Verlierer des freien Personenverkehrs

Geht es nur um den Lohn, fällt die Bilanz nach elf Jahren Personenfreizügigkeit mit der EU für den gut ausgebildeten Mittelstand durchzogen aus.

Wenn Fachkräfte aus dem Ausland zuwandern, wirkt sich das negativ auf die Löhne des Mittelstands aus.

Wenn Fachkräfte aus dem Ausland zuwandern, wirkt sich das negativ auf die Löhne des Mittelstands aus. Bild: Reuters

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Es sind Buchhalter, Marketingfachleute oder Architekten. Sie haben eine höhere Ausbildung, eine feste Stelle und stehen finanziell gut da. Und doch wächst bei einem Teil von ihnen das Unbehagen. Nicht zuletzt an sie, die Mittelständler mit latenter Abstiegsangst, richtete sich deshalb Johann Schneider-Ammann, als er beim Kampagnenstart zur SVP-Initiative «Gegen Masseneinwanderung» verkündete: «Es gibt keinen generellen Lohndruck.»

Doch die Realität ist komplexer. Spricht man vom Mittelstand mit seinen Chemikern, Versicherungsangestellten und Ingenieuren, lässt sich ein gewisser Lohndruck als Folge der Personenfreizügigkeit nicht leugnen. Das sagen nicht die Gegner des freien Personenverkehrs mit der EU. Das besagen Studien, die der Bundesrat in Auftrag gegeben hat.

Die jüngste Auswertung stammt von der Uni Genf. Sie macht vor allem eine Gruppe von Verlierern des freien Personenverkehrs aus: jüngere Angestellte mit tertiärer Ausbildung. Dazu gehören Universitäts- und Fachhochschulabsolventen sowie Personen mit einer höheren Berufsausbildung. Ihre Löhne hätten sich zwischen 2004 und 2010 ohne Personenfreizügigkeit je nach Berufserfahrung besser entwickelt, sagen die Forscher: um 1 Prozent bei einer Berufserfahrung von sechs bis zehn Jahren, um 1,6 Prozent bei einer Erfahrung von 11 bis 15 Jahren. Auch wenn die Genfer Forscher um Professor Tobias Müller betonen, dass ihre Simulation die negativen Auswirkungen des Freizügigkeitsabkommens auf die Löhne tendenziell überschätzt: Zu ähnlichen Schlüssen waren zuvor auch Ökonomen der Universität Bern gekommen. Die Reallöhne der über eine Million hoch qualifizierten Schweizer wären gemäss ihrer Studie zwischen 2002 und 2008 um 1,9 Prozentpunkte stärker gestiegen.

Tiefere Einstiegslöhne

Was die Ökonomen anhand von Modellen berechnet haben, spiegelt die Erfahrungen aus der Praxis wider. «Unsere Leute spüren die lohndämpfende Wirkung der Personenfreizügigkeit», sagt Ingo Boltshauser vom KV Schweiz. «Für sie gibt es aber keine flankierenden Massnahmen.» Vergleichbar ist die Wahrnehmung von Stefan Studer. «Die Löhne für Fachkräfte sind stark unter Druck geraten», sagt der Geschäftsführer von Angestellte Schweiz. Der Dachverband vertritt die Interessen der Beschäftigten in der Pharmabranche sowie der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Viele der Angestellten sind im mittleren Lohnsegment beschäftigt, wo Gesamtarbeitsverträge mit Mindestlohnvorschriften fehlen. «Bei diesen Angestellten geht es nicht darum, dass in Gesamtarbeitsverträgen festgeschriebene Mindestlöhne unterboten werden», sagt Studer. «Es geht darum, dass ein Neueinsteiger 6000 Franken verdient, während sein Vorgänger noch 7000 Franken erhalten hat.» Daran sei nichts Illegales, betont er. «Doch es ist Realität».

Den Abschlag bei Neueinstellungen hat eine Studie der Uni St. Gallen festgestellt. Einheimische Uni-Abgänger mussten demnach zwischen 2004 und 2008 vorab in den Zentralregionen Lohnabschläge von bis zu 5 Prozent hinnehmen. Betroffen sei etwa die Kredit- und Versicherungsbranche. «Mangels alternativer plausibler Erklärungen» wertet die Studie diese Entwicklung als Effekt der Personenfreizügigkeit.

Aufschlussreich ist auch ein Blick auf die tatsächliche Entwicklung der Reallöhne. Gemäss der Studie der Uni Genf haben zwischen 2004 und 2010 die Reallöhne der tertiär Ausgebildeten im unteren Lohnsegment stagniert. Profitiert haben unter den Hochschulabsolventen seit 2004 die Besserverdienenden. Bei ihnen wiederum gilt: je höher der Lohn, desto stärker der Anstieg seit 2004. Erst ab einem Lohn von gut 8000 Franken ist der Reallohn um mehr als zwei Prozent angestiegen.

«Wer fachlich gut qualifiziert ist, jedoch keine Führungsfunktion aufweist, machte beim Lohn keine grossen Sprünge», sagt Patrik Schellenbauer von Avenir Suisse. Der Ökonom hat sich für die Studie «Der strapazierte Mittelstand» mit der Lohnentwicklung in den letzten Jahren auseinandergesetzt. Längerfristig, sagt Schellenberg, eröffne der freie Personenverkehr den qualifizierten Inländern durchaus neue Perspektiven. Kurzfristig jedoch würde gerade akademisch gebildetes Fachpersonal durch die qualifizierten Einwanderer aus der EU konkurrenziert. Das bleibe nicht ohne Folgen für das Einkommen.

«Mit der Personenfreizügigkeit spielt der Markt», sagt auch Ruth Derrer Balladore vom Arbeitgeberverband. Zuvor hätten in gewissen Branchen wie etwa der Informatik regelrechte Fantasielöhne bezahlt werden müssen. «Eine Korrektur war hier überfällig.»

«Verzerrte Wahrnehmung»

Was aber sowohl Schellenbauer wie auch die Forscher von der Universität Genf betonen: Die bescheidene Entwicklung der Reallöhne für gut Ausgebildete im Segment von 5000 bis 8000 Franken ist bloss partiell auf die Personenfreizügigkeit zurückzuführen. Ebenfalls ins Gewicht fällt der technologische Wandel und das mit diesem verbundene Phänomen der «Routinisierung»: Arbeitskräfte, die qualifizierte Routinetätigkeiten erledigen, werden durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien ersetzt. Als Beispiel nennt Schellenbauer etwa repetitive Tätigkeiten in Bereichen wie dem Rechnungswesen.

Der Lohndruck unter den gut Ausgebildeten hat daneben noch einen geschlechtsspezifischen Aspekt. Gemäss der Genfer Studie ist er teilweise auf den steigenden Frauenanteil unter den tertiär Ausgebildeten zurückzuführen. Während 2004 noch ein Viertel der Beschäftigten mit tertiärem Bildungsabschluss Frauen waren, machen die Frauen 2010 bereits ein Drittel aus. Frauen aber, so heisst es im Bericht, würden weniger als ihre männlichen Arbeitskollegen verdienen.

Im oberen Mittelstand mit Löhnen über 8000 Franken ortet man bei Avenir Suisse dagegen eine Art Phantomschmerz. «Viele Angestellte haben das Gefühl, zurückzufallen, obwohl sich ihre Position absolut gesehen gar nicht verschlechtert hat», sagt Patrik Schellenbauer. Das Unbehagen habe hier einen anderen Grund. Die Spitzenverdiener hätten beim Lohn deutlich mehr zugelegt. «Das führt zu einer verzerrten Wahrnehmung und Abstiegsängsten.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.12.2013, 08:07 Uhr)

Unterschiedliche Auswirkungen der Personenfreizügigkeit (FZA)auf die Reallöhne. Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

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Lohnentwicklung

Vorwurf der Schönfärberei
Studien über die Folgen der Personenfreizügigkeit sind längst zum Politikum geworden. Vor zwei Jahren warf die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats dem Bundesrat vor, die Entwicklung bei den Löhnen schönzureden. Sie stützte sich bei diesem Verdikt auf eine Studie von Fred Henneberger und Alexandre Ziegler von der Universität St. Gallen. Für die beiden Ökonomen «fällt die Bilanz der Personenfreizügigkeit in den offiziellen Stellungnahmen viel zu einseitig positiv aus». Die Lohnentwicklung sei «stark vom Angebotsdruck» aus den EU-Staaten beeinflusst.

Der Bundesrat konterte die Vorwürfe, indem er den St. Galler Autoren methodische Mängel vorwarf und gleichzeitig an der Uni Genf eine neue Studie in Auftrag gab. Diese wurde im Februar 2013 veröffentlicht und verneinte – wie zuvor etwa eine Untersuchung von George Sheldon von der Universität Basel – einen flächendeckenden Lohndruck.

In der offiziellen Sprachregelung der Behörden hängt die Lohnentwicklung auch nach Einführung der Personenfreizügigkeit von der Konjunktur ab – und nicht vom Angebot an zusätzlichen Arbeitskräften aus der EU. Als Beleg hierfür dient dem Bundesrat, dass die Reallöhne seit Einführung des freien Personenverkehrs pro Jahr durchschnittlich um 0,6 Prozent gewachsen sind. Im Jahrzehnt zuvor habe das Wachstum bloss 0,2 Prozent betragen. Die 90er- Jahre waren allerdings, wie auch der Bundesrat einräumt, «durch eine lange Stagnationsphase mit hoher Arbeitslosigkeit» gekennzeichnet.

Was der Bundesrat auch betont: Für schlecht qualifizierte einheimische Arbeitskräfte zahlt sich die Personenfreizügigkeit aus. Sie werden von den mehrheitlich gut qualifizierten Zuwanderern weniger konkurrenziert und profitieren vom politischen Abwehrdispositiv gegen Lohndumping. Zudem verstärkt die Zuwanderung von Hochqualifizierten die Nachfrage nach verschiedenen einfachen Dienstleistungen. Gemäss der Genfer Studie wuchsen die Löhne von Angestellten ohne Berufslehre dank der Personenfreizügigkeit um 1,1 Prozent. Stefan Schürer, Bern

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