Ärztenetzwerke: Die Migros ist mit ihren Ausbauplänen nicht allein

Experten sehen die Einzelpraxis als Auslaufmodell, vor allem junge Ärzte schliessen sich Gruppenpraxen an. Anbieter wie Medix oder Medgate wollen deshalb ebenfalls expandieren.

Der Hausarzt als Einzelkämpfer gerät zunehmend unter Druck:  Blutentnahme in einer Zürcher Gruppenpraxis. Foto: Reto Oeschger

Der Hausarzt als Einzelkämpfer gerät zunehmend unter Druck: Blutentnahme in einer Zürcher Gruppenpraxis. Foto: Reto Oeschger

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Gruppenpraxen sind auf dem Vormarsch. Immer mehr Ärzte schliessen sich zu einem Netzwerk zusammen oder arbeiten für ein Gesundheitszentrum. Zu den prominenten Playern in diesem Bereich gehört die Migros. Nun will das Unternehmen seinen Anteil weiter ausbauen. Laut der Zeitung «Ostschweiz am Sonntag» will der Detailhändler über seine Tochter Medbase 22 Gesundheitszentren namens Santémed von der Krankenkasse Swica übernehmen. Die Migros wollte auf Anfrage des Tagesanzeiger.ch/Newsnet keine Stellung dazu nehmen.

Der Umstand, dass Gruppenpraxen in der Hausarztmedizin stärker in den Fokus rücken, hat diverse Gründe. «Die Praxis mit einem einzigen Arzt ist ein Auslaufmodell», sagt Gesundheitsökonom Willy Oggier. Die jungen Ärzte hätten wenig Lust, sich für Notfälle 24 Stunden zur Verfügung zu halten. Vielmehr möchten die Nachwuchsmediziner vermehrt Teilzeit arbeiten, insbesondere die Frauen. Gleichzeitig gerate die Hausarztmedizin wirtschaftlich unter Druck. «Mit der Überarbeitung des Ärztetarifs Tarmed, die derzeit im Gang ist, besteht die Gefahr eines tieferen Einkommens für die Ärzteschaft», sagt Oggier.

Migros gehört Mehrheit an Medbase

Die Gruppenpraxis sei ein Lösungsansatz für diese Probleme. Der Hausarzt als klassisches Einzelunternehmen werde so zum Angestellten einer Gruppenpraxis oder eines Gesundheitszentrums. Mit diesen liessen sich sowohl die Kosten als auch die Risiken teilen, etwa wenn es um die Anschaffung teurer medizinischer Geräte wie eines Röntgenapparates gehe, sagt Oggier weiter. Aber auch beim Einkauf von Medikamenten, Verbandsmaterial oder in der ganzen administrativen Abwicklung können Einsparungen erzielt werden.

Vieles spricht also für Gruppenpraxen, daher erstaunt die Expansionslust der Migros nicht. Im Jahr 2010 hat das Unternehmen die Mehrheit an Medbase übernommen, die mittlerweile an über einem Dutzend Standorten Gesundheitszentren unterhält und mit den Fitnessclubs der Migros zusammenarbeitet. Inzwischen besitzt der Detailhändler 70 Prozent an Medbase.

Eine Firma mit ganz ähnlichem Namen möchte ebenfalls expandieren. Medgate, ursprünglich als Telemedizin-Anbieter gross geworden, will nun vermehrt auch Gesundheitszentren eröffnen. «Wenn wir Patienten am Telefon nicht weiterhelfen können, verweisen wir sie an einen Arzt», sagt Sprecher Cédric Berset. Deshalb habe Medgate zwei Zentren eröffnet, eines in Zürich-Oerlikon und eines in Solothurn. Daneben besteht eine Zusammenarbeit mit der Migros-Tochter Medbase. Dennoch seien weitere Zentren nötig, um den Kunden ein flächendeckendes Angebot zu bieten. Konkrete Pläne seien aber noch nicht spruchreif, sagt Berset.

Medix plant vier neue Praxen

Ausbauen will auch das Ärztenetzwerk Medix in Zürich. In den nächsten drei Jahren sollen vier neue Praxen eröffnet werden, darunter in Altstetten und in Schwamendingen, wie Felix Huber, ärztlicher Leiter von Medix Zürich, sagt. Ein Überangebot werde dadurch nicht geschaffen. «Schliesslich gibt es auch in der Stadt Zürich Ärzte mit Einzelpraxen, die keinen Nachfolger finden.» Diese könnten auch in eine der neuen Praxen integriert werden, sagt Huber.

Ob Migros oder andere private Investoren als Besitzer von Gruppenpraxen Erfolg haben werden, stellt Huber infrage. Ärzte würden Gesundheitszentren bevorzugen, die von Medizinern und nicht von Finanzinvestoren geführt würden. Medix dagegen erhalte gar Bewerbungen von Ärzten, ohne dass explizit eine Stelle ausgeschrieben sei.

Umstrittene Rabatte

Strittig ist die Frage, ob Krankenversicherungen Eigentümer von Gruppenpraxen sein sollen, wie dies bislang bei der Swica der Fall war. Eine Krankenkasse, die an tiefen Kosten interessiert sei, sollte keine eigenen, umsatzgetriebenen Arztpraxen führen, sagt Felix Schneuwly, Krankenkassenexperte beim Vergleichsdienst Comparis. Andere Krankenversicherer wollen von diesem Interessenkonflikt nichts wissen. So besitzt etwa die Concordia zusammen mit der Sanitas 13 Gruppenpraxen unter dem Namen Sanacare. «Es bestehen zurzeit keine Überlegungen, unsere Beteiligung an Gruppenpraxen abzustossen», sagt Stephan Kotyczka, Leiter Marketing bei Concordia.

Wiederholt für Diskussionen sorgt zudem das Thema Rabatte, die Ärztenetzwerke etwa beim Kauf von Medikamenten aushandeln. Bis heute ist unklar, welcher Teil bei den Netzwerken bleibt und wie viel Geld die Krankenkassen und somit die Prämienzahler erhalten. Kritiker dieser intransparenten Geldflüsse wie etwa Experte Schneuwly oder linke Parlamentarier fordern hier mehr Transparenz – bisher vergeblich.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.09.2015, 23:24 Uhr)

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