Wirtschaft
WEF-Chef: Maximales Gewinnstreben schadet der Welt
Von Klaus Schwab. Aktualisiert am 22.10.2008
In der Retrospektive sind wir alle überrascht, dass es so weit kommen konnte, aber seien wir ehrlich: Die warnenden Stimmen, selbst von Insidern wie George Soros, waren seit langem vorhanden, und das World Economic Forum warnte in seinem «Global Risk Report» der Anfang 2008 veröffentlicht wurde, genau vor diesen Risiken, die jetzt zum Zusammenbruch des Systems führten.
In meinem Eröffnungsvortrag im Januar dieses Jahres in Davos sprach ich von einer schizophrenen Welt und davon, dass wir noch für unsere Sünden zahlen müssen. Der Grund, dass die Zeichen an der Wand nicht wahrgenommen wurden, lag nicht nur am Syndrom der Verdrängung unangenehmer Tatsachen, sondern auch daran, dass sich niemand wirklich fähig und verantwortlich fühlte, zu handeln.
Fehlende Weitsicht der G-7
Unser multilaterales, institutionelles System, das in der Mitte des letzten Jahrhunderts gestaltet wurde, war entweder nicht bevollmächtigt oder nicht kompetent genug, sich mit den Herausforderungen eines überbordenden globalen Finanzsystems zu beschäftigen. Und die einzelnen Regierungen wollten sich aus nationalem Interesse oder aus ideologischen Gründen nicht mit einer im Grunde überfälligen Initiative zu einer restriktiven globalen Finanzstruktur hervortun. Die G-7, der Gipfel der führenden Industriestaaten, und der Internationale Währungsfonds haben hier nicht die notwendige Weitsicht gezeigt.
Jetzt, nachdem das nicht Vorhandensein von Ordnungsfunktionen von vielen Akteuren bewusst oder unbewusst zum Nachteil der Allgemeinheit ausgenutzt wurde und riesengrosser Schaden für die Volkswirtschaften und leider auch für jedermann entstanden ist, kommt es zu «Finanzgipfeln», auf denen die längst fälligen Regeln geschaffen werden sollen. Ob wir dabei wirklich eine «Weltengemeinschaft» herstellen können, die das optimale Gleichgewicht zwischen notwendiger Reglementierung und der Erhaltung unternehmerischer Dynamik findet, wird sich zeigen. Gerade in einer beginnenden Rezessionsphase ist es zur Erhaltung von Arbeitsplätzen mehr denn je notwendig, den Motor der realen Wirtschaft, die ja durch die Kreditverknappung zu den besonders Leidtragenden dieser Finanzmisere gehört, nicht abzuwürgen.
Regeln sind wichtig
Regelungen sind für die Zukunft der Weltwirtschaft lebenswichtig, aber nicht hinreichend. Diese Krise hat uns nicht nur unsere gegenseitige globale Abhängigkeit vor Augen geführt, sondern auch die Tatsache, dass Wirtschaft und Gesellschaft eng miteinander verwoben sind - oder im Klartext, dass die Wirtschaft nicht ein eigenständiges oder sogar abgehobenes Gebilde ist, sondern dass Wirtschaften der Gesellschaft dienen muss. Wir müssen jetzt jedoch darauf achten, dass die Massnahmen, die zur Eindämmung der Krise ergriffen werden, nicht der Innovationskraft der realen Wirtschaft Schaden zufügen.
Ich schuf das World Economic Forum auf der Basis der StakeholderTheorie, die ich im Gründungsjahr 1971 in einem Buch beschrieb. Die Stakeholder-Theorie, die nun seit bald 40 Jahren auch meine Lebensphilosophie ist, besagt: Das Management eines Unternehmens muss all denen dienen, die mit dem Unternehmen verbunden sind, und nicht nur den Shareholder, also den Aktionären. Dies bedeutet aber auch, dass das Management das Unternehmen als Treuhänder aller Beteiligten führt und nicht nur als Beauftragter der Aktionäre - mit dem Ziel, das langfristige Gedeihen des Unternehmens sicherzustellen, bei sorgfältiger Abwägung aller Chancen und Risiken.
Die Folgen des Bonusspiels
Diese umfassende professionelle Rolle des Managements ist aber in den letzten Jahren durch Bonus- und andere Systeme, die das Management an das kurzfristige Interesse der Shareholder gebunden haben, ausgehöhlt worden. Maximales Gewinnstreben hat die langfristige Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit mehr und mehr als Ziel abgelöst.
Ich habe diese Pervertierung des professionellen Ethos des Managementberufs oft mit folgendem Beispiel charakterisiert: Als ich mich vor einigen Jahren einer Operation unterziehen musste, wusste ich, dass meine zukünftige Lebensqualität wesentlich von der Qualifikation des Chirurgen abhängen würde. Dementsprechend versuchte ich natürlich den Experten zu finden, der fachlich am besten ausgewiesen war. Dabei nahm ich selbstverständlich an, dass ich in den Händen eines Arztes war, der sein bestes professionelles Können geben würde, ohne zu argumentieren, dass er zusätzlich zu seinem Honorar an meinem zukünftigen Einkommen beteiligt sein möchte, da dieses ja von seiner Kunst abhängig sein werde.
Wir brauchen also in Zukunft wieder eine Philosophie des Managements, die sich auf professionelle Ethik und nicht auf maximales Gewinnstreben abstützt. Natürlich sind hochqualifizierte Führungskräfte im internationalen Wettbewerb hochbezahlt, aber gerade Führungskräfte mit der entsprechenden moralischen Qualifikation sollten in jeder Situation ihr Bestes geben - was viele auch tun. Ohne dass es dazu noch einen zusätzlichen substanziellen Gewinnanreiz, sprich Bonus, braucht. Vielleicht braucht es eben für Manager - wie für Ärzte - eine Art hippokratischen Eid, der diese Gesamtverpflichtung beinhaltet. Wenn wir die gesellschaftliche und langfristige Gesamtverpflichtung der Unternehmensführung nicht wieder in der gesamten Wirtschaft herstellen, werden neu geschaffene Regeln auch nicht helfen. Denn Schlupflöcher gibt es immer.
Aktionismus birgt Gefahr
Gerade in einer Krisenzeit, in der es darum geht, den durch die Fehler der Vergangenheit entfachten Tornado zu bremsen und noch grössere Schäden abzuwehren, dürfen wir nicht in einen oberflächlichen Aktionismus verfallen, sondern müssen das grundsätzliche Problem orten und unser Verhalten ändern. In diesem Sinne sollte die jetzige Krise hoffentlich transformatorischen Charakter haben.
Wesentlich ist für die nahe Zukunft der Aufbau einer wirklichen globalen Partnerschaft, nicht nur zur Bewältigung negativer Auswirkungen von Finanzinstrumenten, sondern auch zur Erzielung echter Fortschritte bei all den anderen globalen Herausforderungen, wie in den Bereichen der Klimaveränderung, der Armutsbekämpfung, des Gesundheitswesens und bei anderen dringenden Themen. Heute besteht die grosse Gefahr, dass diese anderen epochalen Fragen auf die Nebenbank geschoben werden, mit genauso katastrophalen Folgen, wie das bei der Verdrängung der Finanzkrise geschehen ist.
Es braucht eine Verpflichtung
Zur erwünschten Konsequenz der Krise gehört aber auch die bewusste Verpflichtung auf eine Unternehmensethik, deren Grundlage das umfassende, langfristige Stakeholder-Prinzip und nicht das einseitige, kurzfristige Shareholder-Prinzip ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.10.2008, 06:56 Uhr
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