Tod durch eine Überdosis Banking

Finanzplätze in den USA erleben gehäuft Suizide von jungen Bankern. Der Stress der extremen Arbeitszeiten scheint sich nicht mehr zu lohnen.

Arbeit rund um die Uhr: Erleuchtete Büros des Goldman Sachs Hauptsitzes in New York. Foto: Keystone

Arbeit rund um die Uhr: Erleuchtete Büros des Goldman Sachs Hauptsitzes in New York. Foto: Keystone

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Einen Monat bevor Sarvshreshth Gupta starb, wollte er Goldman Sachs verlassen. Der 24-jährige Banker fühlte sich ausgebrannt. Obwohl er Aussicht auf eine lukrative Karriere hatte, sah er sich eingekesselt «Diese Arbeit ist nichts für mich. Zu viel Arbeit und zu wenig Zeit», schrieb er seinem Vater. Im März dieses Jahres verliess er die Bank und war schon eine Woche später wieder zurück. «Wie als eine Fügung des Schicksals bat ihn die Firma, seine Kündigung zu überdenken», erinnert sich der Vater. «Und unter meinem Druck kehrte er zurück».

Goldman Sachs bot ihm psychologische Beratung und ein reduziertes Arbeitspensum an. Doch bald schon geriet Gupta wieder in den alten Trott. Er arbeitete meist bis in den frühen Morgen, er arbeitete an Wochenenden, und ein Privatleben kannte er nicht. «Er rief uns an und sagte, es sei alles zu viel», fasste sein Vater später zusammen. «Ich habe zwei Nächte nicht mehr geschlafen. Morgen früh habe ich ein Kundentreffen, ich muss noch eine Präsentation vorbereiten, mein Vizepräsident ist sauer, und ich arbeite ganz allein im Büro.» Gupta telefonierte mit seinem Vater in Indien und sagte, er werde noch eine Stunde anhängen und dann schlafen gehen.

Am Morgen danach wurde sein lebloser Körper auf einem Parkplatz in der Nähe der Chinatown in San Francisco gefunden. Die Untersuchungen zeigten, dass sich Gupta aus seiner Wohnung im anliegenden Hochhaus gestürzt hatte. Der Tod des jungen Bankers steht nicht allein. Nur im letzten Jahr starben mindestens 36 Banker an den grossen Finanzplätzen der USA, in London und Hongkong unter ungeklärten oder auf Suizid weisenden Umständen. Zu Beginn dieser Woche stürzte sich ein 29-jähriger Banker in New York aus einem Hochhaus. Die Polizei fand einen Beutel Kokain in seiner Wohnung. «Die simple Erklärung ist, dass er überaus hart arbeitete und unter enormem Druck stand», sagte sein Vater.

90 oder 120 Stunden?

Im vergangenen Jahr war es J. P. Morgan, die grösste Investmentbank der Vereinigten Staaten, die eine Serie von gewaltsamen Todesfällen verzeichnen musste. Innert weniger Monate kamen ein halbes Dutzend überwiegend junge Banker ums Leben, die Hälfte davon stürzte aus Hochhäusern.

Die Häufung dieser grausamen Todesfälle kann als Zufall gesehen werden, doch bestätigen Ex-Banker, dass eine Karriere in der allein und ausschliesslich durch den Profit getriebenen Welt des internationalen Banking nicht mehr ist, was sie einmal versprach. «Man arbeitet 90 Stunden pro Woche, und wenn es eng wird, können es 120 Stunden werden», erinnert sich Patrick Curtis, ein 34-jährige Analyst der Bank Rothschild. «Ist es den Einsatz wert? Nein, nicht mehr.» Curtis verliess die Bank und ist nun Berufsberater für Finanzfachleute.

Hohe Risiken – grosse Gewinne: Dieses Modell der Wallstreet-Banken funktionierte nach der Deregulierung durch Präsident Clinton 15 Jahre lang fast perfekt. Doch die Finanzkrise von 2008 erschütterte die Banken stärker, als sie nach aussen zu erkennen geben. Neue Studien zeigen, wie belastend der Job unter dem doppelten Druck der zunehmenden Regulierung und den schwindenden Profiten geworden ist. Die na­tionale Sterblichkeitserhebung zeigt ­beispielsweise, dass Banker ein 1,5-fach ­höheres Suizidrisiko aufweisen als die All­gemeinheit.

Auffällig ist, dass die jüngsten Banker das höchste Risiko aufweisen. Sie arbeiten oft tief in die Nacht hinein und müssen sich am Wochenende auf Abruf ­bereithalten. «Das Schlimmste ist das Schlafmanko», erinnert sich Umber Ahmad, eine Analystin der Investmentbank Morgan Stanley, deren Eltern noch in Pakistan leben. «Das Militär weiss, dass Schlafentzug eine Art von Folter ist», sagt sie. «Deshalb hält man sich immer in der Nähe jener Leute auf, mit denen man in den Krieg gezogen ist.» Was sie meint, ist die enorme Isolation der Jungbanker, die mehr oder weniger ungeschützt dem Willen der Vorgesetzten und der vermögenden Kunden ausgesetzt sind. Wenn sie freie Zeit haben, dann verbringen sie diese mit ihresgleichen – mit Drogen und Sex.

Doch die Luft wird schnell stickig unter diesen Umständen, wie Ahmad gegenüber der Wirtschaftsagentur Bloomberg erklärte: «Der Job ist aufregend. Doch die Misere ist unausstehlich.» Sie stieg aus und baute eine eigene, kleine Luxusbäckerei auf.

Banken verlieren Talente

Der Trend zum Ausstieg hat sich gemäss Bankexperten seit 2008 verstärkt. Zum einen hätten Vorschriften und Kontrollen stark zugenommen. Banken hätten zudem wegen der permanenten Skandale, Bussen und Strafen viel an Prestige verloren. Es habe sich deswegen ein scharfer Wettstreit um die besten Hochschulabgänger entwickelt, erklärt Jeff Urwin, Co-Chef des Privat Banking bei J. P. Morgan. «Wir müssen uns anpassen. Wir können es nicht zulassen, dass der Nachwuchs an Burn-out zugrunde geht.»

Diese Einsicht kommt reichlich spät. Gemäss der letzten Statistik von 2014 sank die Zahl der Neueinsteiger in die Finanzindustrie in New York im Vergleich zu 2007 um 19 Prozent. Dafür stieg die Zahl der Hochschulabgänger in der Hightechindustrie um 18 Prozent. Die Banken versuchen, den Trend mit etwas entschärften Arbeitsbedingungen zu bremsen. Goldman Sachs, Credit Suisse und Bank of America wiesen ihre Jungbanker an, mindestens am Samstag nicht zu arbeiten oder zwei Wochenenden pro Monat freizunehmen. Als akzeptable Arbeitszeit gelten etwa 75 Stunden pro Woche. Das sollte aber nicht als fürsorgliche Aktion verstanden werden, warnt Kevin Roose. Er hat die Karriere von acht Jungbankern begleitet und in seinem Werk «Young Money» deprimierend genug dargestellt: «Die Banken verlieren die besten jungen Talente. Sie wissen nicht, wie sie die nächste Generation rekrutieren können, und sind deswegen in Panik geraten.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.06.2015, 22:33 Uhr)

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