«Die SNB überlässt den Franken dem Gutdünken von Mario Draghi»

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz erklärt, weshalb die Aufhebung der Franken-Untergrenze ein grosser Fehler war – und die Einführung des Euro dem Goldstandard ähnelt.

«Die Eurozone funktioniert schlecht», sagt Stiglitz. Foto: Moritz Hager/Swiss-Image

«Die Eurozone funktioniert schlecht», sagt Stiglitz. Foto: Moritz Hager/Swiss-Image

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Wie wird sich die Weltwirtschaft im angelaufenen Jahr entwickeln, und wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?
Ich bin nicht sehr optimistisch. 2016 wird ähnlich werden wie schon das Vorjahr. Das grundlegende Problem bleibt eine zu geringe Gesamtnachfrage in der Weltwirtschaft. Dazu trägt weiterhin die Austerität der Staaten bei – also einschneidende und dauerhafte Sparmassnahmen – sowie die Ungleichheit. Letzteres deshalb, weil jene zuoberst in der Einkommensverteilung weniger von ihren Einkommen ausgeben als jene weiter unten.

Welche Rolle spielt der tiefe Ölpreis? Das müsste doch vielerorts die Nachfrage ankurbeln. Immerhin bleibt den Konsumenten damit mehr Geld übrig.
Interessanterweise bremst auch der tiefe Ölpreis die Weltwirtschaft. Viele Leute dachten, das würde die Konjunktur stimulieren. Aber dabei ging vergessen, dass aus globaler Perspektive der Preiszerfall vor allem eine Umverteilung bedeutet. Die Ölexportländer leiden ­unter geringeren Einkünften, während die Importländer von der günstigeren Energie profitieren. Doch zumindest kurzfristig sind die negativen Effekte für die Ölexporteure grösser als die Vorteile für die Ölimporteure. Denn während die Ölexportländer ihre Ausgaben zwingend einschränken müssen, steigen sie in den profitierenden Ländern nicht unbedingt, weil dort die Unsicherheit gross ist, ob die Preisentwicklung permanent sein wird. Das eingesparte Geld führt dort nicht zu höheren Ausgaben, sondern wird ­gespart.

Für die Schweiz ist vor allem die Entwicklung in Europa von Bedeutung. Ist die Eurokrise Ihrer Meinung nach vorbei?
Nein, das ist sie nicht.In Europa dominiert weiterhin die Austeritätspolitik. Die Länder, die in einer finanziellen Notlage sind, müssen die Ausgaben begrenzen. Aber die Länder, denen es gut geht, werden ebenfalls zur Zurückhaltung bei den Ausgaben aufgefordert. Dazu kommt, dass das Verhalten der Europäer die globale Krise verschlimmert. Der Aussenhandelsüberschuss der Europäer ist mittlerweile grösser als jener von China. Das bedeutet, dass die Europäer den übrigen Ländern der Welt Nachfrage entziehen, die dort, wie erwähnt, bereits jetzt schon schwach ist.

Halten Sie die Einführung des Euro für einen Fehler?
Ja. Er hat die gleiche Wirkung wie der Goldstandard. Es sind keine Anpassungen über die Währungen zwischen den Mitgliedsländern mehr möglich. So ist der Wechselkurs für die Volkswirtschaften der Peripherieländer zu teuer und für Länder des Zentrums zu tief.

Glauben Sie, dass die Eurozone auseinanderbricht?
Die Eurozone funktioniert schlecht. Die aktuellen Probleme werden den Kontinent daher noch lange weiterbeschäftigen: Das Wachstum bleibt schwach und die Arbeitslosenquote hoch. Ob der Euro überlebt, ist vor allem eine politische Frage. Entscheidend wird sein, wie lange die Menschen in Portugal, Spanien oder Griechenland noch mitspielen werden.

Was erwarten Sie? Sie haben die griechische Regierung beraten.
Die Griechen haben sich im vergangenen Jahr an der Urne für zwei Dinge ausgesprochen: Sie wollen den Euro beibehalten, und sie wollen keine einschneidenden Sparmassnahmen. Deutschland hat ihnen gesagt, ihr könnt nur eins davon haben. Beides geht nicht zusammen. Die Antwort der Griechen darauf war, dann akzeptieren wir eben für den Euro die Austerität. Ich rechne damit, dass die Griechen nach weiteren drei Jahren mit einer wirtschaftlichen Depression unter der von Deutschland verlangten Politik eine andere Meinung haben werden.

Glauben Sie, dass Griechenland seine Schulden je zurückzahlen kann?
Nein. Alle wissen, dass die Griechen das nicht können. Auch Deutschland muss es wissen. Dort täuscht man die eigenen Leute, indem man ihnen etwas anderes vormacht.

Wäre Ihrer Meinung nach Griechenland ohne den Euro besser dran?
Ja. Die griechische Währung war nicht überbewertet, als das Land dem Euro beitrat. Der Euro hat das Problem der Überbewertung erst geschaffen. Es floss Geld ins Land, dann kam es zur Inflation, die das Land nicht mehr kontrollieren konnte, und so kam es zu einer real überbewerteten Währung und zu den bekannten Problemen.

Was bedeutet Ihr Pessimismus zur Eurozone für die Schweiz?
Die Probleme der letzten Jahre werden bleiben. Wenn die wichtigsten Handels­partner so schwach sind, ist keine Besserung abzusehen. Und die Leute werden weiter denken, dass der Franken die einzig vernünftige Währung ist. Die Europäische Zentralbank wird ziemlich sicher die Leitzinsen auf Rekordtiefs belassen. Das bedeutet, dass man in der Schweiz wohl irgendwann zum Schluss kommt, dass die Nationalbank wieder eine Untergrenze für den Euro-Franken-Kurs einführen muss.

Hat die Nationalbank noch ­genügend Vertrauen, nachdem die ganze Welt gesehen hat, dass sie davor zurückschreckt, die Untergrenze mit unbeschränkten Eurokäufen zu verteidigen?
Ob man an den Devisenmärkten der ­Nationalbank vertraut, ist zweitrangig. Wichtiger ist, dass sie intervenieren kann. Es kostet fast nichts, Franken im richtigen Umfang zu drucken. Die Gefahr einer Inflation ist ebenfalls gering. Klar steigt mit solchen Käufen die Bilanz an. Aber wenn dort die Menge an Euro ansteigt, bedeutet das nicht, dass die Schweiz deshalb ein armes Land wird.

Gibt es eine Alternative zu einer neuen Untergrenze?
Die Alternative ist, dass der Aufwärtsdruck auf dem Franken bestehen bleibt. Es war ein Fehler, die Untergrenze aufzuheben. Wäre es zu einer Inflation gekommen, hätte die Nationalbank eine geringe Aufwertung zulassen können. Doch aktuell sinken die Preise in der Schweiz sogar. Wenn man überdies glaubt, die Nationalbank überlasse die Währung jetzt dem Markt, dann täuscht man sich. Sie überlässt sie jetzt dem Gutdünken von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Das ist nicht der Markt. Die Frage ist also: Soll der Aussenwert des Frankens in Frankfurt oder in der Schweiz festgelegt werden?

Es gibt Leute in der Schweiz, die für eine Aufgabe des Franken und eine Übernahme des Euro in der Schweiz eintreten.
Das wäre ein grosser Fehler. Der Euro funktioniert nicht. Warum soll man sich mit einem solchen Währungssystem verbinden? Wirtschaftliche Situationen können sich rasch ändern.

Abschliessend eine Frage zu China. Auf den Kapitalmärkten scheinen hier um das Land aktuell besonders grosse Ängste vorzuherrschen.
Die Kapitalmärkte sind von der Realwirtschaft abgekoppelt. Die aktuellen Schwankungen bedeuten, für sich gesehen, nicht viel. Chinesische Finanzmärkte sind so instabil wie jene der USA oder Europas. Die chinesische Führung hat aber gehofft, sie könne diese Märkte irgendwie stabilisieren. Aber es hat sich alles verschlimmert, weil sie einige technische Fehler gemacht hat. Das hat sich negativ auf das Vertrauen ausgewirkt. Probleme mit dem Wandel von China hat aber vor allem die Weltwirtschaft. China setzt nicht mehr auf hohes ­Wachstum durch Exporte und mehr auf Dienstleistungen statt wie bisher hauptsächlich auf die Industrie. Das verändert das ganze internationale Produktions-, Handels- und Preisgefüge – wie wir es bei den sinkenden Rohstoffpreisen gesehen haben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.01.2016, 23:09 Uhr)

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Joseph Stiglitz

Einflussreicher Ökonom

Der 72-jährige US-Wirtschaftswissenschaftler gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen der Welt. Stiglitz lehrt an der New Yorker Columbia-Universität. Zwischen 1997 und 2000 war er Chefökonom der Weltbank. 2001 erhielt er den Nobelpreis für eine Arbeit in Informationsökonomie. (TA)

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