Wirtschaft
Migros-Direktorin Girgis tritt ab und kandidiert für das Präsidium
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 04.02.2012 4 Kommentare
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Das Präsidium der Verwaltung des Migros-Genossenschaftsbundes (MGB) verlangt einiges an Flexibilität: Das Pensum beträgt 50 Prozent, bei Bedarf wird aber eine zeitliche Verfügbarkeit von bis zu 100 Prozent erwartet. Nach zwölf Jahren tritt der amtierende Präsident, der Genfer Claude Hauser (70), Mitte Jahr altershalber zurück.
Der Kampf um seine Nachfolge tritt nun in die heisse Phase. Um unbelastet zur Wahl antreten zu können, hat Gisèle Girgis, seit 1998 in der Generaldirektion (GD) und oberste Chefin für Personal, Kultur und Soziales, ihren Rücktritt eingereicht. Die Migros bestätigt entsprechende Informationen des «Bund».
Nun kommt es zur spannenden Ausmarchung unter fünf Kandidaten. Die Migros nimmt dazu aber nicht Stellung.
Gisèle Girgis (63)
Die Ökonomin ist das amtsälteste Mitglied der GD. Sie war die erste Frau im Gremium und wäre die erste Präsidentin. Laut Insidern fehlt es ihr intern aber an Unterstützung, extern fragen sich viele, ob sie das nötige Format mitbringt. Da die GD fest in Deutschschweizer Hand ist, spricht die Westschweizer Herkunft aber für sie.
Doris Aebi (47)
Die Vizepräsidentin der Verwaltung ist ebenfalls langjährige Kennerin der Migros. Die Zürcherin vermittelt Kaderleute; aus ihrer Küche stammte Claude Béglé, der als Post-Verwaltungsratspräsident nach kurzer Zeit den Hut nehmen musste. Als Deutschschweizerin hat sie einen Malus, zudem zweifeln auch bei ihr viele am Format.
Max Meyer (66)
Der Berner Anwalt und Notar präsidiert die erfolgreiche Migros Aare. Er wäre allerdings eine Übergangslösung. Da mit 70 Schluss ist, könnte er genau so lange bleiben, bis allenfalls Migros-Chef Herbert Bolliger ins Präsidium wechseln würde.
Paola Ghillani (49)
Sie ist Mitglied der Verwaltung und hat in Zürich eine Beratungsfirma für Nachhaltiges Wirtschaften. Die Ex-Chefin von Max Havelaar war als Präsidentin von Fairtrade International bereits in einer Präsidialfunktion. Sie ist Verwaltungsrätin beim Internationalen Roten Kreuz, bei Helvetia, Romande Energie und Weleda. Ghillani ist Romande und hat neben dem Schweizer auch den italienischen Pass.
Andrea Broggini (56)
Der Tessiner Wirtschaftsanwalt, wie Ghillani Mitglied der Verwaltung, ist diesseits des Gotthards wenig bekannt. Der Harvard-Absolvent ist VR-Präsident des Anlageberaters Kastor und in Italien Verwaltungsrat der Swisscom-Tochter Fastweb und des Versicherungskonzerns Sai-Fondiaria. Bis 2011 sass er im Aufsichtsgremium von March Limited, einer Holding der deutschen Unternehmerfamilie Engelhorn. Auch Broggini profitiert vom Lateinerbonus.
Das mehrstufige Wahlverfahren läuft dieses Jahr nach einem neuen Modus ab. Im Januar hat das Evaluationsbüro, in dem drei Mitglieder der 111-köpfigen Delegiertenversammlung und drei Vertreter der 23-köpfigen Verwaltung sitzen, die bis zur Meldefrist Ende Jahr eingegangenen Bewerber auf Herz und Nieren geprüft. «Diese Evaluation ist gegenüber früheren Jahren ein Novum und soll verhindern, dass kurz vor der Wahl oder am Wahltag selbst noch jemand portiert wird», sagt Ursula Nold, Präsidentin der Migros-Delegiertenversammlung. Der Vorschlag des Evaluationsbüros geht an die Verwaltung und das Büro der Delegiertenversammlung. Beide geben zuhanden der Delegierten eine Empfehlung ab.
Status quo oder Veränderung?
Klar ist, dass es sich bei der Wahl vom 24. März um eine Richtungswahl handelt: Die Frage, wer das Präsidium übernimmt, ist für die Entwicklung der Migros der nächsten Jahre entscheidend.
Angenommen, die Wahl fällt auf Girgis oder Meyer, wäre dies ein Entscheid für den Status quo. Meyer kann nur vier Jahre im Amt sein und ist ein Mann der regionalen Fürstentümer in der Migros – auch wenn seine Region als sehr innovativ gilt. Girgis soll in der Generaldirektion wenig bewegt haben, als Präsidentin wäre das kaum anders. Beide dürften auf den CEO wenig Einfluss nehmen.
Das andere Szenario: Ghillani oder Broggini machen das Rennen. Dann ist Veränderung angesagt. Beide haben Erfahrung in Verwaltungsräten in börsenkotierten Unternehmen im In- und Ausland. Sie dürften die Rolle des Präsidenten aktiver interpretieren wollen, als dies bei Claude Hauser der Fall war. Herbert Bolliger müsste sich warm anziehen, Konflikte wären programmiert. Ghillani würde mit ihrem Engagement in Nachhaltigkeit die Akzente allerdings völlig anders setzen als Broggini mit seinen Finanzmandaten. Zwischen diesen Polen dürfte der Name Aebi stehen: Veränderungen ja, aber behutsam.
Nicht zuletzt geht es bei der Wahl auch um die Chemie zwischen Präsident und CEO, die zwischen Bolliger und Hauser nie stimmte. Das ging so weit, dass Hauser zeitweise einen eigenen PR-Berater engagiert hatte, der ihm zu mehr Präsenz verhelfen sollte. Bolliger will keinen Vorgesetzten, der sich selber profilieren möchte. Eine schwierige Ausgangslage. Würde Girgis gewählt, käme hinzu, dass die jetzige Untergebene formell Bolligers Chefin würde.
Keine Kandidaturen eingereicht haben die von einigen Medien genannten Christian Biland und Ernst Weber, die Chefs der Genossenschaften Ostschweiz und Luzern. Auch Migros-Chef Herbert Bolliger hat keine Ambitionen.
(Der Bund)
Erstellt: 04.02.2012, 22:31 Uhr
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