit der Gründung im Jahre 2007 auf heute 26 Millionen Franken.

Doch wie ein Insider gegenüber TA sagt, gründeten Dale B. und Rolan T. die Vorsorgeeinrichtung eigentlich nur, um schnell an billiges Geld für ihre hoch spekulativen Immobiliengeschäfte zu kommen. Als Instrument diente ihnen ein undurchsichtiges Netz von Firmen, die alle ihren Sitz im gleichen Gebäude wie Fortius haben. Statt das Altersguthaben gemäss Bundesgesetz risikoverteilt in Aktien, Obligation und Immobilien anzulegen, investierten Dale B. und Rolan T. 75 Prozent in Immobilien, die sie über zwei eigene Tochtergesellschaften erwarben – der Rest lag brach auf der Bank. Damit verstiessen sie gleich mehrfach gegen das Gesetz: Erlaubt ist aus Sicherheitsgründen nur eine Immobilienquote von 30 Prozent, und Vorsorgeeinrichtungen dürfen keine Tochterfirmen einrichten.

11,5 Millionen Franken flossen in die beiden Tochterfirmen Fortius Capital Management AG und Fortius Asset Management AG. Mit dem Geld wurden in Basel und Luzern zwei Liegenschaften gekauft. Dabei hatten die beiden Stiftungsräte keine glückliche Hand. In Basel erwarben sie für 3,5 Millionen Franken ein Mehrfamilienhaus, bei dem es sich laut einem letztjährigen Bericht der «Basler Zeitung» um ein Bordell handelt. Vom Kauf an bezahlte die Mieterin keinen Zins mehr. Daraus entstand ein Verlust von 1,5 Millionen Franken.

Horrende Honorarforderungen

In Luzern erwarben die beiden ein Haus zu einem völlig überrissenen Preis von 6,2 Millionen Franken. Laut einem unabhängigen Schätzer ist es lediglich rund 3,7 Millionen Franken wert. Um den Kaufpreis wieder hereinzuholen, wurde allen Mietern gekündigt, anschliessend das Haus saniert, filetiert und als Stockwerkeigentum zu einem Gesamtpreis von über 13 Millionen Franken auf den Markt geworfen. Experten zweifeln, ob sich die überteuerten Wohnungen trotz Immobilienboom verkaufen lassen.

Vermarktet werden die Wohnungen von der Tochtergesellschaft Syrma Real Estate AG, dessen Geschäftsführer bis vor kurzem Ruedi Elsener war. Elsener ist ein bekannter ehemaliger Schweizer Fussballnationalspieler. «Ich habe von den Machenschaften nichts gewusst und distanziere mich davon», sagte Elsener gegenüber dem TA.

Besonders dreist nahmen Dale B. und Rolan T. die Fortius-Pensionskasse mittels ihrer Tochterfirma Antares Business Consulting AG aus. An diese wurde die technische Verwaltung der Sammelstiftung ausgelagert. Für die Registrierung der Ein- und Austritte sowie das Beitrags- und Mahnwesen verrechnete Antares der Fortius «horrende Honorarforderungen», wie es im Zwischenbericht des Sachwalters an die Ostschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht von August 2012 heisst, der dem TA vorliegt. Von den 4 Millionen Franken lasse sich vielleicht ein Viertel rechtfertigen.

Die Vorgänge flogen auf, als Rolan T. wegen «betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage» (E-Banking) bei seinem früheren Arbeitgeber – einer Sammelstiftung – vom Zürcher Obergericht verurteilt, aber dank einer Wiedergutmachung nicht bestraft wurde. Darauf wurde die Ostschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht im vergangenen Juni aktiv. Der Präsident und Stiftungsrat Rolan T. wurde seines Amtes enthoben und mit dem St. Galler Rechtsanwalt Peter Rösler ein kommissarischer Verwalter eingesetzt. Die Ostschweizer sind für die in Zürich verwaltete Sammelstiftung zuständig, weil Fortius ihren Rechtssitz im Kanton Tessin hat. Als Folge einer Strukturreform untersteht das Tessin seit Anfang 2012 der Ostschweizer Aufsicht.

Rückforderungen denkbar

An einer Informationsveranstaltung für die Fortius-Versicherten von Ende April sagte Rösler: «Die Stiftung hat bisher den exzessiven Lebensstil von Dale B. und Rolan T. mitfinanziert, es ist aber ein Glücksfall, dass die Stiftungsaufsicht so repressiv eingefahren ist.» Denkbar seien Rückforderungen an die Stiftungsräte und ihre Hilfsgesellschaften sowie Verantwortlichkeitsklagen gegen die Revisionsaufsicht und den Kanton Tessin wegen mangelhafter Aufsicht. Und: «Selbst wenn eine erhebliche Unterdeckung eintreten sollte, besteht kein Anlass zum Austritt.» Für die Grundidee der Fortius bestehe ein grosses Bedürfnis im Markt, und ein gutes Wachstum würde die Situation schneller bereinigen.


* Namen der Redaktion bekannt (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.05.2013, 22:20 Uhr)

Stichworte

Das weitverzweigte Firmennetz der Fortius-Gruppe.
(Für Detailansicht auf Grafik klicken)

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