Zweite Chance für Schweizer Start-ups

Start-ups kämpfen mit steuerlichen Nachteilen. Ein Vorschlag von SP-Nationalrätin Badran hätte das geändert. Doch wurde er versenkt. Nun wollen ihn einige Bürgerliche retten.

Steuernachteil trotz grossem Risiko: Gründer von Jungfirmen stecken viel Zeit und Geld in die eigene Firma.

Steuernachteil trotz grossem Risiko: Gründer von Jungfirmen stecken viel Zeit und Geld in die eigene Firma. Bild: Reto Oeschger

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Silicon Valley war gestern. Die Gegend rund um die Bucht von San Francisco brachte zwar so bekannte Konzerne hervor wie Apple, Facebook oder Uber. Doch inzwischen locken andere Standorte kreative Firmengründer ebenso erfolgreich an. Zu den Aufsteigern gehören neben New York, London, Berlin oder Tel Aviv auch Toronto und Vancouver. Die kanadischen Metropolen punkten unter anderem mit einer Politik, die Jungunternehmen fördert.

Ein Mittel der Kanadier: ein Start-up-Visum. Wer in Kanada eine Firma gründen will, eine gute Ausbildung hat, sein Leben finanzieren kann, eine Landessprache beherrscht und umgerechnet mindestens 53'000 Franken Kapital von kanadischen Investoren vorweisen kann, darf sich niederlassen, um sein Projekt zu verwirklichen. «Tolle Idee», dachte sich der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser und reichte eine Motion ein, die das auch für die Schweiz fordert.

Noser ist enttäuscht

Der Politiker ist überzeugt, dass man so «die besten Talente in die Schweiz locken» und ihnen eine unbürokratische Möglichkeit bieten könnte, hier ein Start-up zu gründen. «In den USA, in Paris, in Berlin – überall ist es viel einfacher», so Noser. Doch seine Ratskollegen folgten ihm nicht. Gestern wurde die Motion im Ständerat mit 20 zu 13 Stimmen bei 7 Enthaltungen abgelehnt. «Ich bin wirklich enttäuscht», sagt Noser.

Europäer könnten bereits heute problemlos in der Schweiz ein Start-up gründen, sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga im Rat. Für Gründer aus anderen Ländern gebe es zudem Kontingente. Genau das ist aber ein grosses Problem für Jungunternehmen. «Wir wollten eine Spitzenkraft aus den USA zu uns holen», erzählt Andreas Guggenbühl vom Zürcher Start-up Selfnation, das massgeschneiderte Jeans übers Internet vertreibt. «Doch die bürokratischen Hürden waren viel zu hoch», so der Unternehmer.

Ein Grossunternehmen wie Google habe vielleicht die Kapazitäten, um so etwas durchzuziehen, ein KMU könne das nicht, sagt Guggenbühl. «Dabei geht es hier um Spezialisten, die man sonst nicht findet. Die nehmen niemandem einen Job weg», so der Jungunternehmer weiter. Selfnation musste auf die Anstellung des Amerikaners verzichten. Auch bei indischen Experten biss das Unternehmen schon auf Granit. Die gleiche Klage hört man von vielen expansionswilligen Firmen.

«Wir wollten eine Spitzenkraft aus den USA zu uns holen. Doch die bürokratischen Hürden waren viel zu hoch.Andreas Guggenbühl, Unternehmer

Es ist nicht das einzige Problem, mit dem sich Jungunternehmen herumschlagen und vor dem die Politik die Augen bisher verschliesst. Weil sie knapp bei Kasse sind, bezahlen viele Jungfirmen ihre Mitarbeiter mit Anteilen. Finden sie zusätzliche externe Investoren, bekommen die Angestellten ein Problem. Gewisse Steuerämter wollen dann diese Anteile zum Preis versteuern, der in der Finanzierungsrunde bezahlt wurde. Dieser Preis beruht vorerst vor allem auf Zukunftshoffnungen und widerspiegelt das Vertrauen ins Start-up. Auf dem Papier ist das Personal plötzlich reich, obwohl es oft wenig verdient.

Entscheid sorgt für Irritation

Diese steuerliche Praxis wird schon seit längerem von Jungunternehmen kritisiert. Die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran hat darum einen Vorstoss eingereicht, der diesen Missstand beheben sollte. Doch auch der wurde vom Parlament diese Woche mit 116 zu 59 Stimmen versenkt. Es waren vor allem bürgerliche Politiker, die gegen die Entlastung der Start-ups stimmten. Die SVP lehnte die Vorlage mehrheitlich ab. Unter anderem stimmte Unternehmerin Magdalena Martullo-Blocher gegen den Vorschlag der SP-Politikerin. Dies, obwohl sie die entsprechende parlamentarische Initiative sogar mitunterzeichnet hatte. «Partei­politische Absichten werfen eine solide Vorlage für Jungfirmen um Jahre zurück», kommentiert Badran.

Der Entscheid sorgt für Irritationen. Marcel Dobler, St. Galler FDP-Nationalrat und als Gründer des Onlinehändlers Digitec einst selbst Jungunternehmer, findet ihn unverständlich. Der Vorstoss der SP-Kollegin sei richtig, es gebe bei gewissen Themen keinen Graben zwischen links und rechts. Der Luzerner SVP-Nationalrat und Unternehmer Franz Grüter bedauert ebenfalls, dass die Badrans Idee nicht angenommen wurde. «Wäre der Vorschlag von einer anderen Person gekommen, hätte er bessere Chancen gehabt.»

Dobler beschwichtigt aber. Im schlimmsten Fall habe man etwas Zeit verloren. Es könne sein, dass schnell eine neue Lösung für das Problem gefunden werde. Darauf hofft auch Badran. Sie zählt auf den Ständerat. Dort dürfte ihr Lösungsvorschlag nächste Woche erneut eingereicht werden. Wenn das nicht passiert, will Dobler zusammen mit weiteren Ratskollegen im Nationalrat einen eigenen Vorstoss zum Thema lancieren. Er werde sich dafür einsetzen, dass das Thema von einem anderen Ratsmitglied noch einmal aufgenommen werde, sagt auch Grüter. Dann werde es wohl möglich sein, die Mittepolitiker davon zu überzeugen. «Ich würde es bedauern, wenn es auf die lange Bank geschoben wird», so der Innerschweizer SVP-Vertreter. Die Schweiz verliere für Jungunternehmen an Attraktivität, wenn nicht etwas unternommen werde.

Zürich abgeschlagen

Die Statistik gibt Grüter recht. Gemäss Zahlen des Beratungsunternehmens EY liegt die Schweiz, gemessen am Volumen der Risikokapitalinvestitionen, in Europa nach Grossbritannien, Deutschland, Frankreich, Schweden, Irland, den Niederlanden und Spanien nur auf dem achten Rang. Zürich befindet sich zudem weder nach Anzahl Investitionsrunden noch nach Volumen unter den ersten zehn Hotspots für Start-ups. An der Spitze liegen London, Paris, Berlin, Stockholm und Amsterdam.

Nationalrat Dobler glaubt trotz des Doppelschlags gegen Start-ups in der laufenden Session nicht, dass sie in Bern automatisch einen schweren Stand haben. Es gelinge ihnen aber nicht, konstruktiv auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Das liege auch daran, dass sie stark beansprucht sind. «Jungfirmen ­haben keine Zeit, auf den politischen Prozess zu warten. Sie kümmern sich um das Hier und Jetzt», so Dobler. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2017, 18:45 Uhr

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