Die komfortable Lage der SNB

Der Euro hat sich der Untergrenze erneut angenähert. Droht der Nationalbank deswegen Gefahr? Nein, sagen Experten. Kurzfristig spielt die Entwicklung der SNB sogar in die Hände.

Kein Grund zur Panik: SNB-Spitze um Präsident Thomas Jordan.

Kein Grund zur Panik: SNB-Spitze um Präsident Thomas Jordan. Bild: Keystone

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1.2063 Franken – dies war der Euro-Franken-Kurs heute Vormittag um 11 Uhr. SNB-Präsident Thomas Jordan ist gewiss über diesen Stand orientiert. Bei der Schweizerischen Nationalbank wird jede Eurobewegung um Zehntel- und Hundertstelrappen registriert. Seit der Einführung des Mindestkurses gibt es für die SNB nur ein Ziel: Die Untergrenze von 1.20 muss verteidigt werden.

Kein Wunder, ist in den letzten Tagen mediale Nervosität aufgekommen. Der Euro hat sich der Marke deutlich angenähert. Vor exakt einer Woche war er bei 1.2110 Franken, vor zwei Tagen betrug der Kurs noch 1.2080. Spitzt sich die Lage weiter zu? Muss die SNB erneut intervenieren und Euros kaufen, so wie sie es zwischen September 2011 und September 2012 getan hat? Innert 12 Monaten sind die Währungsreserven der Nationalbank damals um rund 150 Milliarden Franken angeschwollen.

Die Franken-Trutzburg

Aktuell deutet wenig darauf hin. Die SNB habe sich eine starke Reputation erarbeitet, sagen Spezialisten übereinstimmend. Thomas Jordans Wort gilt am Markt, wie Ökonom David Marmet von der Zürcher Kantonalbank sagt. «Es braucht enormen Mut, die Untergrenze der SNB zu testen.» Im Kampf gegen Spekulanten sitzt die SNB prinzipiell am längeren Hebel. Sie muss keine Flucht aus dem Franken, sondern eine Flucht in die heimische Währung verhindern. Dazu sind unbegrenzt Mittel vorhanden.

Die Untergrenze kann verteidigt werden: An dieser Ausgangslage dürfte sich vorerst wenig ändern. Zwar lässt die Erholung im Euroraum weiter auf sich warten, sodass sich der Zeithorizont für eine Aufhebung des Mindestkurses weiter in die Zukunft verschiebt. Die Untergrenze dürfte mindestens bis 2016 gelten, meint etwa ZKB-Ökonom Marmet. «Vorher kann sich die Europäische Zentralbank kaum Gedanken über eine geldpolitische Straffung machen.»

Dollarstärke erhöht den Gewinn

Für die SNB ist diese zeitliche Verschiebung unproblematisch, solange die hiesige Wirtschaft nicht überhitzt. Dies war trotz expansiver Geldpolitik bislang nicht der Fall, wie Maxime Botteron, Ökonom bei der Credit Suisse, sagt. «Es gibt weiterhin keine Anzeichen dafür, dass sich die Nationalbank sorgen um die Inflation machen müsste.» Gemäss der letzten SNB-Schätzung liegt die Inflation auch 2017 noch unter 1,5 Prozent. Vorgabe an die Notenbanker ist ein Ziel zwischen 0 und 2 Prozent.

Die Entwicklung an den Finanzmärkten spielt den Währungshütern kurzfristig sogar in die Hände. Bereits im ersten Halbjahr hat die SNB einen Gewinn über 16,1 Milliarden Franken erzielt. Dies hauptsächlich wegen Kursgewinnen auf den Devisenanlagen. Im Euroraum und in den USA sind die Zinsen in den ersten sechs Jahresmonaten gefallen, was zu Anleihenkursgewinnen geführt hat. Profitiert hat die SNB auch von Aktien, die inzwischen 15 Prozent des Portfolios ausmachen.

Ausschüttungen werden wahrscheinlich

Beide Trends haben sich seit der Jahresmitte fortgesetzt, wie etwa der jüngste Rekord des amerikanischen S&P-500-Index verdeutlicht. Der US-Dollar ist es auch, der im zweiten Halbjahr eine stattliche Summe zum SNB-Gewinn beitragen könnte. Dies, sofern sich der erwartete Anstieg des Greenback gegenüber dem Euro – und damit auch gegenüber dem Franken – weiter fortsetzt. Aktuell ist ein Dollar bereits 91,4 Rappen wert, zur Jahresmitte waren es noch 88,7 Rappen.

Dies allein beschert der SNB Buchgewinne von mehreren Milliarden Franken. 27 Prozent der Anlagen sind derzeit in Dollar, weitere 27 Prozent in Währungen wie dem japanischen Yen, britischen Pfund oder kanadischen Dollar. Aufwertungen dieser Währungen gegenüber dem Euro – und damit auch gegenüber dem Franken – würden das SNB-Ergebnis per Ende 2014 zusätzlich erhöhen. Auch das international in Dollar gehandelte Gold könnte den Gewinn wegen des Wechselkurseffekts aufbessern.

Auf lange Zeit an Europa gebunden

Um Ausschüttungen an Bund und Kantone zu tätigen, muss die SNB dieses Jahr rund 10 Milliarden Franken verdienen (sie hat noch eine Hypothek aus dem letzten Jahr aufzuholen). Dieses Ziel sei absolut in Griffweite, sagt CS-Ökonom Botteron. «Die aktuellen Entwicklungen am Finanzmarkt deuten auf einen hohen SNB-Gewinn hin.» Eine Ausschüttung fürs Jahr 2014 sei wahrscheinlich, so Botteron. Gut möglich, dass die Nationalbank mit einem guten Polster ins Jahr 2015 starten kann.

Wie es darüber hinaus aussieht, steht in den Sternen. «Die Abwärtsrisiken bleiben erheblich», pflegt Thomas Jordan dazu oft zu sagen. «Es besteht die Gefahr, dass es zu erhöhter Volatilität auf den Finanz- und Devisenmärkten kommt.» Von Europa bleibt seine SNB so oder so abhängig. Vielleicht sogar bis zum Ende des Jahrzehnts, wie David Marmet sagt. «Der Mindestkurs bleibt möglicherweise bis 2020 in Kraft.» Dies, falls die europäische Wirtschaft nicht von der anziehenden Weltkonjunktur profitieren und entgegen den Erwartungen weiter stagnieren sollte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.08.2014, 13:57 Uhr)

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