Die USA sind die «neue Schweiz»

Lange hatte Amerika die Schweiz als Steueroase gebrandmarkt. Doch einige US-Staaten verdienen mit Offshorevermögen gutes Geld.

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Einige Vermögensverwalter nennen die USA bereits «die neue Schweiz», andere sprechen von einer «krassen Scheinheiligkeit» in Sachen Steuermoral. Nachdem die USA andere Länder – allen voran die Schweiz – jahrelang wegen ­anonymer Bankkonten bestürmt haben, kehren sie nun den Spiess um. Immer mehr Bundesstaaten ziehen reiche Ausländer an und sichern ihnen den Schutz vor der Offenlegung der Vermögen zu. Das Geschäft kann durchaus legal sein. Doch mindestens 95 Prozent der Gelder sind gemäss Insiderangaben unversteuert. Die USA spielen einen Konkurrenzvorteil gegenüber anderen Finanzplätzen aus, die sich im Kampf gegen die Steuerflucht zum automatischen Informationsaustausch über Bankkunden verpflichtet haben.

Die Entwicklung der USA hin zu einer der grössten Steueroasen der Welt sorgt in Fachkreisen zunehmend für Aufsehen und harsche Kritik. 2016 ist ein wichtiges Jahr. Ab Januar beginnt die Umsetzung neuer, verschärfter Regeln zum internationalen Austausch von Bankkundendaten. Auch die Schweiz hat sich ­verpflichtet, den von der OECD entwickelten Standard zu übernehmen. Nicht so die USA. Sie stehen abseits und verschaffen sich so einen Konkurrenzvorteil als Steueroase, den sie jahrelang dem Schweizer Finanzplatz vorgeworfen haben. Die unabhängigen Experten des Tax ­Justice Network verfolgen den Trend mit wachsender Sorge. Im neuen Länder­bericht stehen die USA bereits auf Platz drei der grössten Steueroasen. Hinter der Schweiz und Hongkong.

Die neueste Avance gegenüber reichen Ausländern mit mutmasslich hinterzogenen Geldern sei aber «eine besonders hinterhältige Ergänzung» zum bereits bestehenden Instrumentarium der USA, kritisiert das Tax Justice Network. Ausländer in den USA gründen jährlich gegen zwei Millionen anonyme Gesellschaften, ohne dass die wahre Identität der Nutzniesser je erhoben würde. Staaten wie Delaware und Pennsylvania haben solche Briefkastenfirmen zu einem Kerngeschäft gemacht, ohne dass ihre Beihilfe zum Verstecken von Steuerflucht- und kriminellen Geldern je sanktioniert worden wäre.

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Umgehung des OECD-Standards

Beim neuesten Eroberungszug auf Auslandkunden geht es um ein halbes Dutzend Bundesstaaten, die in den letzten drei Jahren die Bildung von Trusts durch Ausländer erleichtert haben. Sie werden formell von einem US-Stiftungsverwalter geführt und entgehen so dem strikten OECD-Standard der Offenlegung. Nevada, South Dakota und Wyoming haben eine führende Rolle übernommen, wie Insider berichten, doch sind auch New Hampshire und Alaska daran, sich als Offshoreplätze zu etablieren. Der ­Effekt ist klar ersichtlich: «In vieler Hinsicht können nun die USA – und insbesondere Nevada – in ähnlicher Weise benutzt werden wie bis anhin die Cayman- oder Kanalinseln», erklärt Andrew Penney, Chef der Vermögensplanung der Privatbank Rothschild.

Die Bank gründete 2013 in Nevada einen spezifischen US-Trust mit der erklärten Absicht, das zuvor in anderen Offshoreregionen parkierte Auslandvermögen anzuziehen. Auch sechs Millionen Amerikaner, die im Ausland lebten, wollten vom Steuerhafen USA profitieren, erläutert Penney im bankeigenen Magazin und betont, es gehe strikt um legale Geschäfte. Rothschild hatte im vergangenen Jahr den Steuerstreit mit den USA beigelegt, eine Busse von 11,5 Millionen Dollar bezahlt und die Konten von fast 300 US-Steuerflüchtigen mit einem Vermögen von 794 Millionen Dollar aufgehoben.

«Ironisch und pervers»

Dass Trusts in den USA auch legalen Zwecken dienen, ist unbestritten. So wie auch Stiftungen und andere steuerbefreite Anlagevehikel in der Schweiz oder der Karibik legitim sein können. Doch wer legal handelt, müsste die Offen­legung der Kontendaten nicht fürchten. Diesen Schutz der Privatsphäre sichern die US-Bundestaaten den reichen Kunden zu. «Nevada oder Wyoming sind keine klassischen Finanzplätze. Sie stellen diese Trusts auf, um den Banken in Florida und Texas zuzudienen», so Peter Cotorceanu, Steueranwalt bei der in Zürich niedergelassenen internationalen Kanzlei Anaford. Dabei nutzten sie den Druck der Bankenlobby. Sie blockierte im Kongress die Übernahme des automatischen Informationsaustausches von Bankkundendaten. «Wie ironisch und pervers ist es doch, dass die USA das Bankgeheimnis nun selber zu ihrem geltenden Recht gemacht haben», sagt ­Cotorceanu dem TA. «Die Verurteilung der Schweizer Banken durch die USA ­erscheint nun mehr als scheinheilig.»

Die Regierung Obama hat offiziell zugesichert, beim vollen und automatischen Informationsaustausch mitzumachen, doch konkret steht das Land – mit exotischen Finanzzentren wie Bahrain und Vanuatu – dem OECD-Abkommen ablehnend gegenüber. Erklärt wird dies durch den Widerstand im Kongress und dass man mit dem Fatca-Vertrag bereits ein Informationsabkommen zur Hand habe. Dies sind für Cotorceanu vorgeschobene Gründe: «Die Bankenlobby hat den republikanischen Kongress im Griff. Daran dürfte sich auch nach den Wahlen im Herbst nichts ändern.» Mit anderen Worten: Mit einer fort­gesetzten Opposition gegen den vollen Informationsaustausch ist zu rechnen.

Im Bundeshaus verfolgt man die Entwicklung mit Skepsis, auch wenn man offiziell keine Kritik üben will. «Im Moment gilt mit den USA nur Fatca 2, der aber keine Reziprozität des Datenaustausches erlaubt», sagt Beat Werder, Mediensprecher des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen (SIF). «Der Bundesrat verhandelt deshalb mit den USA, um Fatca 1 einzuführen, wie ihn die meisten anderen Länder übernehmen wollen. Er würde die volle Gegenseitigkeit bringen.» Die Verhandlungen gestalten sich dem Vernehmen nach harzig. Das erstaunt gemäss Steuerexperten nicht. Die USA seien mit dem Status quo mehr als zufrieden, sagen sie, weil sie von der Schweiz bereit alles erhalten haben, was sie konnte. Neue Regeln bringen ihnen keinen Vorteil mehr.

Exodus hat begonnen

Die Blockierung des vollen Datenaustausches «ist ein starker Wachstumsmotor für unser Geschäft», bestätigt beispielsweise die Bolton Global Capital, eine ­internationale Vermögensverwaltungsfirma. Wegen des bevorstehenden OECD-Standards habe «der Exodus ­speziell aus der Schweiz begonnen», erklärte Firmenchef Ray Grenier der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Wie viele Gelder aus der Schweiz in den USA ­gelandet sind, ist nicht bekannt. «Der grosse Zufluss wird erst im Laufe dieses Jahres einsetzen», sagt Cotorceanu. «Die Kunden beginnen erst langsam zu begreifen, dass der internationale Datenaustausch greifen wird.» Obwohl US-Trusts legitim sein können, so ist auch deren zunehmender Missbrauch Realität. «Mindestens 95 Prozent der Gelder sind unversteuert.»

Ob die neue US-Steueroase ausgehebelt werden kann, ist fraglich. Immerhin gibt es in der OECD und der EU Ansätze zu Lösungen, unter anderem in der Form von Rückhaltesteuern von 35 Prozent auf US-Vermögen. Vielleicht hilft auch der internationale Druck: «Wir erwarten, dass die USA in naher Zukunft ihr Versprechen einlösen und sich wie versprochen dem OECD-Standard anschliessen», meint SIF-Sprecher Werder. «Es ist wichtig, dass der grösste Marktteilnehmer dabei ist, wenn der auto­matische Informationsaustausch seinen Zweck vollständig erfüllen soll.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.02.2016, 23:06 Uhr)

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