Was Jugendliche wirklich filmen

Christian Ritter hat für eine Studie unzählige Handys untersucht. Sex, Crime oder verwackelte Konzerte? Im Interview verrät er, was Teenager mit der Kamera interessiert.

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Für eine breit angelegte Studie der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste, die vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wird, hat ein Team von Forschern rund 300 Handyfilme von Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren untersucht. Im Gespräch erläutert Projektmitarbeiter Christian Ritter die Resultate.

Herr Ritter, viele Eltern fürchten sich davor, dass ihre Kinder durch den Gebrauch von Smartphones mit Pornografie überflutet werden. Zu Recht?
Es ist normal und auch nicht neu, dass mit dem Aufkommen neuer Medien auch Ängste verbunden sind. Auch haben unkonforme, verbotene oder als gefährlich erachtetet Inhalte die Frühphase vieler Medien begleitet. Es ist klar, dass dies auch bei Handyfilmen so ist, zumal Jugendliche das Medium zur Erkundung und Konstruktion ihrer Identitäten nutzen. Dazu gehört auch der Umgang mit Geschlecht und Sexualität.

Das ist nicht problematisch? Die Videos können ja unzählige Male im Internet geteilt werden.
Es gibt Einzelfälle, wie etwa das Ice-Tea-Video, in dem eine junge Frau sexuelle Handlungen mit einer Pet-Flasche vornimmt, mit drastischen Folgen. Tatsächlich hatten aber nur Einzelne der von uns befragten Jugendlichen angegeben, pornografische Inhalte auf ihrem Handy zu speichern. Oder sich überhaupt dafür zu interessieren.

Was schauen sie dann auf ihren Handys?
Vor allem selbst gedrehte Filme oder gestreamte Clips aus dem Netz. Das kann auch mal pornografisch sein, aber nicht zur sexuellen Erregung. Denn es geht um den Unterhaltungswert, also um Filme, die komische oder groteske Situationen zeigen. Die Befragten gaben an, sie hätten es weder nötig, sich selbst zu filmen, noch ihre sexuelle Aktivität gegenüber ihren Kollegen und Kolleginnen zu beweisen. Zudem haben sie ein grosses Bewusstsein dafür, was angemessene und erlaubte Filme sind – und was nicht.

Auch das sogenannte «Happy Slapping» bezeichnen Sie als out. Was ist das genau?
Als «Happy Slapping» wurden Mitte der Nullerjahre Vorfälle bezeichnet, bei denen zumeist Jugendliche Schlägereien mit unbeteiligten Personen anzetteln, nur damit sie diese mit dem Handy filmen können.

Warum sind Sie sich so sicher, dass es eher ein Medienphänomen als die Realität ist?
Man muss unterscheiden zwischen den Diskursen der Massenmedien und denen der Jugendlichen. Im Mai 2005 berichteten die Medien in der Schweiz zum ersten Mal von solchen Vorfällen in England und übernahmen den englischen Ausdruck. Einen Monat später wurde dann zum ersten Mal ein ähnlicher Vorfall in der Schweiz als «Happy Slapping» bezeichnet. Die realen Vorkommnisse wurden von Medien gepusht und dadurch auch attraktiv für die Nachahmung. Aber wie bei der Pornografie gilt auch hier: Solche Vorfälle sind zwar tragisch, die Berichterstattung zum Thema stellt aber nur einen verschwindend kleinen und sehr extremen Teil dessen dar, was Jugendliche mit dem Handy filmen und anschauen.

Handys mit integrierter Kamera sind heute in der Schweiz praktisch flächendeckend verbreitet. Was hat das für Auswirkungen auf das Leben von Teenagern?
Vieles, was heute mit dem Handy gemacht wird, ist in den Grundzügen nicht unbedingt neu, sondern wurde auch von früheren Generationen von Jugendlichen praktiziert – man denke etwa an die Nachmittage, die Jugendliche in und vor Fotoautomaten verbracht haben. Handys mit integrierter Kamera haben die Möglichkeiten der Kommunikation und Selbstdokumentation stark erweitert. Zum einen sind sie jederzeit verfügbar, es kann also praktisch jede Situation – angetroffen oder inszeniert – in die mediale Identitätskonstruktion eingebaut werden.

Wenn man Filme und Fotos auf den sozialen Netzwerken anschaut, scheint es, die Motive werden immer banaler. Stimmt das?
Das lässt sich nicht mit ja oder nein beantworten. Was für Erwachsene bedeutsam erscheint, kann für Jugendliche belanglos sein – und umgekehrt. Man wundert sich über die Menge und das Tempo der produzierten Bilder, vergisst aber, dass auch mit deren Herstellung und Verteilung soziale Beziehungen gepflegt werden.

Trotzdem. Verursacht die unglaubliche Bildflut nicht eine Inflation der Erinnerungen?
Das muss nicht sein. Handyfilme sind allein noch keine Erinnerungen, sie können aber Erinnerung hervorbringen – und so auch helfen, soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten, zu stärken.

Warum dokumentieren Jugendliche fortwährend? Was ist der Nutzen?
Jugendliche filmen ihren Alltag ja nur bei bestimmten Gelegenheiten, die für sie und ihre Gruppe interessant und von Bedeutung sind. Das können traditionelle Situationen wie etwa Familienfeste oder Zoobesuche sein, aber auch neue Situationen wie S-Bahn-Fahren. Oft werden Handyfilme im Nachhinein auch kaum noch angeschaut oder nur unmittelbar danach.

Was ist dann der Sinn davon?
Der Weg ist quasi das Ziel. Der gemeinsame Akt des Filmens und Fotografierens.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.12.2013, 13:00 Uhr)

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Christian Ritter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theorie an der Zürcher Hochschule der Künste. Dort hat er auch zuvor Medientheorie und Kulturwissenschaften studiert. Derzeit forscht er am Nationalfondsprojekt über Handyfilme «künstlerische und ethnographische Zugänge zu Repräsentationen jugendlicher Alltagswelten».

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